Pferdchen bleiben im Winterquartier

Haaner Kerb: Auch 303. Ausgabe fällt der Pandemie zum Opfer

Legendärer Auftritt: Bei der 300. Haaner Kerb 2018 begeisterte das Pfarrer-Ehepaar Barbara Schindler und Markus Buss die Besucher des Kerbgottesdienstes. Der fand ausnahmsweise im Festzelt statt, weil die Sanierung der Burgkirche nicht pünktlich zum Jubiläum abgeschlossen war. Darauf bezieht sich das Schild, das Buss in der Hand hält. „Ich find’s auch schad’“ – verglichen mit heute war die Welt da noch in Ordnung.
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Legendärer Auftritt: Bei der 300. Haaner Kerb 2018 begeisterte das Pfarrer-Ehepaar Barbara Schindler und Markus Buss die Besucher des Kerbgottesdienstes. Der fand ausnahmsweise im Festzelt statt, weil die Sanierung der Burgkirche nicht pünktlich zum Jubiläum abgeschlossen war. Darauf bezieht sich das Schild, das Buss in der Hand hält. „Ich find’s auch schad’“ – verglichen mit heute war die Welt da noch in Ordnung.

Die offizielle Absage steht noch aus, aber sie wird kommen. Die Pandemie verhindert auch in diesem Jahr die Haaner Kerb.

Dreieich – Es wäre die 303. Ausgabe, die die Dreieichenhainer an Pfingsten gefeiert hätten. Aber das Gedränge beim Bieranstich mit den Kerbborschen am Freitagabend im Festzelt, der Trubel um die Hayner Reitschul‘ über die Feiertage oder auch das Feuerwerk rund um den Woog – in diesen Zeiten ist das alles undenkbar.

„Was sonst sehr schön ist, nämlich der frühe Termin im Jahr, ist in dieser Pandemie ein echter Nachteil. Ich könnte mir vorstellen, dass im August oder September, wenn viel mehr Menschen geimpft sind, vielleicht für die Kollegen in den Nachbarstädten etwas möglich ist. Bei uns an Pfingsten besteht keine Chance“, sagt Marvin Kuch, Schriftführer der IG Haaner Kerbborsche. Das, wie Kuch sagt, „sehr motivierte“ Vorstandsteam lotet gerade alle Möglichkeiten aus, was zwischen dem 21. und dem 25. Mai, dem Pfingstwochenende, an Alternativprogramm möglich sein könnte.

„Irgendwie ist es derzeit noch blöder als im vergangenen Jahr. Wir haben den Eindruck, nichts gescheit planen zu können, weil sich die gesetzlichen Vorschriften gefühlt jede Woche ändern“, so Kuch. Klar ist: Die Dreieichenhainer sollen schon merken, dass die Kerb noch lebt. Ein virtueller Bieranstich wie im vergangenen Jahr wird gerade besprochen, die Männer hoffen, dass es ihnen möglich sein wird, Bäume im Wald zu schlagen und Kerbbäume zu verkaufen. Und natürlich wird es einen Aufruf geben, die Altstadt mit Fahnen zu schmücken.

Besonders schlimm ist die Situation für die Kerbborschen. Die Jungs, die im vergangenen Jahr schon um ihr Fest gebracht wurden, auf das sie sich seit über einem Jahr akribisch vorbereitet hatten, haben auch 2021 keine Möglichkeit, die Kerb normal zu feiern. „Die Vorkerbborschen hatten ja schon gesagt, dass sie ihren Auftritt ein Jahr weiter schieben. Aber einen Jahrgang wird es treffen, der komplett ausfällt, wenn es jetzt zwei Jahre hintereinander keine Kerb gibt“, bedauert Marvin Kuch, dass die jungen Männer um diese einmalige Zeit in ihrem Leben gebracht werden. Für die IG fallen zwei weitere Veranstaltungen flach – das Familienfest am 1. Mai im Burggarten und das Fußballturnier sind bereits abgesagt.

Dennis Hausmann, der gemeinsam mit seinem Bruder Patrick seit mehreren Jahren für das Festzelt auf dem Kerbplatz verantwortlich ist, macht sich keine Illusionen. „Ein Festzelt wird nicht möglich sein, aber wir werden ein To-go-Angebot am Faselstall machen.“ Jedenfalls hofft er das. Bislang habe es dazu noch keine offiziellen Gespräche mit der Stadt gegeben, aber die stehen an. Hausmann hat in den vergangenen Monaten die Erfahrung gemacht, dass sich die Menschen über Burger, Würstchen und Popcorn an Ständen freuen. „Für uns ist es wirtschaftlich nicht lohnenswert. Von den Einnahmen können wir nicht leben und nicht sterben – aber wir haben wenigstens Beschäftigung.“ In diesen Zeiten müsse man „kämpfen und darf nicht heulen“.

An seinem Foodtruck, der in den vergangenen Monaten wechselweise in Dreieich und in Mörfelden stand, können die Hausmanns sogar Besucher aus Erbach und Michelstadt begrüßen. „Dort stehen wir bei den großen Festen ja sonst auch. Die Leute machen einen Ausflug zu uns – und es ist schön, sie zu treffen.“

Die Hayner Weiber, die das Pfingstwochenende seit Jahrzehnten am Obertor zu einem schönen und geselligen Treffpunkt machen, haben ihre Planungen für die Weiberkerb ganz ad acta gelegt. „Wir haben nichts in Vorbereitung, die Hayner Weiberkerb haben wir für 2021 komplett abgeschrieben“, sagt Vorstandssprecherin Christiane Dahmen-Ullmann. Es wird auch kein kleines Alternativprogramm geben. Für den Herbst hoffen die Hayner Weiber auf den Töpfermarkt im Burggarten, der auch schon in Vorbereitung ist.

Siegfried Reuner hat die Kerb ebenfalls abgeschrieben. Die Hayner Reitschul‘ wird weiter in ihrem Winterquartier bleiben. „Wir sind natürlich sehr traurig, dass wir unser schönes Karussell nicht auf den Burgvorplatz stellen können. Aber die Pferdchen müssen leider in Quarantäne bleiben“, sagt Reuner. 2020 gab es noch einen kleinen Ersatzrummel mit der Karussellmusik im Industriegebiet in Dreieichenhain – das ist dieses Jahr auch gestrichen. „Dafür kommen wir mit der Restaurierung des Karussells gut voran. Sobald es ein bisschen wärmer wird, geht es damit weiter“, kündigt Reuner an, dass die Hayner Reitschul‘ 2022 umso schöner glänzen wird. (Nicole Jost)

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