Stadt kündigt Verträge

Vertreibung aus dem Paradies - Götzenhainer Gartenpächter verstehen die Welt nicht mehr

Daumen nach unten für die Kündigung aus dem Rathaus: Die Pächter der städtischen Parzellen wollen ihre grünen Oasen keinesfalls ohne Widerspruch aufgeben. Sie alle haben viel Zeit, Geld und Herzblut in ihre Gärten investiert.
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Daumen nach unten für die Kündigung aus dem Rathaus: Die Pächter der städtischen Parzellen wollen ihre grünen Oasen keinesfalls ohne Widerspruch aufgeben. Sie alle haben viel Zeit, Geld und Herzblut in ihre Gärten investiert.

Die Pachtverträge für Schrebergärten in Götzenhain wurden von der Stadt überraschend gekündigt. Ein Schock für viele Pächter.

Dreieich – Lotte Lenz zieht die Harke behutsam durch das Beet in ihrem Schrebergarten. „Die sind bald zur Ernte reif“, sagt die rüstige Seniorin mit Blick auf die grünen Köpfe. Der Salat ist nur ein Erzeugnis, das ihr in diesen Tagen Freude bereitet, auch der Mangold kann bald gepflückt werden, der halbe Himbeerstrauch ist schon abgeerntet, während der Spitzpaprika noch ein paar Tage braucht. Ihr Mann, nicht mehr ganz so mobil, trinkt eine Tasse Kaffee und schaut seiner Frau bei der Arbeit zu. Wann immer ein Spaziergänger am Gartenzaun vorbeikommt, hebt er freundlich die Hand zum Gruß. Manchmal bleibt auch ein Götzenhainer stehen und plaudert über den Zaun. Seit 32 Jahren vergeht kaum ein Tag, an dem das Ehepaar Lenz nicht in seinem Garten ist.

Noch länger bewirtschaften Edgar und Erika Weilmünster die Parzelle schräg gegenüber, einen Steinwurf entfernt vom Ehepaar Lenz. „Wir haben den Garten von meinen Schwiegereltern übernommen, der Pachtvertrag mit der Stadt ist schon über 50 Jahre alt. Das hier, unser Paradies im Grünen, ist im Sommer unser zweites Wohnzimmer“, sagt Erika Weilmünster. Insgesamt elf Parzellen gibt es in den Götzenhainer Wiesen, die Gartenliebhaber von der Stadt gepachtet haben. Alle sind auffällig gut gepflegt. Sie haben jetzt eine weitere Gemeinsamkeit: Im Juli hat die Stadt die Pachtverträge überraschend gekündigt. „Für das städtische Grundstück, auf dem sich Ihr Garten befindet, gibt es keinen Bebauungsplan, der eine entsprechende, gärtnerische Nutzung gestatten würde“, steht in dem Schreiben aus dem Rathaus. Der Fachbereich Planung und Bau schreibt, dass nach dem Hessischen Naturschutzgesetz dauerhafte Einfriedungen von Grundstücken nicht zulässig sind. Die Stadt habe eine Räumungsaufforderung der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Offenbach bekommen, dass alle Umzäunungen und Aufbauten – sprich die Gartenhütten – entfernt werden müssen. Die Kündigungszeiträume für die elf Gartenbetreiber sind unterschiedlich, je nach Vertragsabschluss. Bis spätestens September 2021 sollen die Gärten im Landschaftsschutzgebiet vollständig geräumt sein.

Die kleine Gruppe von Gartenfreunden ist entsetzt. Sie verstehen nicht, warum ihre gepflegten Gärten auf einmal verschwinden sollen. „Hier ist nichts verlottert, hier wird nie laut gefeiert und die Natur ist sehr wohl da. Die Molche schwimmen durch den Teich, sogar die als sehr empfindlich geltenden Störche stört es nicht, in unmittelbarer Nähe nach Futter zu suchen“, sagt Pächterin Manuela Vonhof. „Wir alle investieren viel Zeit und Herzblut in die städtischen Grundstücke. Und nicht zuletzt auch Geld. Der Sturm im vergangenen Jahr hat große Schäden hinterlassen. Die Bäume zu entfernen hat einen vierstelligen Betrag gekostet. Nicht einmal zwölf Monate später kommt die Kündigung, das kann ich nicht fassen“, sagt auch Petra Kronthaler.

Ina Kiefer hat alle betroffenen Gärtner zusammengetrommelt. „Wir werden die Gärten nicht einfach aufgeben“, kündigt sie an. Wie viele andere hat sie bereits einen Widerspruch an die Stadt geschickt. „Diese Verordnung gibt es doch nicht erst seit Juli 2020 – warum bekommen wir ausgerechnet jetzt die Kündigung? Unsere Gärten stören die Natur kein bisschen“, sagt Kiefer. Der Garten sei ein „großes Stück Glück“, die Tochter dort aufgewachsen und ein Ort, an dem sich die Familie, die weder Haus, Garten noch Balkon besitzt, heimisch fühlt. Neben dem Verlust des Gartens ist Kiefer darüber empört, dass sie das Grundstück auf eigene Kosten abräumen soll: „Die Kosten für einen Abriss der kleinen Gartenhütte, der Umzäunung oder Bodenplatten gehen sicher in die Tausende. Ich bezahle das nicht. Wir haben den Garten genau so von der Stadt übernommen. Wir haben nichts bebaut oder wie die Stadt es beschreibt, illegal bebaut“, stellt die Götzenhainerin klar. Gemeinsam mit den anderen Pächtern wünscht sich Ina Kiefer einen Ortstermin mit den Entscheidungsträgern.

Auf Nachfrage bei der Stadt teilt Pressesprecherin Claudia Scheibel mit, dass die Untere Naturschutzbehörde im gesamten Kreisgebiet auf Grundlage des geltenden Planungs- und Naturschutzrechts das Thema der Gärten im Außenbereich aufarbeite. „Daher mussten die Gärten in Götzenhain gekündigt werden, da sie sich auf landwirtschaftlicher Fläche im Außenbereich und zudem in einem Landschaftsschutzgebiet befinden. In einem derartigen Gebiet sind keine Gartenanlagen zulässig“, erläutert Scheibel. Die Stadt sei aktuell in Gesprächen mit der Naturschutzbehörde, ob die sehr kurzfristig auf nächstes Jahr datierten Vertragsenden im Rahmen von Abräumverträgen für die Pächter verträglicher gestaltet werden können, sodass sie mehr Zeit haben, die Gärten zu verlassen.

Auch die Naturschutzbehörde handele nur im Auftrag des RP in Darmstadt, stellt Kreis-Pressesprecherin Ursula Luh klar: „Wir wurden aufgefordert, die illegalen Bauten im Kreis zu beseitigen.“ Die Kreisverwaltung habe in Mühlheim oder Seligenstadt schon Erfahrungen mit Gärten im Außenbereich gemacht. Dort wurden sogenannte Abräumverträge geschlossen. Dabei bleiben den Gärtnern im Schnitt zwischen drei und fünf Jahren, um die Gärten zurückzubauen. Das ist allerdings nur ein Aufschub bis zum Verlust der oft über jahrzehntelang gepflegten grünen Oasen. (Von Nicole Jost)

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