Rathaussturm in Dreieich

Vor Dudelsack & Artillerie kapituliert

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Der Bürgermeister ist gefangen, und dieser Schlüssel passt sicher nicht zu den Handschellen.

Dreieich - Schotten! Ausgerechnet mit einer schottischen Speerspitze haben die Dreieicher Narren am Samstagabend das Rathaus erstürmt, die Stadtkasse – leider nur voller Bonbons – geraubt und Bürgermeister Dieter Zimmer aus dem Amt vertrieben. Von Leo F. Postl

Die Belagerung fängt recht harmlos an, für die Stadtoberen eigentlich nicht erkennbar. In der Dämmerung des Samstagnachmittags schleichen einige „komische Gestalten“ durch die Straßen von Sprendlingen und versammeln sich auf dem Lindenplatz. Allmählich wird die Narrenschar immer größer, und bald formiert sie sich zur Marschordnung und zieht los gen Verwaltungsburg. Vorneweg die Standartenträger des Dreieicher Karnevalvereins, danach, als Taktgeber, das Trio der „First MP3 Pipes & Drums“. Fackeln werden entzündet, ein Böller gibt das Startzeichen.

„Was ist denn das für ein komisches Geräusch?“, wundert sich Bürgermeister Dieter Zimmer im Rathaus. Der Blick aus dem Fenster verschafft Klarheit: „Da kommen welche auf uns zu!“ Kaum gesagt, durchschlägt Donnerhall Dunkel und Stille – das Prinzenpaar und seine närrischen Scharen belagern den Eingang der Verwaltungsburg. „Was kommt denn da für ‘n wüster Krach, aus dem Landkreis Offenbach?“, ruft das Stadtoberhaupt frei nach den Rodgau Monotones aus dem Fenster. Klarer Fall: „Des sin’ die Schotte – voll im Suff. Seit Wochen nerven Prinzenpaar und diese – wolle gründlich uns den Spaß vermiese“, so Zimmers Reim-Analyse.

„Erbarme – zu spät! Die Schotte komme!“ schallt es passenderweise von Prinz Mario I. und Prinzessin Bettina I. samt Hofstaat zurück. „Was wollt ihr denn schon wieder hier? Macht euch bloß fort von meiner Tür! Mir lasse euch doch net enei, ab mit euch, sonst gibt’s Geschrei!“, warnt der Rathauschef. „Zu spät – die Schotte komme!“, so die Reposte von unten. „Rück’ bloß jetzt den Schlüssel raus, sonst isses mit dem Frieden aus. Gewöhn’ dich gar net an dei Amt, mir nemme des jetzt in die Hand“, kontern die Tollitäten.

Bilder vom Rathaussturm

Narren stürmen das Rathaus

„Was seid ihr denn für komisch Pack? Schotte hier, nix unnerm Rock, da schüttle mir doch nur de Kopp. Was solle die Marotte, mir brauche hier doch keine Schotte!“, wagt der Bürgermeister einen letzten Abwehrversuch. Dann aber donnert es mehrmals ganz gewaltig aus der Narren-Artillerie – mit gewünschter Wirkung: „Die schieße glatt alles kaputt – nur deshalb geb’ ich uff“, gibt sich der Kommandant der Verteidiger geschlagen und lässt gemeinsam mit Erstem Stadtrat Martin Burlon den großen Schlüssel fürs Eingangstor aus dem Fenster hinab. Den greift sich sofort der Prinz, zeigt ihn stolz den Untertanen und macht sich ans Werk. Die Tür öffnet sich und mit großem Hallo geht’s ins warme Innere.

Im Chefzimmer des Rathauses versucht Stadtrat Heinz-Georg Stöhs noch tapfer, die Stadtkasse mit der „Kraft der Kakteen“ zu verteidigen. „Die solle sich die Finger erst mal schön wund steche, bevor sie an unser Geld komme.“ Doch Prinz Mario I. und Prinzessin Bettina I. meistern auch diese Hürde und feiern noch lange ausgiebig ihren Coup. Tenor des Narrenchors: „Vor Aschermittwoch kriegt uns hier keiner mehr raus.“

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