Ein Glücksfall aus der Not geboren

Gisela und Hans Westenberger leben ein halbes Jahrhundert in Dreieich-Götzenhain

Gisela und Hans Westenberger auf ihrer Terrasse.
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Gisela und Hans Westenberger auf ihrer Terrasse.

Gisela und Hans Westenberger sind beide „echte Frankfurter“ – den Großteil ihres Lebens aber verbringen sie im beschaulichen Götzenhain. Genauer gesagt sind sie seit einem halben Jahrhundert dort zu Hause.

Götzenhain - „Wir haben das Örtchen vor 50 Jahren nicht bewusst ausgewählt“, erzählt Gisela Westenberger, die ihren Mann schon als junge Frau im Jugendclub ihrer Frankfurter Kirchengemeinde kennenlernt. Als die damals junge Lehrerin gemeinsam mit ihm nach einer Wohnung sucht, ist es eher einem Zufall zu verdanken, dass sie im Juli 1971 in der Frühlingstraße einziehen. „Es war ein bisschen aus der Not geboren“, berichtet Hans Westenberger. „Giselas Schwester lebte in dem schönen, kleinen Örtchen. Wir wollten eine Familie gründen und konnten uns in Frankfurt keine größere Wohnung leisten. Das Geld hätte maximal für zwei Zimmer in einem Hochhaus gereicht. Und das wollten wir schon gleich gar nicht“, erzählt der Rentner, der bis zu seiner Pensionierung als Landesbeauftragter für Versicherungsnehmer arbeitete.

Also wird es Götzenhain – die Wohnung ist perfekt für das Paar. Erst ziehen die beiden in den ersten Stock, später dann ins Erdgeschoss, wo die drei Kinder Martina, Thomas und Sandra dann auch den Garten nutzen können. Auch die Enkel, die drei Kinder ihres Sohnes, spielen hier draußen gerne. „1971 konnten wir von der Frühlingstraße noch bis zum Kindergarten Lachengraben blicken, weil es die Häuser dazwischen alle noch nicht gab“, erinnert sich Hans Westenberger. Das Ehepaar erlebt die Gebietsreform, Götzenhain wird zum Stadtteil von Dreieich und wächst noch erheblich.

Sind die Westenbergers zu Beginn noch sehr in Richtung ihrer Heimatstadt Frankfurt orientiert – fast jedes Wochenende zieht es sie in die Bankenstadt – sind es die Kinder, die sie in Dreieich Wurzeln schlagen lassen. „Ich war Elternbeirat in der Kita, mein Mann später in der Schule, wir haben uns über die Vereine hier integriert. Ja, Götzenhain ist mir eine Heimat geworden“, erzählt Gisela Westenberger. Dabei ist es gerade mal zehn Jahre her, als ein „echter“ Götzenhainer zu ihr sagte, dass ihre Familie ja nun gerade erst hergezogen sei: „Da merkte ich schon, wir werden wohl immer die Zugezogenen bleiben. Ich fühle mich aber längst als Götzenhainerin“, sagt sie lachend. Als Lehrerin lässt sie sich schnell aus dem Taunus versetzen und ist zunächst an der Ludwig-Erk-Schule in Dreieichenhain tätig, die dann in die heutige Weibelfeldschule umzieht, an der sie viele Jahre bis zu ihrer Pensionierung unterrichtet.

Die Familie – alle drei Kinder leben übrigens bis heute in Dreieich – erlebt den Wandel des Ortes mit. „Es gab früher schon mehr Geschäfte: zum Beispiel den Schuhladen von Herrn Gräser“, setzt Gisela Westenberger an, als ihr Mann einhakt. „Aber so richtig moderne Schuhe gab es dort nie. Die haben die Götzenhainer zur Feldarbeit angezogen. Es waren eher gesunde, gute Schuhe“, betont er. „Ja, aber wir hatten mit den Gottschämmers einen Bäcker, der die besten Brötchen weit und breit hatte, jetzt fahre ich nach Dreieichenhain zum Brötchen holen. Und es gab auch mehr Gastronomie im Ort“, zählt Gisela Westenberger weitere Veränderungen auf. Froh sind sie darüber, dass der Rewe-Standort nicht infrage gestellt wird, dass der Ort noch eine richtige Metzgerei hat und viele Bauernläden zum Einkaufen hat, die sie gerne nutzen.

Das Ehepaar schätzt die Gemeinschaft im Ort und beide bezeichnen Götzenhain nach fünf Jahrzehnten als „sehr liebenswert“. Die Westenbergers bringen sich früh ins gesellschaftliche Leben ein. Vor mehr als 20 Jahren übernimmt Hans Westenberger den Vorsitz des VdK und wird auch zum Vorsitzenden des Bürgervereins gewählt, der 2012 gegründet wird, um das Alte Rathaus an der Bleiswijker Straße für die Götzenhainer Bürger zu erhalten. „Ich bin der Vorsitzende, aber die Arbeit macht meine Frau“, gesteht der 76-Jährige. Sie ist schon zu Zeiten der Stadtteil- AG, aus der sich der Verein gründete, engagiert. Gerade die Pandemie habe wieder gezeigt, wie eng der Zusammenhalt im Ort ist, es brauchte nicht viel Aufwand, die Versorgung von älteren Bürgern zu organisieren. „Götzenhain ist aber auch immer ein Dorf geblieben, inklusive Dorfgeschwätz“, sagt Gisela Westenberger mit einem Augenzwinkern. „Aber wir lieben es hier!“

Von Nicole Jost

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