Mit und gegen den Strom

Geschichtsverein Buchschlag mit Dokumentation zur NS-Diktatur

Dorothee Kaltenbach
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Zur Vorbereitung der Vortragsreihe über die NS-Zeit hat der Geschichtsverein Buchschlag viele Bücher herangezogen. Dr. Dorothee Kaltenbach hat eines in Händen.

Der Geschichtsverein Buchschlag hat in den vergangenen beiden Jahren die Vortragsreihe „Mit und gegen den Strom im Dritten Reich“ veranstaltet. Dazu ist nun eine Dokumentation erschienen.

Dreieich – Viele Aspekte der Nazi-Diktatur wurden in den vergangenen Jahren deutschlandweit aufgearbeitet. Doch vor allem in kleineren Kommunen schlummern noch viele Geschehnisse der schlimmen Jahre von 1933 bis 1945, die es wert sind, ans Tageslicht befördert zu werden. In diesem Sinne hat sich der Geschichtsverein Buchschlag auf Spurensuche begeben. Resultat war die beeindruckende Vortragsreihe „Mit und gegen den Strom im Dritten Reich“. Damit die Erkenntnisse nicht verloren gehen, hat der Verein eine Dokumentation herausgegeben.

Im Mittelpunkt stehen vier Personen, die kürzer oder länger in Buchschlag wohnten oder tätig waren. Drei von ihnen – August Schirmer, Mitarbeiter im Amt Rosenberg, Aribert Heim, Arzt im Konzentrationslager Mauthausen, und der Architekt Hugo Eberhardt – dienten der Nazi-Diktatur aus Überzeugung. „Gegen den Strom“ stellte sich der Arzt und Psychoanalytiker János Paál. „In der Auseinandersetzung mit den einzelnen Lebensläufen werden unterschiedliche Facetten des totalitären Unrechtsstaates sichtbar, der auch in einer kleinen Gemeinde wie Buchschlag das Zusammenleben beeinflusste – unterschwellig und auch offensichtlich“, schreiben Isabel Schilling, Dr. Dorothee Kaltenbach und Christel Thomson in ihrem Vorwort. Als Motto haben sie das Zitat „Es gibt kein Ende des Erinnerns“ aus der Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 8. Mai 2020 vorangestellt.

„Mit dem Geschichtsverein haben wir 2008 mit nichts angefangen“, erzählt Kaltenbach. Unterlagen über die NS-Zeit in Buchschlag seien verschwunden. Es habe zwar Geschichten vom Hörensagen gegeben, aber keine Belege. Und doch hatte der Verein immer vorgehabt, sich mit dem Dritten Reich in der Gemeinde intensiver zu beschäftigen. Da kam 2016 ein Zufall zu Hilfe. Zwei Brüder besuchten das Archiv, die ihre Kindheit in Buchschlag verbracht hatten und sich nach dem alten Haus umschauen wollten. „Wir sind in Wikipedia – wir sind eine alte Nazifamilie“, sagten beide.

So sieht das Titelblatt der Dokumentation des Geschichtsvereins aus.

Ihr Vater war August Schirmer (1905 bis 1948), ein Mitarbeiter von Alfred Rosenberg, einem der Chefideologen der Nazis, der beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zum Tode verurteilt wurde. Um Schirmer ging es beim ersten Vortrag der Reihe im November 2019 mit dem Historiker Dr. Jens Hoppe über den NS-Raub von jüdischem Kulturgut. Denn Aufgabe von Schirmer war es, in vielen Ländern jüdisches Kulturgut und Bücher für das antisemitische Institut „zur Erforschung der Judenfrage“ zu rauben. In einem Vortrag 1941 betonte das NSDAP-Mitglied, dass die Durchführung der Judenpolitik die „völlige Vertreibung aus dem deutschen Lebensraum überhaupt“ bedeute. Währenddessen wartete auf seine Familie mit sechs Kindern von 1938 bis zu einem Bombenabwurf 1944 ein Idyll im Bogenweg. Der Hengstbach mäanderte durch das große Grundstück und bot viele Möglichkeiten zum Spielen. Die Familie war gut integriert, bis sie 1945 verschwand. Im Krieg schwer verwundet, kam Schirmer kurze Zeit in ein Kriegsverbrecherlager bei Hamburg. Kurz nach Entlassung starb er. „Schirmer lebte mit seiner Familie in einem angepassten, bürgerlichen Lebensstil im friedlichen Buchschlag. Gleichzeitig war er ein führender Kopf des verbrecherischen antisemitischen nationalsozialistischen Regimes“, so die Dokumentation.

