Gegen jede Alternative

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In der überfüllten evangelischen Kirche forderten die Buchschlager mit Nachdruck den Erhalt des Schneckenbrunnens und den Verzicht des Verkaufs jenes Areals, auf dem er steht. Eine Verlegung des Brunnens wird nicht akzeptiert.

Buchschlag ‐ Die Forderung der Buchschlager Bürger an die Stadt ist deutlich, wie sie deutlicher nicht sein könnte: kein Abriss des Schneckenbrunnens auf dem Areal vor dem ehemaligen Bürgersaal, kein alternativer Standort. Von Klaus Hellweg

Statt dessen soll auf dem Gelände eine der vorgesehenen acht Bauparzellen von der Stadt nicht verkauft, sondern für die Beibehaltung des Brunnens an seinem jetzigen Standort in öffentlichem Besitz gehalten werden. Die Buchschlager evangelische Kirche war vorgestern Abend überfüllt, als Bürgerverein, Kultureller Förderkreis und Buchschlager Geschichtsverein zu einer Bürgerversammlung eingeladen hatten, um unter dem Motto „Ausverkauf von Buchschlag?“ noch zu retten, was zu retten ist. Und nicht einer der Anwesenden vertrat in der knapp zweistündigen Veranstaltung eine andere Meinung als die, den Brunnen des Offenbacher Künstlers Bernd Rosenheim dort zu belassen, wo er ist.

Brunnen sei „Teil dieser Landschaft“

Gleich bei seiner Begrüßung stelle Walter Jaich, Vorsitzender des Bürgervereins („Ich hätte Sie lieber im Bürgersaal willkommen geheißen, aber den gibt es ja nicht mehr“) die Forderung auf, das Kulturdenkmal Schneckenbrunnen nicht dem selben Schicksal auszusetzen wie den Bürgersaal: „Der Brunnen soll unser Wahrzeichen bleiben.“

Ähnlich Mime Steinhäuser, Vorsitzende des Kulturellen Förderkreises: Der 1980 fertig gestellte Brunnen sei „Teil dieser Landschaft“, anderswo könne er nicht stehen. Gernot Walter, damals im Rahmen des Kulturellen Förderkreises mitverantwortlich für den Bau des Brunnens, mahnte „mehr Respekt vor den Bürgern“ an, die seinerzeit immerhin 65.000 Mark an Spenden für den Brunnen zur Verfügung gestellt hatten. Der Brunnen hatte insgesamt 90.000 Euro gekostet.

Professor Johannes Cramer von der TU Berlin plädierte für den Erhalt von Freiflächen in einer Siedlung wie Buchschlag.

An Dr. Dorothee Kaltenbach, Vorsitzende des Buchschlager Geschichtsvereins, war es, darauf hinzuweisen, dass es nicht allein um den Brunnen gehe, sondern um die etwa 800 Quadratmeter große Parzelle, die nicht zur Bebauung verkauft werden dürfe, sondern als Freifläche mit Brunnen darauf erhalten bleiben müsse.

Die Waldsiedlung, so Kaltenbach, stelle das Eingangstor zu Dreieich dar, die Stadt nutze Buchschlag gerne als Aushängeschild. Um aber den Charakter Buchschlags zu erhalten, seien Freiflächen unabdingbar. Starker Applaus in dem überfüllten Gotteshaus unterstützte diese Aussage.

An Professor Dr. Johannes Cramer, Lehrstuhl für Stadt- und Baugeschichte an der TU Berlin, war es dann, über die Notwendigkeit öffentlicher Freiflächen ausführlicher zu informieren.

Cramer verwies auf die Gartenstadt in Dresden-Hellerau (entstanden 1907), auf das Darmstädter Villenviertel (entstanden um 1900) und auf die Landhaussiedlung in Klein-Machnow (entstanden 1838): In allen Fällen seien Freiflächen, wie sie für jetzt für Buchschlag erhalten bleiben sollen, Teile des Gesamtentwurfs dieser Siedlungen. Freiflächen machten die Qualität einer Siedlung aus und gehörten zur „bürgerschaftlichen Entwicklung“.

Natürlich, so Cramer, habe sich die Gesellschaft weiter entwickelt, sei die Wirtschaftslage schwieriger geworden. Er wandte sich allerdings dagegen, immer wirtschaftliche Notwendigkeiten als Basis von Entscheidungen heranzuziehen: Auch 1937, als es wirtschaftlich schwierig geworden sei, seien Freiflächen selbstverständlich als unverzichtbare Bestandteile von Siedlungen begriffen worden. Cramers Appell an die gut 300 Buchschlagerinnen und Buchschlager in der Kirche: „Fürchtet euch nicht, eure Freiräume zu verteidigen!“

Diskussion verlief ausgesprochen engagiert

Stefan Seuß, Architekt in Darmstadt, stelle anhand einer Computersimulation dar, wie der Platz zwischen Schneckenbrunnen und Kriegerdenkmal neu gestaltet werden könne. Das solle natürlich nicht gleich geschehen, doch sei es wichtig, durch Verzicht auf den Schneckenbrunnen und Verkauf des Grundstücks, auf dem er steht, keine Fakten zu schaffen, die eine solche Platzgestaltung verhinderten.

Seuß schwebt ein gestaltetes Areal vom Brunnen bis zum Kriegerdenkmal vor mit einem Pavillon quasi als „Kopf“ des Areals. Durch die Gestaltung der Fläche sollen allerdings keine Sackgassen entstehen; das Gelände soll überfahren werden dürfen.

Dass die Realisierung eines solchen Projekts derzeit nicht auf der Tagesordnung steht, war allen klar, Seuß wollte jedoch demonstrieren, wie die Parzelle mit Brunnen einmal aussehen könnte - wenn Geld zur Verfügung steht. Seuß: „Das ist ein Denkanstoß“.

Die Diskussion verlief ausgesprochen engagiert. Walter Jaich etwa wehrte sich dagegen, dass die Stadt ihre finanziellen Nöte auf Kosten Buchschlags lindern wolle. Wenn die Stadt an ihren Plänen festhalte und auch das Brunnen-Grundstück verkaufe, damit es bebaut werden könne, sei das eine „Vorteilssuche auf Kosten des Buchschlager Gemeinwohls“ und werde unweigerlich zu einem „furchtbaren Hickhack“ führen, so ein anderer Besucher dieser Bürgerversammlung.

Grundstück bringe bis zu 500.000 Euro

Bürgermeister Dieter Zimmer äußerte sich dahin gehend, die Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung vertreten zu müssen, und die sähen nun einmal so aus, dass eine Arbeitsgruppe bis Mai einen alternativen Standort finden wolle. Zwischenruf: „Wollen wir nicht“. Er müsse, so Zimmer weiter, auch als Kämmerer denken, und das Brunnengrundstück bringe zwischen 400.000 und 500.000 Euro in die Kasse.

Die Buchschlager, daran ließen sie absolut keinen Zweifel, sind zu keinerlei Kompromissen bereit. Die drei Vereine haben Unterschriftslisten zur Erhaltung des Brunnens an seinem jetzigen Standort angefertigt und soweit zu sehen, gab es kaum jemanden, der sich nicht eingetragen hätte: „In bin für den Erhalt einer Freifläche zwischen Hirschgraben und Forsthausweg. Diese ist für den Charakter Buchschlags und für die Verkehrssicherheit an der Kreuzung notwendig. Deswegen soll der Brunnen am alten Platz und das achte Grundstück um den Brunnen herum in öffentlichem Besitz bleiben“.

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