Lebendige Geschichte vor der Tür

Huch-Schüler putzen Jüdischen Friedhof

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Die alten Grabsteine des Jüdischen Friedhofs sind mit Moos und Flechten bedeckt, die die Ricarda-Huch-Schüler behutsam entfernen. Vor der Putzaktion erfuhren sie von den Freunden Sprendlingens allerhand über die jüdische Historie ihres Heimatorts. 

Sprendlingen - Geschichte zum Anfassen erlebten die Ricarda-Huch-Schüler in den vergangenen beiden Tagen auf dem Jüdischen Friedhof in Sprendlingen. Von Julia Radgen 

Sie befreiten nicht nur die alten Grabsteine von Moos, sondern lernten viel über die Historie der jüdischen Gemeinde in ihrem Heimatort. Julius Bendheim wurde nur 44 Jahre alt. Er ist nach der Pogromnacht am 12. November 1938 verhaftet und in das KZ Buchenwald gebracht worden, wo er zwei Wochen später starb. Die Urne mit seiner Asche wurde nach Sprendlingen geschickt und auf dem Jüdischen Friedhof beerdigt – ohne Grabstein. Erst 77 Jahre später wurden sein Grab und die zweier weiterer Sprendlinger Juden auf Initiative der Freunde Sprendlingens mit Grabplatten versehen. Auf den Sandsteinen stehen Name, Geburts- und Sterbejahr, darunter auf Hebräisch „Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens“.

Erst vor wenigen Wochen haben die Schüler der neunten Klassen der Ricarda-Huch-Schule die Gedenkstätte des KZ Buchenwald besucht. Gestern stehen sie vor dem Grabstein eines der zehntausenden Menschen, die dort starben – und der aus ihrem Heimatort kommt. Das sei besonders beeindruckend für ihre Schüler gewesen, betont Myriam Andres, Fachsprecherin Geschichte an der RHS. „Die Schüler erleben die Auswirkungen jüdischer Geschichte direkt vor ihrer Haustür.“ Die Lehrerin ist regelmäßig mit Schülergruppen auf dem Jüdischen Friedhof unterwegs.

Diesmal sind Neuntklässler und Oberstufenschüler mit Schwämmen und Putzeimern zu Gast auf dem 1830 gegründeten Friedhof. „Wir haben schon etwa 20 Grabsteine von Moos befreit“, erzählt Andres. Hintergrund ist eine seit 2010 bestehende Patenschaft des Gymnasiums für den Jüdischen Friedhof. Die Idee geht auf die Kreisarchäologin Dagmar Kroemer und den Friedhofszwecksverband zurück. Weil die meisten Nachfahren der jüdischen Bürger, die auf dem 1830 gegründeten Friedhof beigesetzt sind, im Ausland leben oder bereits verstorben sind, sollten die Schüler mit der Pflege der oft gut hundert Jahre alten Grabsteine betraut werden. Gleichzeitig sollten die jungen Dreieicher dabei etwas über das jüdische Erbe ihrer Heimatstadt lernen.

Engel und Mausoleum: Unterwegs auf dem Alten Friedhof

Diesen Part übernehmen die Freunde Sprendlingens. Deren Vorsitzender Wilhelm Ott erzählt den jungen Leuten Wissenswertes über die Situation der Juden in Sprendlingen während der NS-Zeit, über die ehemalige Synagoge und den Friedhof. „Die spezifische jüdische Geschichte vor Ort ist den meisten nicht bekannt“, sagt Ott. Er hat sich dafür eingesetzt, dass die Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein nach dem Tod von Arno Baumbusch, Ehrenmitglied der Freunde Sprendlingens, wieder vertieft wird. Ricarda-Huch-Schüler haben die Grabsteine schon öfters geputzt. „Die Jugendlichen sind mit Eifer dabei“, betont Ott auch diesmal. Lehrerin Andres will ihren Schülern auch vermitteln, dass der Jüdische Friedhof eine historische Quelle ist. „Sie sollen sehen, dass die Geschichte auch in ihrem Wohnort immer noch lebendig ist“, sagt Andres. Die Oberstufenschüler soll der Ausflug zudem auf eine große Exkursion vorbereiten: In der letzten Unterrrichtswoche Ende Juni fahren die Geschichtsschüler nach Auschwitz und besuchen die dortige Gedenkstätte des ehemaligen Vernichtungslagers.

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