Sprendlinger Firmenchef bei Botschafterkonferenz in Berlin

Ein Handwerker im Diplomatenkreis

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Dennis Kern tauschte jüngst für einen Tag seine Handwerker-Kluft gegen Anzug und Krawatte ein. Bei der Botschafterkonferenz in Berlin kam er als Vertreter jener hessischen Betriebe zu Wort, die seit vergangenem Jahr in einem Pilotprojekt spanische Lehrlinge ausbilden.

Sprendlingen - Firmenchef Dennis Kern berichtet in Berlin über seine Erfahrungen mit spanischen Azubis - und trifft dort auf Steinmeier & Co. Von Cora Werwitzke 

Dennis Kern ist Familienunternehmer, er führt einen sechsköpfigen Handwerksbetrieb im Sprendlinger Gewerbegebiet Ost. Krawatte und Laptoptasche braucht er im Beruf so gut wie nie, schon eher Arbeitshandschuhe und einen Werkzeugkoffer. Um so ungewohnter war für ihn nun die Aussicht, im Anzug ins Auswärtige Amt in Berlin zu spazieren und in Gegenwart der versammelten deutschen Wirtschaftsprominenz seine Erfahrungen mit spanischen Auszubildenden wiederzugeben. Nichts Geringeres tat Dennis Kern vor Kurzem beim Wirtschaftstag der Berliner Botschafterkonferenz – und kommentiert augenzwinkernd: „Also die Schuhe waren nix, die hatte ich vorher so gut wie noch nie an.“Aus den Zuschauerrängen heraus beobachtete der Sprendlinger Handwerker zunächst, wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Konferenz eröffnete.

Ziel der jährlichen Zusammenkunft ist es, den Austausch zwischen Wirtschaft und Diplomatie zu vertiefen – aus aller Herren Länder treffen dazu die deutschen Botschafter in Berlin ein. Dennis Kern fand sich im „Weltsaal“ des Auswärtigen Amts unter 1100 Wirtschaftsvertretern wieder, die sich anschließend in Foren und Workshops mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten verstreuten. Im Workshop „Internationale Berufsbildungskooperationen“ kam auch Dennis Kern zu Wort. Er berichtete stellvertretend für etliche Ausbildungsbetriebe, wie sich das 2013 gestartete Pilotprojekt mit gut 40 spanischen Lehrlingen im hessischen Handwerk angelassen hat. „Meine Redezeit lag bei zwei Minuten“, relativiert Kern bescheiden den Beitrag, den er in die Konferenz eingebracht hat. „Davon unabhängig war der Tag in Berlin für mich natürlich eine tolle Erfahrung – das ist dort eine ganz andere Welt ...“ Rückblick: Im vorigen Jahr entschied sich Kern nach langer erfolgloser Azubi-Suche beim Pilotprojekt der Handwerkskammer Frankfurt/Rhein-Main mitzumachen.

Großer Fachkräftemangel im Handwerk

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Entweder Heimat oder Ausbildung

Zum 1. September begannen 43 junge Madrilenen, die in ihrer Heimat mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent konfrontiert sind, eine Ausbildung in hiesigen Handwerksbetrieben. Zwei darunter – Carlos Muñoz Muñoz und Alberto Regidor López – fingen als angehende Anlagenmechaniker für Heizung und Sanitär bei „Kern – Energie- und Wassertechnik“ in Sprendlingen an. „Während andere Branchen noch vom Fachkräftemangel reden, ist er bei uns im Handwerk längst ausgebrochen“, fasste Kern seinerzeit die Beweggründe für das Pilotprojekt zusammen (wir berichteten). Ein Jahr später zieht der Familienunternehmer ein durchwachsenes Fazit. „Nach dem Weihnachtsurlaub in der Heimat haben beide Spanier ihre Ausbildung abgebrochen“, schildert Kern. Dafür wechselte im Februar einer der spanischen Azubis vom Frankfurter Unternehmen Wisag nach Sprendlingen. Alvaro Menneses-Cruz macht seine Sache nach den Worten seines Meisters gut.

„Sprachliche Defizite sind natürlich da, aber wir haben das Gefühl, dass er sich wohlfühlt und in Deutschland angekommen ist.“ Zehn bis 20 Prozent der ursprünglich 43 Spanier haben nach den Angaben von Kern die Ausbildung in Hessen wieder geschmissen. „Im Fall unserer beiden lag es sicher nicht am Unvermögen, sie hatten in der Berufsschule trotz ihrer mangelnden Deutschkenntnisse Noten im Zweier- und Dreierbereich.“ Vielmehr habe das Duo nicht richtig Fuß gefasst. „Anfangs war hier keine Wohnung zu finden, als wir dann nach Monaten eine in der Nähe hatten, kamen die beiden nicht aus dem Urlaub zurück – das war natürlich ärgerlich“, so Kern. Trotz der teils negativen Erfahrung ist der Handwerker weit davon entfernt, zu resignieren. „Wir wussten von Anfang an, dass es keine Erfahrungen gibt, auf die sich im Vorfeld aufbauen lässt.“

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Wichtige Erkenntnisse sind mittlerweile nach seiner Meinung, dass es nicht förderlich ist, die Spanier lange unter sich zu lassen, wie es durch die gemeinsame Berufsschulklasse – anfangs mit Dolmetscher – und die Unterbringung im Frankfurter EBL-Bildungszentrum der Fall war. „So gibt’s kaum Anreize, Deutsch zu lernen.“ Die Gruppe sei ein Stück weit von der Außenwelt abgeschottet gewesen. „In der Sammelunterkunft mussten sie nicht einmal einkaufen, sie wurden dort verpflegt.“ Andererseits stellte Kern ernüchtert fest, dass die Wohnungssuche für Azubis im Rhein-Main-Gebiet ein schwieriges Unterfangen ist. „Ich weiß gar nicht, wie viel Zeit ich alleine damit zugebracht habe“, so Kern. Das ändert freilich nichts an seiner Auffassung: „Eine eigene Bleibe ist das A und O.“

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