Erinnerung und Mahnung

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte in Götzenhain sechs Stolpersteine. Im Hintergrund zu sehen sind: Manuela Schneider und Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde, die sich an der Aktion beteiligten und über die Schicksale der Opfer berichteten. Foto: Sauda

Dreieich - Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte sechs Stolpersteine in Götzenhain

Götzenhain Die Spitze seines rechten Schuhs ist so abgewetzt, dass die Stahlkappe blank hervorglänzt. Das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich nimmt der Kölner Künstler Gunter Demnig immer eine gewisse Haltung ein, wenn er seine Stolpersteine verlegt. Und das waren in den vergangenen Jahren mehr als 18 000 an 406 Orten.

Nun kniet er am Samstagvormittag vor dem Haus Nummer 53 in der Langener Straße und verlegt einen von insgesamt sechs Stolpersteinen in Götzenhain. Diese zehn mal zehn mal zehn Zentimeter großen Steine sollen an die Opfer der Nazi-Herrschaft erinnern. Weitere installiert er in der Wald- und in der Brühlstraße. Trotz dieser Menge und obwohl „ich nichts anderes mehr tue“, kommt bei ihm nie Routine auf. Im Gegenteil. „Wenn ich die Buchstaben einschlage in die Platte, bekommt der Stein eine Bedeutung“, sagt Demnig nach der Aktion.

In der Langener Straße lebte Konrad Jost, Gründer der kommunistischen Ortsgruppe, der in Auschwitz ums Leben kam. Während Demnig den Stein in den Gehweg einfügt, informieren Julia Angermann und Juliane Hackel, zwei von sechs Konfirmanden, die die Aktion begleiten, die rund 70 Anwesenden über Josts Schicksal. „Ich finde es gut, dass dieser Stein hier verlegt wird, denn er bedeutet für mich, dass so eines Regimegegners gedacht wird“, betont Karl Stroh, Neffe des Opfers. „Es ist schon traurig, dass man etwa für gefallene Soldaten Gedenkstätten geschaffen hat, aber Leute wie mein Onkel, die Widerstand geleistet haben, vergessen wurden“, so der Nachfahre von Konrad Jost.

„Ihre Kunst ist Kunst zum Nachdenken und die zum Herzen geht“, sagt Pfarrerin Martina Schefzyk. Sie hatte gemeinsam mit Manuela Schneider, Initiatorin der Stolpersteinaktion in Dreieichenhain, vor rund drei Jahren die Verlegung in Götzenhain in die Wege geleitet. „Sie holen die Menschen in unser Gedächtnis zurück und machen Geschichte lebendig“. Anschließend singen Klaus-Peter Meeth, Lehrer an der Weibelfeldschule, und die Pfarrerin mit allen „Die Moorsoldaten“, ein Lied, das 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor bei Papenburg im Emsland geschrieben worden ist.

Vor dem Haus in der Brühlstraße 19, in dem das Euthanasieopfer Georg Lauer lebte, erzählen Niklas Klever und Hendrik Kraus über dessen Schicksal -  er kam in Hadamar ums Leben. Anschließend verliest der Leiter der Initiative in der Weibelfeldschule, Theo van Dieken, Auszüge aus der Predigt des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, in der dieser am 3. August 1941 die Nazis als Mörder angeprangert und sie an das Gebot „Du sollst nicht töten“ erinnert hat.

An der letzten Station in der Waldstraße gedenken Ruth Wadenpohl und Marco Jung der Familie Bendheim, die zur Flucht gezwungen wurde. Jörg Roggenbuck, Diplom-Theologe und Stadtverordneter der Grünen, verliest zur Erinnerung an die vertriebene jüdische Familie das Kaddisch für Trauernde.

In seiner Rede im „Darmstädter Hof“ im Anschluss an die Verlegung bezeichnet Bürgermeister Dieter Zimmer die Stolpersteine als „Erinnerung und gleichzeitig Mahnung, dass so etwas nie wieder passieren darf“. Er sei froh, dass es solche Menschen wie Gunter Demnig gibt, die sich für die Erinnerung an jedes einzelne Opfer einsetzen. Des Weiteren bedankt er sich bei den Initiatorinnen. Zimmer: „Die Erinnerung an die Opfer des Naziregimes ist uns heute ein gemeinsames Anliegen. Wir dürfen nicht zusehen, wie Erinnerung geschwächt oder verwischt wird.“

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