Verein YouGen fährt seine ganz eigene Strategie

Heimspiel Open Air: Kontrast zu den Kommerz-Festivals

+
Je später der Abend, umso zahlreicher die Besucher. Zu fortgeschrittener Stunde wurde es auf der Tanzfläche vor der Bühne so richtig voll.

Dreieich - Der Tag begann mit einer Hiobsbotschaft, aber er wendete sich zum Guten. Die achte Auflage des Heimspiel Open Airs dürfen die Veranstalter des Vereins YouGen als vollen Erfolg verbuchen. Bei nahezu idealen äußeren Bedingungen wurde das Ferienspielgelände zum Dancefloor für Jugendliche aus der ganzen Region. Von Manuel Schubert 

Am Morgen ist die Ernüchterung groß. 1 200 Kilometer weiter nördlich, vor den Toren Stockholms, steckt das Mainzer DJ-Duo Teenage Mutants im Stau, verpasst seinen Flug nach Deutschland und somit auch seinen Auftritt beim Heimspiel Open Air in Dreieichenhain. Er sollte ein Highlight gleich zum Auftakt werden, immerhin bringen die beiden Klangkünstler auf der ganzen Welt die Leute mit ihren Beats zum Tanzen, in den kommenden Wochen stehen unter anderem noch Barcelona, Beirut und Sao Paolo im Terminkalender. Zum Glück findet sich kurzfristig Ersatz. Marcel Khoury, Kassenwart des Vereins YouGen, der das Festival für elektronische Musik ins Leben gerufen hat, legt selbst seit acht Jahren auf und sagt sofort zu. „Das stand außer Frage, dass ich das übernehme“, erzählt er nach seinem anderthalbstündigen Spontan-Set. Nach dem Frühstück hatte der 24-Jährige von der Hiobsbotschaft erfahren, hastig seine Plattensammlung durchforstet und eine kleine Auswahl eingepackt. Ob das schwierig gewesen sei, so ohne Vorbereitung? „Es ging“, sagt der 24-Jährige. „Man kennt ja die Musik, die man daheim hat.“

Und so wird die achte Auflage des Heimspiel Open Airs auch ohne die Headliner aus Rheinland-Pfalz zum vollen Erfolg. Schon am Nachmittag haben sich mehrere hundert Besucher – fast ausschließlich Jugendliche – auf dem Ferienspielgelände an der Breiten Haagwegschneise eingefunden, um den Techno-Klängen zu lauschen, die bis in andere Ortsteile hinüber wummern. Mit jeder Stunde werden es mehr, aus Richtung der Koberstädter Straße strömen am späten Nachmittag Menschenmassen in Richtung des Festivalgeländes.

Mittlerweile hat sich der zweite DJ am Pult eingerichtet. Der erst 17-jährige Dominik Bogon legt zum ersten Mal in Dreieichenhain auf und erntet viele anerkennende Blicke. Der Frankfurter ist der einzige an diesem Tag, der ausschließlich auf Vinyl-Platten zurückgreift. „Er hat einen sehr reifen Sound“, lobt Maximilian Jähner, Vorsitzender und Gründer von YouGen. „Viele andere DJs in seinem Alter fahren mehr auf Radiozeugs ab.“

Getanzt wird in den Anfangsstunden des Festivals wenig, die meisten Besucher lassen sich erst einmal im Gras, auf dem angrenzenden Hügel oder auf Bänken aus Europaletten nieder. Ein gemächlicher und gemütlicher Start – das ist durchaus so gewollt. „Die Leute sollen sich wie zu Hause fühlen“, sagt Jähner. Mit dem Heimspiel wolle man einen Kontrast zu den großen, kommerziellen Festivals bieten, erläutert der 27-Jährige. „Früher habe ich das alles mitgemacht, heute kriegt man mich da nicht mehr hin.“ Hektisches Gedränge, endlose Schlangen und DJs, die für zwei Stunden fünfstellige Beträge kassieren – dafür kann sich der gelernte Veranstaltungskaufmann nur noch schwer begeistern. „Das ist völlig aus den Fugen geraten“, betont er.

Open-Air-Festival „Heimspiel“ in Dreieich: Bilder

Sein Vorstandskollege Alexander Graff sieht es so: „Wir versuchen, das umzusetzen, was wir uns von einem Festival wünschen würden.“ Das beinhaltet auch eine Preisgestaltung, die niemanden abschreckt. Und so ist der Eintritt zum Heimspiel Open Air seit jeher kostenlos, Cocktails kosten erschwingliche 3,50 Euro. Möglich wird das durch ehrenamtliche Helfer, Sponsoren und nicht zuletzt auch die DJs, die allesamt auf ihre Gage verzichten. „Wir wollen vom reinen Partygedanken wegkommen“, erklärt Graff. Das Heimspiel Open Air will Gutes tun. Wer möchte, kann daher auch sein Becherpfand für ein Projekt spenden, das die sexuelle Ausbeutung von Kindern in Sri Lanka bekämpft.

Zu fortgeschrittener Stunde wird es richtig voll auf der sandigen Fläche vor der Bühne, der Pulk der Tänzer wächst minütlich an, Seifenblasen schweben durch die Luft, bunte Neonlichter zucken durch die Dunkelheit. Und nachdem der Berliner DJ Klangkuenstler gegen Mitternacht seine letzten Beats in den Koberstädter Wald hinausgeschickt hat, geht es auf der Aftershow-Party im Bürgerhauskeller bis in die frühen Morgenstunden weiter.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare