Herren-Damen lassen"s krachen

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Die Herren-Damen vor ihrem Auftritt in Fummel und Strapsen: Volker Niederfahrenhorst, Christian Hilger, Martin Brücker und Jens Wachholz (von links).

Dreieich - Nein, eine Notlösung war es ganz und gar nicht, sich für eine Vorstellung in der Burg die Travestie-Komödie „Ganze Kerle“ von den Bad Vilbeler Festspielen auszuleihen. Von Klaus Hellweg

Ursprünglich sollte ja das Sexteto Mayor, ein bekanntes argentinisches Tango-Sextett, vergangenen Samstag auf der Bühne im Dreieichenhainer Burggarten stehen. Doch die Herren hatten irgendwann im April absagen müssen und die Burgfestspiele für einen Augenblick in arge Verlegenheit gestürzt. Aber eben nur für einen Augenblick. Travestie statt Tango – egal, die Besucher im leider nur zu zwei Dritteln gefüllten Burggarten kamen dennoch auf ihre Kosten. Und zwar voll und ganz.

Die Klamotte „Ganze Kerle“ der kanadischen Autorin Kerry Renard bedient ein Genre, das in seinen verschiedensten Spielarten immer wieder für Jubel sorgt: Männer als Frauen, ungelenke Kerle in Stöckelschuhen und Glitzer-Tops. Wir alle kennen das vom karnevalistischen Männerballett ebenso wie vom (nicht mehr existenten) Berliner Kabarett Chez Nous oder von Georg Preuße und seiner „Mary“.

Der Geschlechterrollentausch auf der Bühne ist nicht neu, aber zum Brüllen komisch. Auch in diesem Bad Vilbeler Gastspiel. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass die Inszenierung von Christian H. Voss erkennen lässt, warum „Ganze Kerle“ längst zu einer Kult-Travestie-Komödie geworden ist.

Die Geschichte

Das Stück erzählt die Geschichte der vier Kollegen Manuel Rodrigues (Martin Brücker), Sam Knoxville (Jens Wachholz), Paul Rowlands (Christian Higer) und George Mc Gregor (Volker Niederfahrenhorst), die als Paketboten bei einem privaten Kurierdienst arbeiten. Eine Macke haben sie alle miteinander: Youngster Manuel ist Veganer, der ständig probiert, eine ganze Karotte mit Stäbchen zum Munde zu führen; Sam lebt nach gescheiterter Ehe wieder bei seiner dominanten Mutter, der recht fettleibige George kommt nicht von den Gedanken an seine verstorbene Frau los und Paul muss mit seiner schlagkräftigen besseren Hälfte zurecht kommen. Ganze Kerle eben.

Betty, die Tochter des Filialleiters des Paketdienstes (Sebastian Gerasch) benötigt nach einem Unfall dringend Hilfe, aber die benötigte Summe von 30 000 Dollar kann der Vater nicht aufbringen. Seine Angestellten wollen ihn unterstützen, wissen aber nicht wie – bis ein Zeitungsartikel über eine ausverkaufte Travestie-Show die rettende Idee bringt. Und damit geht es dann los: Aus den vier Angestellten werden nach und nach Herren-Damen, es beginnt der Kampf mit zu hohen Absätzen, mit Schminke und Strapsen.

Die Umwandlung ist zum Schreien komisch, die vier Herren in Pumps sind von phänomenaler Spielfreude – was beim Publikum umso mehr ankommt, als zunächst jeder für sich über den eigenen Schatten springen muss, um sich mit dem Weiber-Fummel anzufreunden. Am leichtesten tut sich da in der Rolle des Manuel noch Martin Brücker, den das Dreieichenhainer Publikum in der Rolle des „Robin Hood“ aus den vergangenen beiden Festspieljahren kennt. Figürlich und in der Art seiner Bewegung geht er am ehesten als Frau durch – die anderen haben beim Geschlechtertausch mit Problemen zu kämpfen, die sie als „Ganze Kerle“ nicht hatten oder kannten.

Lustvoll, temporeich und urkomisch

Die Umwandlung der anfangs ungelenken Kerle in propere Damen mit Perücke, Tops und Schminke geht erst zögernd, dann aber ausgesprochen lustvoll, temporeich und urkomisch, aber nie peinlich über die Bühne. Die Herren-Damen verlieren nach und nach ihre Scheu, die Glatze spielt ebenso wenig noch eine Rolle wie die Speckrollen. Man nimmt den durchweg flott spielenden Glamour-Kerlen tatsächlich ab, nicht nur zum x-ten Mal eine Rolle abzuliefern, sondern wirklich zu schrillen Typen mutiert zu sein. Und das erst recht, als das Mann-Weib Elaine Knoxville, Sams Mutter (Harald Heinz) als Tanztrainerin auftaucht.

Gelungener Höhepunkt der Metamorphose: eine ebenso fulminante wie rasante Revue - die Fummeltrinen mal als Gitte, dann als Nana Mouskouri, mal als Nancy Sinatra, mal als Lulilectric – mal bombastisch aufgedonnert, dann mädchenhaft naiv. Das Publikum hat irren Spaß, trampelt mit den Beinen, verlangt – leider erfolglos - Zugaben. Ein höchst unterhaltsamer Festspielabend mit gut aufgelegten Akteuren – leichte Kost, wie man sie sich für ein Sommerfestival vorstellt.

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