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Hommage an die deutsche Sprache aus Dreieich

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Wenn er zuhause nicht am Klavier sitzt, verbringt Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt viele Stunden am Schreibtisch. Herausgekommen ist dabei ein weiteres Buch, das er morgen in Buchschlag vorstellt.
Wir haben die Sprache geerbt. Unsere Vorfahren haben Jahrhunderte daran gearbeitet, deshalb sollte sie uns mehr wert sein. © -air

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain soll einmal gesagt haben, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen. In Forschungsinstituten zwischen Flensburg und Garmisch lernen ausländische Wissenschaftler selten Deutsch, denn das dauere zu lang und hindere sie bei der Arbeit. „Deutsche Sprache, schwere Sprache“, heißt es. „Von wegen“, sagt einer, der sich auskennt. „Deutsch ist ausdrucksstark, präzise, geschmeidig und einfühlsam“, so beschreibt Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt aus Dreieich in seinem neuesten Buch seine Muttersprache.

Dreieich - Als Linguist könnte er sich echauffieren, dass die deutsche Sprache insbesondere durch die Kommunikation in den sogenannten Sozialen Medien verunstaltet wird. Es wäre für Kaehlbrandt einfach, sich darüber aufzuregen, dass Wörter wie „von daher“ oft zum falschen Ersatz von „deswegen“ mutieren oder „sowas von“ benutzt wird, um etwas Besonderes zum Ausdruck zu bringen. Doch der Sprachwissenschaftler nimmt’s mit Leichtigkeit und konzentriert sich in seinem rund 250 Seiten starken Buch ausschließlich auf das Positive. Der Buchschlager singt ein Loblied auf seine Muttersprache. Das Werk ist eine Hommage an die deutsche Sprache und trägt den Titel „Deutsch – eine Liebeserklärung. Die zehn großen Vorzüge unserer erstaunlichen Sprache.“

Wie bei vielen Dingen im Leben besteht die Sprache aus Pflicht und Kür, aus Basis und der Schönheit der syntaktischen Gebilde. „Wir brauchen keinen riesigen Wortschatz zum schieren Überleben. Wir kommen zur Not auch mit ganz wenigen Wörtern aus. Forschungen haben ergeben, dass etwa 750 Wörter den alltäglichen Sprachgebrauch ausmachen“, schreibt Roland Kaehlbrandt. Der Grundwortschatz der Sprache umfasse nicht mehr als 2 800 Wörter. Damit komme man schon weit. „Und wenn wir 10 000 Wörter nutzen, verwenden wir schon den aktiven Wortschatz eines Muttersprachlers mit gutem Bildungsabschluss“, so der Mann der Sprache.

Fachleute schätzen nach Darstellung von Kaehlbrandt, dass ein gebildeter Deutscher etwa 50 000 Wörter passiv kennt. Johann Wolfgang von Goethe verwandte 90 000 Wörter. „Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nennt für das Jahr 1914 rund 3,7 Millionen, für 1957 etwa fünf Millionen und für 2004 gar 5,3 Millionen Wörter“, heißt es in dem Buch.

Mit seiner „Liebeserklärung“ möchte der Dreieicher die deutsche Sprache stärker ins Bewusstsein rücken und aufzeigen, was sie kann. Das Buch solle ein Weckruf sein und einen Impuls geben, „unsere Sprache nach Kräften zu lieben und sie zu pflegen“, so Kaehlbrandt. Das Deutsche habe sich aus der Mitte der Gesellschaft entwickelt und zähle durch herausragende Literatur und Wissenschaft zu den großen Kultursprachen der Welt. Außerdem erweise es sich als integrationsfähige gemeinsame Sprache im Einwanderungsland.

Allerdings sei die Rechtschreibung derzeit in einem schlechten Zustand. Das hätten ihm Lehrkräfte berichtet. Der Autor gibt in seinem Buch viele praktische Beispiele und erläutert verständlich Begriffe wie Nebensatzgefüge, beschreibt semantische Lücken und klärt mitunter humorvoll über Verbklammern, Modal- sowie Instrumentalsätze auf.

