500 Kinder und Jugendliche nutzen kostenlose Nachhilfe

Gratis pauken mit Studenten

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Einsatz mit Geodreieck, Formelsammlung und Taschenrechner: Ahmed Khatib gibt der 15-jährigen Emma Neubecker und ihren Mitschülerinnen Mathe-Nachhilfe. Der 21-Jährige, der früher selbst die MES besuchte, hat das Projekt 2015 mit gegründet.

Dreieich - Wenn die Noten in den Keller rutschen, muss Nachhilfe her. Doch manche Familien können sich den teuren Zusatzunterricht für ihre Kinder nicht leisten. Von Manuel Schubert

Hier springt der Verein Schüler helfen Schülern an der Max-Eyth-Schule (MES) ein, der längst im gesamten Kreis zur Erfolgsgeschichte geworden ist. Eine Geschichte ist Mitbegründer Ahmed Khatib ganz besonders in Erinnerung geblieben. Eine Schülerin hatte große Probleme im Englisch-Leistungskurs, lediglich drei Punkte gab es auf die letzte Klausur. Also ging sie zu Schüler helfen Schülern. Drei Monate später stand die nächste Klassenarbeit an. Die Note: stolze 14 Punkte. „Ich hatte bei ihr mit sieben oder acht gerechnet“, sagt der Nachhilfelehrer und wirkt, als könne er es immer noch nicht glauben. „Das ist natürlich ein Extrembeispiel.“ Aber eines, das zeigt, dass es nicht immer einen teuren Nachhilfelehrer braucht, um die Noten zu verbessern.

Ganz kostenlos ist das Angebot, das der Verein Schüler helfen Schülern offeriert – und eine Erfolgsgeschichte. 2015 als kleines Schulprojekt gestartet, nutzen drei Jahre später fast 500 Kinder und Jugendliche die Gratis-Nachhilfe des Vereins. „Manchmal frage ich mich, wo das hinführen soll“, sagt Khatib, Vorsitzender des Vereins, und lacht: „Es macht mir fast ein bisschen Angst.“ Zusammen mit einer Freundin hat der heute 21-Jährige das Projekt vor drei Jahren an der Max-Eyth-Schule ins Leben gerufen. Beide besuchten damals selbst die Schule und hatten schon seit Jahren private Nachhilfe gegeben.

Eines Tages lernten sie einen Jungen kennen, der Unterstützung in der Schule brauchte. „Er wollte wirklich was lernen, aber seine Familie konnte sich keine Nachhilfe leisten“, erzählt Khatib. „Das war extrem schade.“ Also kam den beiden die Idee, das Ganze auf breitere Beine zu stellen und kostenlose Nachhilfegruppen anzubieten. Gesagt, getan. Der Zulauf war von Beginn an riesig. „Am Anfang haben wir noch ein bisschen Werbung gemacht“, erzählt Khatib. Mittlerweile sei das obsolet. „Es spricht sich von selbst rum.“ Die beiden Gründer holten Freunde, Geschwister und Bekannte mit ins Boot, das Angebot wuchs.

Heute gibt es 20 Gruppen und 27 Nachhilfelehrer, die für ihre Arbeit eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten. Die Lerngemeinschaften treffen sich längst nicht mehr nur an der Max-Eyth-Schule. An der Astrid-Lindgren-Schule in Dietzenbach gibt es Treffen, auch an der Goethe-Universität in Frankfurt oder in der Neu-Isenburger Stadtbücherei. Die Nachhilfelehrer sind Oberstufenschüler und Studenten aus Dreieich, aber auch aus Frankfurt, Gießen, Darmstadt oder sogar Friedberg. Die Schüler – vom Erstklässler bis zum Abiturienten – kommen mittlerweile aus dem gesamten Kreis. Einmal stand sogar jemand aus Bad Soden vor der Tür.

Ortsbesuch im Klassenraum im ersten Stock der Max-Eyth-Schule: an der Berufsschule trifft sich rund die Hälfte aller Gruppen von Schüler helfen Schülern. An der Wand hängt ein Whiteboard, die Luft ist schwülwarm, von draußen trägt der Wind immer wieder Töne von der Probe des Schulorchesters herein. An diesem Nachmittag trifft sich eine der drei Gruppen, die Khatib betreut: Drei junge Mädchen, zwei von ihnen besuchen die Marienschule in Offenbach, eine die Dreieicher Weibelfeldschule. Mathematik steht auf dem Stundenplan. Dreiecke in Kreisen, Sinus-Funktionen, welch großer Spaß.

Die drei Schülerinnen arbeiten selbstständig und hoch konzentriert. „Das ist das Schöne: Sie sind freiwillig hier und wollen sich verbessern“, sagt Khatib. „Wenn die Schüler so ruhig und produktiv arbeiten, macht man es gerne.“ Das Programm der wöchentlichen Treffen ist unverbindlich und zwanglos. Manchmal erledigen die Schüler einfach ihre Hausaufgaben und Khatib steht für Nachfragen parat. Der Student der Wirtschaftspädagogik geht aber auch auf den Bedarf seiner Nachhilfeschüler ein. „Wenn sie ein bestimmtes Thema durchgehen wollen, schreiben sie mir einfach eine Whatsapp-Nachricht und ich bringe ein paar Übungen mit.“ Auch Einzelnachhilfe gibt es, die kostet allerdings. Die 15-jährige Emma Neubecker erfuhr durch ihren Nachbarn von Schüler helfen Schülern, der als Lehrer an der MES arbeitet. Sie ist erst zum zweiten Mal da. „Aber ich merke jetzt schon, dass es mir hilft.“

Bilder: Einschulung 2017 in Dreieich und Neu-Isenburg 

Als Ahmed Khatib so jung war wie seine Nachhilfeschüler, wäre er froh gewesen, wenn es so ein Angebot gegeben hätte. Die sechste Klasse musste der Sprendlinger wiederholen, bei Französisch und Mathe stand eine Fünf im Zeugnis. Aber seine Familie konnte sich keinen Nachhilfelehrer leisten. So erklärt Khatib seine Motivation, nun anderen zu helfen, denen es ähnlich geht. „Für mich ist das eine Sache der Menschlichkeit“, sagt er. „Man sieht, dass man etwas zurückgeben kann.“ Deswegen will der Verein sein Programm kontinuierlich ausbauen. Neben den wöchentlichen Lerngruppen gibt es mittlerweile auch im Frühjahr, wenn die Abschlussprüfungen anstehen, Crashkurse, die jeweils zwischen 20 und 25 Schüler anlocken. Zurzeit werden diese Treffen für angehende Abiturienten und Fachabiturienten angeboten, 2019 sollen auch Kurse zur Vorbereitung für die Abschlussprüfungen an der Realschule dazukommen. Eine Premiere wartet dann im Oktober: Vom 19. bis 21. findet das erste „Mathecamp“ des Vereins statt. In einer Jugendherberge in Biedenkopf wird drei Tage lang „richtig Mathe gepaukt“, wie Khatib verspricht. 99 Euro kostet die Teilnahmegebühr. „Wir rechnen mit 60 Schülern“, sagt er. Findet der Trip guten Zuspruch, soll es künftig weitere Lernwochenenden geben.

Wer Interesse an der kostenlosen Nachhilfe hat, kann sich auf www.nachhilfe-shs.de („Downloads“) das Anmeldeformular herunterladen und unter info@schueler-helfen-schuelern.com registrieren.

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