Während der Geschichtsverein zu Schirmer selbst recherchierte („es wurde erstmals über ihn berichtet“), kamen die Hinweise zum zweiten Fall aus dem Buch „Dr. Tod. Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher“ von Nicholas Kulish und Souad Mekhennet.

Und diese haben es in sich. Geht es doch um den NS-Arzt Aribert Heim (1914 bis 1992). „Er war ein großer Verbrecher, ein grausamer Sadist“, sagt Kaltenbach. Doch er wurde nicht zur Rechenschaft gezogen und bei seiner Flucht half seine in Buchschlag lebende Schwester. Im KZ Mauthausen soll Heim hunderte Juden durch Giftinjektionen ermordet und aus Langeweile Häftlingen bei Operationen Organe entnommen haben. Nach dem Krieg gelang es ihm, als „Mitläufer“ eingestuft zu werden und eine Stelle in einem Krankenhaus in Friedberg zu bekommen. Zugleich spielte er in Bad Nauheim Eishockey. Öfter besuchte er seine Schwester in Buchschlag, die dort seit Anfang der 50er Jahre wohnte. Diese half ihm, über die Volksbank an die Mieteinnahmen seines Hauses in Berlin zu kommen. Als die Ermittler doch auf Heim aufmerksam wurden (sie gingen mit seinem Foto von Haus zu Haus), gelang es ihm nach seinem letzten Besuch im September 1962, sich nach Ägypten abzusetzen, wo er unbehelligt 1992 starb. Der Abend über Heim als Beispiel für die NS-Medizinverbrechen wurde ergänzt durch einen Vortrag des in Buchschlag lebenden Dr. Walter Pehler über Ernst Klee (1942 bis 2013), der sich über Jahrzehnte für die Aufdeckung dieser Fälle engagierte – zu einer Zeit, als viele der Täter in der Bundesrepublik wieder in Amt und Würden waren.

Ankündigung einer Vortragsreihe des Geschichtsvereins.

Als der Arzt und Psychoanalytiker Dr. János Paál (1916 bis 2010) im Jahr 1970 mit seiner Familie nach Buchschlag zog, lag ein abenteuerliches Leben hinter ihm. Nur knapp entkam er der Judenverfolgung durch die Nazis in Budapest. Nach dem Einmarsch der Russen 1956 musste er in den Westen fliehen. Schließlich eröffnete er eine psychiatrische Praxis in Sprendlingen und engagierte sich für die Weiterbildung vom Psychotherapeuten. Von daher kannte ihn auch Kaltenbach. „Doch er hat nie von seiner Geschichte erzählt.“ Paál liegt auf dem jüdischen Friedhof in Sprendlingen begraben. Den Vortrag hielt sein Sohn Gábor unter dem Titel „Von Budapest nach Buchschlag. Verfolgung, Aufstand, Flucht“.

Der vierte Teil der Reihe konnte coronabedingt nicht mehr stattfinden. Der Beitrag von Dr. Andreas Hansert über Hugo Eberhardt (1874 bis 1959) findet sich aber in der Dokumentation. Der Architekt und Gründer des Ledermuseums lebte zwar nicht in Buchschlag, baute aber dort fünf Häuser im Landhausstil. Jüngere Forschungen zeigen, dass auch er als aktiver Förderer verstrickt war in das dunkle Kapitel der NS-Diktatur.

Das Thema ist für den Geschichtsverein mit der Dokumentation nicht abgeschlossen. Es gebe noch viel aufzuarbeiten, was in dem kleinen Ort geschehen ist. Als ein Beispiel nennt Kaltenbach die Bekennende Kirche, die in Buchschlag aktiv im Widerstand war. (Von Holger Klemm)

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