Jubiläumsfeier geht in der Pandemie unter

Haaner Kerbborsche von 1971 erinnern sich

Auf dem Plakat stand zwar TV-Turnhalle, aber zunächst kein Ort. Engelbert Deisinger (links) und Alfred Salewski müssen heute noch darüber schmunzeln.
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Auf dem Plakat stand zwar TV-Turnhalle, aber zunächst kein Ort. Engelbert Deisinger (links) und Alfred Salewski müssen heute noch darüber schmunzeln.

Und wieder geht ein Jahr ins Land ohne Haaner Pfingstkerb. Die Pandemie bringt nicht nur die aktuellen Kerbborsche um ein einmaliges Erlebnis. Auch einige in Ehren ergraute ältere Herren hatten sich das kommende Wochenende anders vorgestellt. Den Kerbborsche von 1971 bleibt die Feier ihres 50-jährigen Jubiläums versagt.

Dreieichenhain -„Wir wären sicherlich mit unseren Frauen zum Essen in der Alten Burg zusammengekommen“, sagt Alfred Salewski, der 1971 Kerbvadder war. „Und am Pfingstmontag wären wir beim Jahrgangstreffen im Zelt eingelaufen.“ Der harte Kern, der sich heute noch ein- bis zweimal im Jahr sieht, freut sich aber auf den Sonntag. Dann geben sich die Jubilare ein Stelldichein auf Abstand im Burggarten und nehmen an einem der drei Gottesdienste zur Kerb im Stillen teil.

Heutzutage würde man wohl von Alleinstellungsmerkmalen sprechen. Die Kerb 1971 zeichnet sich durch mehrere Besonderheiten aus. So steht kein Bierzelt auf der damaligen Wiese am Untertor. „In den Jahren zuvor hatte es einige wilde Schlägereien gegeben“, erzählt Engelbert Deisinger, Bembelträger der 18-köpfigen Truppe. Die Polizei habe deshalb ein Zelt untersagt. „Wir haben eine reine Straßenkerb gefeiert“, schildert der 69-Jährige. Die Kneipen sind überfüllt und auch der von der Feuerwehr als Zeltersatz bewirtschaftete Burgkeller zieht das Feiervolk an.

Das Epizentrum des Festes liegt auf dem Vieuxtempsplatz rund ums Alte Rathaus und in der Spitalgasse. Ein paar Meter entfernt in der Solischen-Weiher-Straße dreht sich die Hayner Reitschul’, viel mehr Fahrgeschäfte als das historische Doppelstockkarussell gibt’s nicht. Kein Autoscooter, kein Riesenrad, keine Schiffschaukel. Der Standort hat danach ausgedient und auch für die Reitschul’ ist es der vorerst letzte Auftritt in Dreieichenhain, „was wir aber nicht wussten“, so Salewski. Das 1905 gebaute Karussell wird nach Amerika verkauft, kehrt aber 1979 heim und 1980 auf die Kerb zurück.

Was die Organisation betrifft, geht der Jahrgang 1952/53 mit einer gewissen Unbefangenheit und einem ordentlichen Schuss jugendlicher Naivität an die Sache ran. „Wir haben sehr viel improvisiert und auf den allerletzten Drücker gemacht“, sagt Deisinger. Damals gibt es noch keinen Verein, der die Kerbborsche logistisch und finanziell unterstützt. „Wir mussten uns alles selbst erarbeiten“, ergänzt Salewski. Als der eingeschworene Haufen sich aufmacht in den Wald, um den Kerbbaum zu holen, schüttet es wie aus Eimern. In einem Anfall von Selbstüberschätzung wählen die Jungs eine riesige Birke aus, die beim Abtransport zweimal gekürzt werden muss, um sie überhaupt in die Waldstraße zu bekommen. „Als wir dort ankamen, wurden wir gefragt, ob wir noch ganz normal seien“, berichtet Salewski lachend. Auch mit dem Aufstellen haben die Jungs ihren Kampf. Beim zweiten Versuch klappt’s, auch dank der Hilfe von Hennes Gabele, Wirt des damaligen Gasthauses „Zu den drei Eichen“, dem Stammlokal der Kerbborsche. Der Baum steht direkt neben der Kneipe, in diesem Jahr zum letzten Mal. Er wird rund um die Uhr bewacht. Ein bisschen stolz sind sie heute noch, dass es niemandem gelingt, die Kerbbopp mit Namen „Schoppeamsel“ zu klauen.

Die Organisation des Kerbborsche-Balls läuft auch alles andere als reibungslos. Als die Plakate hängen, fällt den jungen Männern auf, dass zwar TV-Turnhalle drauf steht, aber kein Ort. Wird dann eben nachträglich mit dem Filzstift korrigiert. Der Abend selbst läuft aus dem Ruder und wirft einen Schatten auf die 71er Kerb. Der Saal ist mit mehr als 500 Leuten brechend voll, der Eingang muss immer wieder geschlossen werden. Das verhindert aber nicht, dass ein paar auf Krawall gebürstete Besucher reinkommen und eine wüste Schlägerei anzetteln. Security, heute bei solchen Anlässen Standard, gibt’s nicht.

Die nächsten Tage kann das Team durchschnaufen und den Rummel genießen. Dabei ist es bullenheiß. Den Liedtext „Mir laafe barfuß uff de Gasse rum” setzen die Jungs in die Tat um und ziehen ohne Schuhwerk durch die Stadt. Zwischendurch geht’s immer wieder zur Stärkung zum „Gabele“, vis-à-vis vom damaligen Lindenplatz. „Irgendwann konnten wir keine Eier mit Speck mehr sehen“, erinnert sich Engelbert Deisinger. Die Haaner hatten die Jungs bei ihrer Sammlung großzügig unterstützt, finanziell und mit allerlei Lebensmitteln. Allen voran Eier.

„Die Zeit ist unvergesslich“, sagt Alfred Salewski. Ein Kern von zehn Mann hat den Kontakt nie abreißen lassen, trinkt regelmäßig einen Schoppen zusammen. „Mir tun vor allem die Kerbborsche und die Vorkerbborsche leid, die um diese Zeit gebracht werden“, bedauert der Kerbvadder von einst. Bembelträger Deisinger sekundiert. „Das ist schon eine große Sache.“

Von Frank Mahn

Mit dem Kerbbaum hatten sich die Jungs etwas übernommen. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Birke neben dem damaligen Gasthaus „Zu den drei Eichen“ stand.
Wie die Orgelpfeifen (von links, stehend): Helmut Werner, Roland Locher, Werner Haimerl, Josef Michalla, Karlheinz Göckes, Klaus Wiche (†), Hans Peter Matzkowitz, Karlheinz Maaß (†), Hans Jürgen Müller, Peter Wachsmuth, Hans Joachim Bunke (†), Ralph Seddig, Kerbvadder Alfred Salewski; sitzend: Engelbert Deisinger, Wilfried Hunkel, Gerd Wenzel und Michael Dexheimer (†). Auf dem Bild fehlt Gerhard Kaffanke.

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