20 Monate Haft

Wie ein Irrer durch die Stadt gerast

Dreieich/Neu-Isenburg - Im Mai 2017 soll ein Mann auf der Flucht vor der Polizei wie ein Irrer durch Neu-Isenburg und Dreieich gerast sein. Wegen Gefährdung des Straßenverkehrs musste sich der 32-Jährige am Montag vor dem Schöffengericht in Offenbach verantworten. Von Stefan Mangold 

Das Urteil lautete 20 Monate Gefängnis. Bewährung kam für Richter Manfred Beck nicht in Frage. Was Staatsanwalt Dirk Schillhahn vorträgt, hört sich wie aus dem Drehbuch eines Actionfilms an. Zwei Polizisten fiel am 29. Mai 2017 um 22.10 Uhr ein silberner Polo auf, der auf der Bahnhofstraße einem BMW die Vorfahrt nahm. Die Polizei folgte dem Mann, bis ihr Wagen auf der Frankfurter Straße parallel zum Polo stand. Der Beamte, der auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, sagt, an der Ampel habe er dem Angeklagten ins Gesicht sehen können. Der kann zwar nicht leugnen, Eigentümer des Polos gewesen zu sein, zum Vorwurf am Steuer gesessen zu haben, schweigt er. Auf den Haltebefehl der Polizei reagierte der Fahrer, indem er davon fuhr.

Der Beamte beschreibt eine wilde Hatz. Die Rede ist von 100 Stundenkilometern auf der Friedhofstraße, von rücksichtslosem Einbiegen von der Herzog- auf die Wilhelmstraße, von Überholvorgängen auf der Gegenfahrbahn, von bremsenden Autos, überfahrenen roten Ampeln, von zwei Radfahrern, die gerade noch ins Dickicht sprangen.

An einer Ampel auf der Carl-Ulrich-Straße hatte der Polofahrer halten müssen. Als ein Polizist ausstieg, fuhr er im Rückwärtsgang auf ihn zu. Durch die Sirene machten die Wagen vorne Platz, weshalb er weiter fliehen konnte. Schließlich fuhr der Mann durch den Wald nach Dreieich. Zuvor hatten die beiden Polizisten schon überlegt, die Verfolgung wegen der Gefahr aufzugeben. Nachts im Wald sahen sie das Risiko für Unbeteiligte als nicht zu hoch an. In Dreieich auf dem Rudolf-Binding-Weg fuhr der Mann einen Absperrpfosten um. Die Polizei stoppte, als es durch die 30er-Zone der Buchschlager Allee mit 130 Stundenkilometern ging: „Zu gefährlich.“

Im Anschluss schauten die Polizisten bei der Meldeadresse vorbei. Der Vater des Poloeigentümers öffnete. Auf einem Bild in der Wohnung will der Polizist den Mann aus dem Wagen erkannt haben. Gegenüber Richter Beck sagt er aus: „Ich kann mit Sicherheit sagen, das war der Angeklagte.“

Die irrsten Autofahrer der Welt

Der behauptete in einer Vernehmung, nicht am Steuer gesessen zu haben, sondern bei seiner Verlobten gewesen zu sein. Im Zeugenstand taucht keine Verlobte auf. Verteidiger Rolf Will zweifelt, dass der Polizist seinen Mandanten tatsächlich habe so deutlich erkennen können, zumal der heute längere Haare und einen kürzeren Bart trüge. Auch der Beamte, der damals am Steuer saß, sagt aus, auf der Carl-Ulrich-Straße hätte er den Angeklagten kurz gesehen.

Eine Erklärung, wer seinen Wagen fuhr, gibt der Angeklagte nicht ab. Richter Beck liest dessen Vorstrafenpalette vor. Darunter befinden sich Delikte wie Einbruchdiebstahl, Betrug, Falschbeschuldigung, Bedrohung, Nötigung und Drogenbesitz.

Der Staatsanwalt sieht keinen vernünftigen Grund, an der Schuld des Angeklagten zu zweifeln. „Dass niemand zu Schaden kam, das war nur großes Glück“. Die hochriskante Fahrweise könnte das Ergebnis von Drogen- oder Alkoholkonsum gewesen sein.

Nach tödlicher Verfolgungsjagd: Verdächtiger gestorben

Der Anwalt sieht in der Physiognomie seines Mandanten keine besonderen Merkmale, die verstehen lassen, dass die Polizei ihn nach einem Jahr absolut sicher wiedererkennt. Der Angeklagte erklärt, viel falsch gemacht zu haben, „dazu stand ich, diesmal war ich es nicht“.

Richter Beck und die Schöffen halten die Identifizierung für eindeutig. Wegen der Vorstrafen und einer Bewährungsfrist muss er 20 Monate in Haft. Den Führerschein kann der Angeklagte erst in einem Jahr neu beantragen.

Rubriklistenbild: © picture alliance / Federico Gambarini/dpa

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