„Varieté unter Sternen“

Vom Lido in die Burg

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Perfekte Körperbeherrschung: Yuri Tikhonovich mit seiner Handstandakrobatik.

Dreieichenhain - Wer jemals im Tigerpalast zu Gast war, der weiß, dass zwischen einem Jonglageakt im Zirkusstil und hochkarätigem Varieté Welten liegen können. Von Maren Cornils

Einen ganzen Abend mit Akrobatik, Zauberei und Trapezkunst zu bestreiten, ohne dabei den Spannungsbogen zu verlieren, ist daher kein leichtes Unterfangen. Umso erfreulicher ist das, was die Besucher von „Varieté unter Sternen“ bei drei Vorstellungen von Freitag bis zum gestrigen Sonntag bei den Burgfestspielen Dreieichenhain zu sehen bekommen: Da geben sich an einem für den Sommer 2012 überraschend perfekten, weil lauen Sommerabend hochkarätige Künstler wie Gina Althoff oder Yuri Tikhonovich die Ehre, die durchaus das Format für einen Auftritt im berühmten Pariser Lido gehabt hätten oder – im Falle Tikhonovichs – sogar haben.

Magische Momente mit Tanja & Frida.

Angenehm erfrischend präsentiert sich auch die Moderatorin, die „Schweizer Vollmilch-Komikerin“ Babette, die den an sich undankbaren Akt des Ansagens mit so viel Charme und mitreißendem Humor ausübt, dass man sie getrost selber zu den Künstlern rechnen darf. Ebenso wie das clowneske Musiker-Trio „The Bombastics“, das zwar nicht auf der Bühne zu erleben ist, den Zuschauern vor dem Programmstart und in der Pause jedoch mit Rock’n’ Roll- und Bluesklängen ordentlich einheizt.

Nur sechs Künstler umfasst das kleine, aber feine Programm, dafür aber sind die Acts, und das ist ganz klar das Verdienst der Veranstalter, handverlesen: Nach einer Antipoden-Jonglage von Gina Althoff, in der die grazile Nachkommin der legendären Zirkusfamilie lässig Scheiben, Kissen, Bälle und sogar riesige Kisten auf ihren Füßen Samba tanzen lässt, sorgt der muskulöse Yuri Tikhonovich für andächtiges Staunen im Publikum des Burggartens.

Zu melancholischer Chansonmusik zeigte er mit waagerechten Handständen und einhändigen Balanceakten auf einer rotierenden Sanduhr, dass akrobatische Anmut nicht nur eine Sache der Muskeln, sondern auch der Konzentration und vor allem der Körperbeherrschung ist. Und wenn sich Tikhonovich am Ende seiner Show in perfekter Choreografie scheinbar mühelos zur Form einer segelnden Möwe entfaltet, dann mutet das wie eine Kunstinstallation an und hat den aufbrandenden Applaus mehr als verdient.

Temporeicher kommt Nato Nikolaishvili daher: Bis zu 20 Hula-Hoop-Reifen lässt die Artistin synchron um ihre Hüften rotieren, was ihr das Aussehen einer Riesensspirale verleiht. Nicht nur für Conferencier Babette der beste Beweis dafür, dass Hüftringe an sich nicht schlimm sind: „Es kommt halt nur darauf an, wie man sie trägt.“

Delfingeschnatter und Chillout-Musik

Ganz neue Wege in Sachen Varietékunst geht schließlich „Get the Shoe“: Die klassische Kegel-Jonglage gerät bei dem Herren-Duo zu einer mit futuristischer Musik unterlegten fernöstlichen Karatedarbietung, in der sich die Künstler in rasantem Tempo Kegel zuspielen und umeinander wirbeln.

Im wahrsten Sinne rund läuft es auch im zweiten Teil des Abends, den Herr Benedict mit einer klassischen Rhönrad-Nummer eröffnet. Der echte Höhepunkt des zweiten Teils jedoch folgt mit dem Damen-Duo „Neptuna“ und seiner Unterwasser-Luftakrobatik.

Herr Benedict scheint die Schwerkraft auszuhebeln.

Wenn sich die als Nixen verkleideten Artistinnen zu sphärischer Musik, Delfingeschnatter und Chillout-Musik verknoten, am Seil durch das Mondlicht segeln und wie verspielte Nymphen durch die Luft wirbeln, dann wirkt das fast surreal und schlägt die Zuschauer völlig in den Bann. Kein Wunder also, dass diese nach einem erneuten Auftritt Tikhonovichs als Odysseus – der aus dem „Tigerpalast“ bekannte Magier Otto Wessely steht zwar im Programm, tritt aber an diesem Abend nicht auf – restlos begeistert aus der Mondlicht beschienenen Burgarena strömen.

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