„Förderung auf hohem Niveau“

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Erzieherin Veronika Martin und die Kinder des Förderkurses „ Bewegte Sprache“. Im Hintergrund schauen die interessierten Gäste, darunter Staatssekretärin Petra Müller-Klepper (2. von rechts), interessiert zu.

Sprendlingen ‐ Laute Musik schallt aus dem Turnraum im Kindergarten der Versöhnungsgemeinde. Mitarbeiterin Veronika Martin und eine kleine Gruppe von Kindern joggen dazu im Kreis und versuchen, einander zu überholen. Von Manuel Schubert

Nach einer kurzen Trinkpause geht es weiter im Programm: Die Erzieherin erzählt die Geschichte von Klaus, dessen Opa Holz hacken muss und daher keine Zeit hat, um sich mit ihm zu beschäftigen. Eifrig spielen die drei Jungen und das Mädchen die Szene pantomimisch nach und haben sichtlich Spaß dabei. Die vier nehmen Teil am Intensivförderkurs „Bewegte Sprache“ des Kindergartens der Versöhnungsgemeinde. Petra Müller-Klepper, Staatssekretärin im hessischen Sozialministerium, stattete der Gruppe gestern Morgen einen Besuch ab und zeigte sich hellauf begeistert.

Das Programm wurde vom Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) in Zusammenhang mit der Sprendlinger Kindertagesstätte entwickelt und wird bereits zum fünften Mal angeboten. „Der Kurs ist speziell auf Kinder zugeschnitten, die in ihrer Entwicklung etwas hinterher sind und mit dem normalen Förderprogramm schlichtweg überfordert wären“, berichtet Ursula Abeln, Vorsitzende des DKSB. „Zwar geht es eigentlich um die Sprachförderung, dennoch ist es uns mindestens ebenso wichtig, den Kindern beim Aufbau von Beziehungen zu helfen. Denn wenn man keine Beziehungen hat, kann man auch nicht sprechen“, so Abeln weiter.

„Wir-können-etwas-Gefühl“

Ziel sei es nicht nur, für einen guten Start in den „Ernst des Lebens“ nach dem Kindergarten zu sorgen, sondern auch die Kinder am dritten Kindergartenjahr teilnehmen zu lassen. Dadurch kämen sie bereits mit einem „Wir-können-etwas-Gefühl“ in die Schule und seien so mit weitaus weniger Startschwierigkeiten konfrontiert. „Hiermit liefern wir den Betroffenen einen Baustein“, so Abeln weiter, „der sich einfügt in das, was vorher war und das, was nachher kommt. Das gab es in dieser Form bisher nicht“.

Viele der betreuten Kinder hätten vorher gar nicht gesprochen (oft handelt es sich um Kinder mit Migrationshintergrund), mittlerweile durch das „heimische Klima“ aber schon beachtliche Fortschritte gemacht, berichtet sie außerdem. Auch Christina Martin-Herzog, Leiterin des Kindergartens, bestätigt: „Das Ergebnis ist äußerst positiv, man merkt einen deutlichen Unterschied“.

„Hier wird die Persönlichkeit gestärkt“

Drei Mal pro Woche trifft sich die kleine Gruppe für je eineinhalb Stunden. In vielen kurzen Spielen werden dabei viele für den Alltag notwendige Dinge erarbeitet. So lernen die Kinder neben dem Sprechen beispielsweise auch den Unterschied zwischen rechts und links, wie man sich begrüßt, höfliches Bitten und vieles mehr. Geduldig geht Veronika Martin dabei auf die Bedürfnisse ihrer kleinen Schützlinge ein, schlichtet Streit und wiederholt jede Anweisung so oft, bis sie auch wirklich jeder verstanden hat.

„Eindrucksvoll“ nannte Petra Müller-Klepper Martins Arbeit mit den Kindern und lobte die angenehme Atmosphäre: „Man hat förmlich gespürt, wie die Förderung sofort wirkt. Hier wird nicht nur die Sprache, sondern auch die Persönlichkeit gestärkt“.

Handbuch für „Bewegte Sprache“

Weiterhin freute sie sich über die innovative Art des Projekts und sprach von „optimaler individueller Förderung auf hohem Niveau“. Sie betonte, man erkenne darin die Qualität der Kindertagesstätte und sei von Seiten des Sozialministeriums gerne bereit, das Angebot weiter zu unterstützen. Landrat Oliver Quilling und der Landtagsabgeordnete Hartmut Honka sahen auch zu und waren fasziniert.

Die gesammelten Erfahrungen sollen nun festgehalten werden: Ingrid Schneider, pensionierte Grundschullehrerin, die das Projekt einst konzipierte, arbeitet mit dem Kindergarten und dem DKSB an einem Handbuch, das bald erscheinen soll, um „Bewegte Sprache“ über die Grenzen Dreieichs hinaus zu ermöglichen.

Jochen Spengler, Pfarrer der Versöhnungsgemeinde, zeigte sich ebenfalls beeindruckt und erklärte, dass die Arbeit mit den Kindern erste Früchte trage: „Wenn die Kinder früh gefördert werden, wirkt dies auch in die Familien hinein. 90 Prozent der Eltern unserer Kindergartenkinder kommen nicht aus Deutschland und haben ebenfalls große Sprachdefizite. Daher war lange Zeit die Scheu vor der Mitarbeit groß, doch das hat sich seit ‚Bewegte Sprache‘ stark verändert“.

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