Prägende Erfahrung hinter Gittern

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Auch Dekan Reinhard Zincke (rechts) gratulierte Winfried Gerlitz zu seinem 25-jährigen Ordinationsjubiläum.

Sprendlingen - Er ist es gewohnt, dass alle Blicke auf ihm ruhen. Doch die Aufmerksamkeit am Wochenende war auch für Winfried Gerlitz (56) außergewöhnlich. Vor genau 25 Jahren wurde der Pfarrer der evangelischen Erasmus-Alberus-Gemeinde ordiniert. Von Cora Werwitzke

Seit 22 Jahren lebt und arbeitet der gebürtige Bayer in Sprendlingen.

„Ich habe schon als Kind vor meinen Stofftieren Gottesdienste gehalten“, sagt Gerlitz schmunzelnd. Auf der Blockflöte spielte er damals den Choral „Befiehl du deine Wege“ rauf und runter. Kein Wunder also, dass es Winfried Gerlitz später auf die kirchliche Hochschule ins mittelfränkische Dorf Neuendettelsau verschlug. Dort wurde studiert – doch bei Weitem nicht nur: „Gleich im ersten Semester lernte ich meine Frau Ruth kennen“, erzählt der Pfarrer. Ihr sei es auch zu verdanken, dass er nach Sprendlingen kam. „Sie hat mit der Landeskirche Hessen-Nassau ihre Wurzeln in der Region.“

Erfahrungen im Gießener Vikariat

Zunächst sammelte Gerlitz Erfahrungen in seinem Gießener Vikariat. Unter anderem arbeitete er im Krankenhaus und bei der Telefonseelsorge. „Anrufe kamen öfters mitten in der Nacht“, schildert der Pfarrer und lächelt bei der Erinnerung daran. „Den Leuten weiterzuhelfen, obwohl man selbst gerade aus dem Bett kam – das war eine Herausforderung.“

Die nächste Station führte Gerlitz nach Alsfeld, wo er 1987 von Propst Helmut Grün ordiniert wurde und sich mit seiner Frau Ruth eine Pfarrstelle teilte. „Das war gern gesehen, noch im Studium wurde uns gesagt, dass es zu viele Pfarrer gebe, um sie alle unterzubringen“, schildert der Geistliche. Für das junge Ehepaar war die Teilung ihrer ersten Pfarrstelle auch ein bewusster Schritt: „Uns kam das gelegen. Wir wollten Zeit für Familie haben.“ Postwendend kam noch 1987 Sohn Paul-Anton auf die Welt.

„Schöne Kirche, gute Wohnsituation“

1990 schaute sich Familie Gerlitz nach einer neuen Stelle um. In Sprendlingen wurde sie fündig. „Schöne Kirche, gute Wohnsituation, die Offenheit des Kirchenvorstands und die Mentalität der Menschen – das passte“, so Pfarrer Gerlitz. Bis 2001 teilte er sich die Stelle mit seiner Frau, die dann an die Schule wechselte. Das Arbeitsleben des Pfarrers beschränkte sich in den vergangenen 22 Jahren jedoch nicht allein auf die Alberus-Gemeinde. Ab 1997 hatte Gerlitz eine halbe Stelle als Gefängnisseelsorger in Weiterstadt inne. „Diese Zeit hat mich geprägt“, sagt er. „Ich lernte dort, ganz anders aufzutreten. Die Insassen sitzen eben nicht so brav und ruhig da wie die Gemeinde.“ Der musikalische Pfarrer gründete im Gefängnis einen Chor. Bis heute merkt man ihm die Intensität an, mit der er die Arbeit im Gefängnis bis 2001 betrieb: „Ich bin in dieser Tätigkeit aufgegangen, habe von den Gefangenen Freundlichkeit und Wärme zurückbekommen. Aber die Zeit ging auch an die Substanz.“

Seit mehr als zehn Jahren liegt sein Fokus auf Sprendlingen. Gospelchor, Gesprächsseminare, die Reihe „Anderer Gottesdienst“ und die sogenannten Läufergottesdienste brachte er auf den Weg. Letzteres sei einer Verbindung von Hobby und Beruf geschuldet, sagt der 56-Jährige, der seit 30 Jahren Marathon läuft. „Gemeindemitglieder und Läufer kommen zusammen“, beschreibt der Pfarrer. Zudem lade er Gäste ein – wie 2010 den Extremsportler Alexander Habdank, der 250 Kilometer durch die Sahara lief. 2012 hat sich Gerlitz selbst wieder zwei Marathonläufe vorgenommen.

„Wir müssen immer mehr kämpfen“

Inspiration für seine tägliche Arbeit und wöchentlichen Gottesdienste schöpft der agile Pfarrer aus seinen Erfahrungen. Auch aus einer vierjährigen Zusatzausbildung zum Gestalttherapeuten. „Mit immer neuen Impulsen geht die Lust am Beruf nicht verloren“, ist Gerlitz überzeugt.

Wobei äußere Umstände dem optimistischen Pfarrer mehr und mehr einen Strich durch die Rechnung machen: „Die finanziellen Mittel aus den Landeskirchen werden jedes Jahr knapper“, schildert der Geistliche. „wir müssen immer mehr kämpfen.“ So warten neben Taufen, Trauungen und Trauerfeiern noch ganz andere Aufgaben: „Ich verwende immer mehr Zeit auf Verwaltungsarbeit und Dienste, die in den Aufgabenbereich eines Küsters fallen, wie die Dekoration der Kirche.“ Die Entwicklung bereitet ihm Unbehagen: „Denn genau diese Zeit fehlt am Ende bei der Seelsorge.“

Beim Anderen Gottesdienst am Sonntagnachmittag wurde auch das Ordinationsjubiläum gefeiert.

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