Grausames Ritual

Seit 20 Jahren: Karin Siegmann kämpft gegen Genitalverstümmlung afrikanischer Frauen

Bei 70 Prozent Analphabeten in der Bevölkerung nutzt ein Gesetz nichts, die Menschen können es nicht lesen. Karin Siegmann Kampf gegen eine grausame Tradition: Die Dreieicherin Karin Siegmann (Zweite von links) engagiert sich mit dem Verein NALA gegen die Genitalverstümmelung afrikanischer Frauen. Foto: walter korn
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Bei 70 Prozent Analphabeten in der Bevölkerung nutzt ein Gesetz nichts, die Menschen können es nicht lesen. Karin Siegmann Kampf gegen eine grausame Tradition: Die Dreieicherin Karin Siegmann (Zweite von links) engagiert sich mit dem Verein NALA gegen die Genitalverstümmelung afrikanischer Frauen. 

„Es ist meine Passion. Ich möchte, dass die Frauen nicht mehr leiden und jedes Mädchen, das wir vor Beschneidung bewahren, ist ein Erfolg“, sagt Karin Siegmann. Die Dreieicherin engagiert sich seit 20 Jahren gegen die Genitalverstümmelung afrikanischer Frauen.

Dreieich – 2012 war sie Mitbegründerin des Vereins „NALA – Bildung statt Beschneidung“ mit Sitz in München, seit 2017 reist sie jedes Jahr nach Burkina Faso, um die Arbeit vor Ort zu unterstützen.

Die Beschneidung ist in vielen afrikanischen Ländern grausames Ritual. „Frauen, obwohl sie selbst unter den Folgen der Beschneidung leiden, wollen ihren Töchtern damit etwas Gutes tun. Denn mit dem Eingriff, der zwischen dem vierten und dem zwölften Lebensjahr vorgenommen wird, gelten sie als rein und werden in die Gesellschaft aufgenommen“, erzählt Karin Siegmann. Die Tradition ist weit verbreitet. Zwei Beispiele: In Ägypten sind 93 Prozent der Frauen beschnitten, in Burkina Faso 73 Prozent – dabei ist die Beschneidung dort sogar per Gesetz verboten.

„Bei 70 Prozent Analphabeten in der Bevölkerung nutzt ein Gesetz nichts, die Menschen können es nicht lesen“, erklärt die Dreieicher Frauenbeauftragte. Der Eingriff ist brutal, die Beschneiderinnen entfernen Klitoris und die äußeren Schamlippen und nähen die Wunde zu. Die Folgen sind fatal: Die Frauen leiden unter Schmerzen bei der Menstruation, beim Geschlechtsverkehr und im Extremfall beim Urinieren. „Bei den vielen Geburtsvorgängen, die die afrikanischen Frauen haben, wird die Narbe immer wieder geöffnet. Es kommt zu Entzündungen, immer drastischeren Vernarbungen und nicht selten stirbt ein Kind bei der Geburt“, berichtet Siegmann.

NALA hat in Burkina Faso ein Haus mit einem Versammlungsraum gebaut. Hier leisten die Mitarbeiter Aufklärungsarbeit. Der deutsche Verein arbeitet eng mit einem Partnerverein in Burkina Faso zusammen. Dessen Vorsitzende ist Rakieta Poyga, eine Buchhalterin, die in der ehemaligen DDR studiert hat. Sie spricht – ein Glücksfall – Deutsch und rechnet alle gemeinsamen Projekte ab. NALA arbeitet sich Dorf für Dorf vor: „Wir holen alle ins Boot, den Dorfältesten, den König, die Männer, die Frauen. Wir steigen über die Hygiene in das Thema ein, über die Medizin – und erklären letztlich, wie gefährlich die Beschneidung ist“, erläutert Siegmann die Herangehensweise. Ziel ist es, in einem gemeinsamen Ritual die Beschneidungsinstrumente zu beerdigen und der Beschneiderin eine neue berufliche Perspektive zu bieten und somit viele Mädchen vor der Verstümmelung zu bewahren.

Im Januar war Karin Siegmann zwei Wochen in dem westafrikanischen Land, das als drittärmstes der Welt gilt. Mit dabei war Dr. Eiman Tahir, Gynäkologin aus dem Sudan mit einer Praxis in München. „An zehn Tagen haben wir 114 Frauen untersucht. Ich sage wir, weil ich überraschenderweise zur Assistentin befördert wurde. Ich habe viel gelernt“, sagt die Diplompädagogin. Gynäkologische Untersuchung und Krebsvorsorge standen auf dem Plan. Mit dabei waren auch NALA- Vorsitzende Fadumo Korn und ihr Mann Walter Korn, Bildjournalist der Süddeutschen Zeitung, der den Aufenthalt fotografisch dokumentierte.

Gemeinsam besuchten sie auch ein neues Projekt. Am NALA-Haus ist ein Brunnen entstanden und auf dem Grundstück Gärten, die von Frauen bewirtschaftet werden und eine neue Grundlage für den Lebensunterhalt sind. Als Überraschung wurde Karin Siegmann von der L‘association Bayr-Nooma, der Partnerorganisation von NALA, für ihre konstante Arbeit in Burkina Faso geehrt. Die Urkunde hängt jetzt im Frauenbüro im Dreieicher Rathaus. Siegmann ist stolz auf die Erfolge von NALA: „Es ist mühsam und es ist ein Prozess der kleinen Schritte – aber die Arbeit ist es wert.“ Wer das Projekt mit einer Spende unterstützen möchte: NALA, IBAN DE 55520604100004005503.

VON NICOLE JOST

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