Gesang ohne Grenzen

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Schrill, schräg und alles andere als schüchtern sind die sechs Mitglieder von Nude. Die Musiker, die in drei Ländern leben und gemeinsam im Internet komponieren, bezeichnen sich selbst als Underground-Band, und subversiv sind Teile des Internets ja bis heute noch.

Offenbach - Die ersten Layouts von Marc und Isabelle sind bearbeitet – Georgie ist zufrieden. Er hört sich den Track noch einmal an, bevor er ihn auf den Server hochlädt. Kurz zögert er, dann ist er überzeugt: Von Domenico Sciurti

„Cooles Stück!“ Er klickt auf „Senden“. Mehr als tausend Kilometer weiter, in Stockholm, schaut David auf den Server. Er zieht sich die Files herunter, hört sich den Track an – „Klasse!“ Jetzt übt er den Rap, den er für das neue Stück geschrieben hat. Er nimmt ihn auf, speichert alles wieder auf den Server, und sofort haben die anderen Zugriff darauf.

Nude heißt die Gruppe, die ohne das Internet nicht existieren würde. Die sechsköpfige Band probt nicht in einem Proberaum. Das wäre auch gar nicht möglich: Zwei Mitglieder leben im Ausland. David in Schweden, Johannes in Österreich, die restlichen vier, Georgie, Isabelle, Marc und Flo wohnen in Dreieichenhain und Frankfurt. „Erst wenn mehrere Stücke komplett sind, treffen wir uns, um zu proben oder Konzerte zu geben“, erläutert Marc die ungewöhnliche Zusammenarbeit.

Die Tracks entstehen an verschiedenen Orten, über das Internet können alle Bandmitglieder auf die Werke zugreifen. „Jeder hat sein Steckenpferd, aber jeder macht eigentlich alles“, sagt Georgie. Er selbst beschäftigt sich vor allem mit der Musik, Isabelle singt lieber und schreibt Texte.

Bandmitglieder sehen Musikbusiness entspannt

Ihre Musik definieren Nude als Elektropunk. In ihr vereinen sich Elemente aus Drum&Bass, Breakbeat, Dubstep und Bigbeat. Die Gruppe beschreibt sich selbst als Underground-Band. Sie will authentisch sein und einen bestimmten Lifestyle vermitteln. Marc: „Unsere Musik soll die Hörer dazu anregen, aufzustehen und die eigene Meinung zu äußern.“ Deswegen sind Nude auch besonders stolz darauf, dass Fans Textzeilen aus dem Lied „Here I Come“ auf Bannern beim Protest gegen die Castor-Atomtransporte genutzt haben.

Das Musikbusiness sehen die Bandmitglieder relativ entspannt. Sie ärgern sich nicht über Musikdiebe. „Uns ist es egal, ob man unsere Musik downloaded“, sagt Georgie: „Wer glaubt, er könnte heute noch durch Verkäufe über iTunes reich werden, der irrt sich gewaltig.“

Nude akzeptiert die Realität und versucht, neue Wege zu finden. „Wir finden es toll, wenn jeder unsere Musik hat, denn wir wollen überall gespielt und gehört werden“, sagt Georgie, und Isabelle stimmt ihm zu: „Das ist es, was zählt. Wenn es den Leuten gefällt, kommen sie auf unsere Konzerte und kaufen dort vielleicht auch unsere Merchandising-Produkte.“

Nude stehen heute Abend im Frankfurter Club „Das Bett“ (Schmidtstraße 12) ab 21 Uhr auf der Bühne.

Nude wartet nicht darauf, dass sich ein Label für sie interessiert. Sie haben es selbst in die Hand genommen und ein eigenes gegründet. Heutzutage gebe es ohnehin kein Label mehr, das eine Band von Anfang an finanziere, meint Isabelle: „Du musst es quasi erst selbst schaffen, einen Hit zu produzieren. Und sollte es dann wirklich klappen, schreibt dir das Plattenlabel vor, wie du dich anzuziehen hast, was du sagen darfst und wie lange deine Lieder sein müssen. Ein Künstler kann sich so nicht entfalten.“

Die Bandmitglieder produzieren ihre Musik selbst, sie stellen die CDs im eigenen Auftrag her und finanzieren auch ihre Werbung. „Weil wir alles selbst machen, gehen auch alle Gewinne an uns zurück. Die Einnahmen können wir dann wieder in unsere Musikprojekte investieren.“

Das Konzept scheint aufzugehen, im Internet sind Nude schon ziemlich beliebt. 5400 Facebook-Profilen gefällt, was sie machen, auf Myspace haben sie sogar über 65 000 Freunde. Im nächsten Jahr werden sie entlang der Ostküste Amerikas auf Tournee gehen. In Deutschland jedoch wünschen sie sich mehr Live-Auftritte als bisher.

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