Gedenkfeier zur Reichspogromnacht

Erinnerung an Opfer wachhalten

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Stadtverordnetenvorsteherin Bettina Schmitt hält ihre Gedenkrede auf dem Jüdischen Friedhof in Sprendlingen vor dem Denkmal, das an die deportierten Juden erinnert.

Sprendlingen - Ein weiteres Zeichen gegen das Vergessen setzt eine Informationstafel der Freunde Sprendlingens am Jüdischen Friedhof. Erinnert wird an die Juden, die 1935 in Sprendlingen lebten, und an ihr Schicksal. Von Holger Klemm 

Die Informationstafel wird von zwei Sandsteinpfosten eingerahmt, die früher an der Einfahrt zum Hof der ehemaligen Synagoge standen.

Vorgestellt wurde die Tafel während der gestrigen Gedenkfeier zur Reichspogromnacht am 9. November 1938. Eindringliche Worte findet Stadtverordnetenvorsteherin Bettina Schmitt bei ihrer Rede vor zahlreichen Besuchern, unter ihnen Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung. Es gelte die Erinnerung an die damals Verfolgten und Ermordeten wachzuhalten und ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. „Mit Ihrer Teilnahme an der Gedenkfeier bekennen Sie, dass in Dreieich kein Unrecht mehr geschehen soll und wir dafür Sorge tragen wollen, dass in unserer Stadt keine schweigende Mehrheit mehr ängstlich wegschauen wird, wenn Unrecht droht oder geschieht“, betont Schmitt und geht auch auf die aktuell noch immer vorhandenen rechtsextremistischen Gedanken in Deutschland ein. „Deshalb heißt aus der Geschichte lernen, dass wir die Integration der bei uns lebenden Nichtdeutschen fördern und unterstützen wollen, dass wir aufklären, um rechts- und linksextremen Parteien, Demagogen und Rassisten den Nährboden zu entziehen, dass durch Information und Wissen Verständnis für anderslebende und -glaubende Menschen geschaffen wird und die Menschen aufeinander zu gehen.“ Es sei Aufgabe der Politiker und Verantwortlichen in der Stadt, wachsam zu sein, „um extremen Bestrebungen klar und entschlossen entgegentreten zu können“. Wichtig sei ein Rahmen, damit die Menschen in Dreieich in einem vertrauten Miteinander und in gegenseitiger Akzeptanz ihr Leben führen und gestalten können, wünscht sich Schmitt.

In Sprendlingen gibt es bereits einige sichtbare Erinnerungen an das jüdische Leben wie die Mikwe, das Denkmal für die Deportierten auf dem Jüdischen Friedhof, die Hinweistafeln zum ehemaligen Standort der 1938 zerstörten Synagoge sowie Stolpersteine. Diese werden nun ergänz durch die neue Informationstafel am Jüdischen Friedhof, die von Wilhelm Ott, Vorsitzender der Freunde Sprendlingens, im Anschluss an die Rede näher erläutert wird.

Als Grundlage diente eine Liste aus dem Jahr 1952, die sich im Stadtarchiv fand. Neben Namen und Adressen der Juden, die 1935 in Sprenlingen lebten, fanden sich auch Anmerkungen zum weiteren Schicksal. „Die Bemerkung ,nach Osten’ bedeutete Tod in den Vernichtungslagern“, so Ott. Auf der Tafel sind zudem auf einem Stadtplan die Wohnungen und Häuser jüdischer Bürger markiert. Hinzu kommen historische Fotos wie eine Luftaufnahme von Sprendlingen aus den 30er Jahren. „Das ist eine der wenigen Fotos, auf denen die Synagoge zu sehen ist“, berichtet Ott. Hinzu kommen auf der Tafel weitere Informationen zum Jüdischen Friedhof, der Mikwe und der zerstörten Synagoge. Ein QR-Corde leitet zu dem im Internet verfügbaren Buch „Die Sprendlinger Juden“, das von den Freunden Sprendlingens herausgegeben wurde.

Engel und Mausoleum: Unterwegs auf dem Alten Friedhof

Umrahmt wird die Tafel von zwei geschichtsträchtigen Torpfosten. „Sie standen früher einmal in der Hauptstraße an der Einfahrt zu dem Hof, in dem die Synagoge erbaut wurde.“ Dazu kann Ott einiges erzählen. Die Pfosten waren später vor einem Haus im Heckenborn aufgestellt. Als das Haus abgerissen werden sollte, machte Erster Stadtrat Martin Burlon die Freunde Sprendlingens darauf aufmerksam. Der Hausbesitzer schenkte die Pfosten dem Heimatverein. „Doch bevor sie gesichert werden konnten, wurden die Kapitelle gestohlen“, berichtet Ott. Erst nach einem Aufruf in der Presse und einer Strafanzeige tauchten sie wieder auf. Die Freunde Sprendlingen freuen sich nun, einen passenden Platz für die Pfosten im öffentlichen Raum gefunden zu haben.

Möglich wurde das Projekt durch die Unterstützung der Stadt und des Kreises sowie private Spenden. Ott dankte der Firma Burkard für die kostenlose Sicherung, Lagerung, Restaurierung und Aufstellung der Sandstein-Torpfosten. Unabhängig von der Informationstafel hätten die Freunde Sprendlingens nichts gegen weitere Stolpersteine einzuwenden. Der Verein würde private Initiativen dazu unterstützen, betont Ott auf Anfrage. Im Anschluss an die Gedenkfeier bietet Ludwig Schäfer einen Spaziergang zur ehemaligen Synagoge und Wissenswertes zu den Juden in Sprendlingen.

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