Das Partizip Präsens erlebt dank des Genderns und der verzweifelten Suche nach Formulierungen, die der Inklusion gerecht werden und alle in der Gesellschaft gleichberechtigt ansprechen und einbeziehen, gerade eine Hochkonjunktur. Studierende, Mitarbeitende – das klinge so, als seien die Menschen permanent im Einsatz, sagt Kaehlbrandt.

„Wir haben die Sprache geerbt. Unsere Vorfahren haben Jahrhunderte daran gearbeitet, deshalb sollte sie uns mehr wert sein.“ Das Deutsche bezeichnet er als eine Lego-Sprache, da aus bestehenden Wörtern spielend neue Wörter wie Kinderarzt entstehen können. Die deutsche Sprache sei alles andere als barsch. Kaehlbrandt stellt ihr die Adjektive einfühlsam und vielfältig zur Seite.

Sie könne auch sehr freundlich sein, dabei würden kurze „Abtönungswörter“ helfen. Wie heißt du denn? Das klinge angenehmer als: Wie heißt Du? Wo bleibt sie? Das höre sich sachlicher an als: Wo bleibt sie bloß? „Durch diese kleinen Wörter, die Partikel, geben wir dem Satz eine Tönung, die etwas über die Haltung der Fragenden zum Ausdruck bringt“, sagt der Linguist. Die kleinen Wörter leisten nach Ansicht von Kaehlbrandt etwas Meisterliches, denn sie verkörpern eine Stimmung. „Mit ihrer Hilfe ist unsere kommunikative Absicht fein und nebenhin eingeflochten und wird nicht mit großen Worten in die Welt hinausposaunt.“

Einerseits analysiert der Sprachwissenschaftler am Beispiel von Thomas Manns „Buddenbrooks“ komplexe Sätze, andererseits gibt es Beispiele für die Würze in der Kürze: „Kein Problem. Aber hallo! Als ob! Sowas von! Voll nett!“

Linguist mit Faible für Rock, Pop und Jazz

Roland Kaehlbrandt kam 1953 in Celle zur Welt, wuchs in Köln auf und wohnt in Buchschlag. In seiner Familie waren Sprachwitz und Sprachironie zuhause. Der Sachbuchautor lehrt als Honorarprofessor für Sprache und Gesellschaft an der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn. Kaehlbrandt studierte Romanische und Germanische Philologie sowie Völkerkunde an der Universität zu Köln. 1985 bis 1990 war er als Lektor für deutsche Sprache an der Universität Paris III tätig. 1987 wurde er zum Direktor der Deutschen Stiftung Maison Heinrich Heine berufen, die er bis 1990 leitete. Der Experte für sprachliche Bildung war von 2008 bis zu seinem Ruhestand im September 2022 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt. Er initiierte Bildungsprojekte wie etwa „Jugend debattiert“ oder den Rechtschreibwettbewerb „Deutschland schreibt!“ und setzte sich für Förderprojekte wie den „Deutschsommer“ ein. Kaehlbrandt ist Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Der Mann spielt Klavier und hört gern Musik von den Beatles, The Who, Jethro Tull, Led Zeppelin, Chicago, Earth, Wind & Fire und Till Brönner. air

In die Sprache vieler Jugendlicher mit Migrationserfahrung und ebenso in die deutscher Teenager mischen sich herkunftssprachliche Einflüsse mit dem natürlichen Bedürfnis Jugendlicher, eigene sprachliche Ausdrucksformen auszubilden, die Erwachsene nicht gut finden und die möglicherweise sogar provozieren. „Dies erinnert uns daran, dass Sprache nicht nur verbinden soll, sondern auch ihre durchaus abgrenzende Funktion genutzt werden kann. Wenn jemand sagt: „Isch seh disch Bahnhof“ oder „Hab isch gekauft krasse Karre“, dann sollte dies nicht als Sprachverfall verteufelt werden, meint Roland Kaehlbrandt. Er glaubt, dass die meisten Jugendlichen unterscheiden können, in welcher Situation formales beziehungsweise informelles Formulieren gefordert ist. air

Lesung

Kaehlbrandt stellt sein Buch am Mittwoch, 9. November, um 20 Uhr auf Einladung des Geschichtsvereins im Saal der Versöhnungsgemeinde in Buchschlag (Buchweg 10) vor. Der Eintritt kostet acht Euro.

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