Strompreis steigt, Existenzangst auch

Dreieich - Die Heizperiode hat sich in diesem Jahr lange hingezogen. Die Energiepreise steigen seit Jahren. Beides zusammen hinterlässt bei vielen Dreieichern ein mulmiges Gefühl. Von Cora Werwitzke

Laut Hans Westenberger machen die steigenden Rechnungsposten vor allem Rentnern und Leuten mit geringem Einkommen Angst. Der Vorsitzende des VdK Götzenhain/Dreieichenhain kennt nicht nur die besorgniserregenden Statistiken, sondern erlebt in seinen Beratungsstunden immer wieder, dass ausufernde Wohnkosten und Existenzangst Hand in Hand gehen.

Nichts als Rechnungen im Briefkasten - welchen Menschen bereitet das wirklich Bauchweh, Herr Westenberger?

Meine Erfahrungen sind, dass steigende Nebenkosten vor allem diejenigen treffen, die ohnehin auf sich allein gestellt sind – etwa ältere Menschen und Alleinerziehende. Man muss sich vor Augen führen: Die Durchschnittsrente eines Manns liegt bei 1 200, die einer Frau bei 800 Euro. Zusammen ist das okay, aber wer alleine ist, hat’s schwer.

Überall hört man von steigenden Energiekosten. Von was für einem Preisanstieg reden wir denn konkret?

Seit 2005 ist der Strompreis in Hessen um knapp 40 Prozent gestiegen, Heizöl sogar um mehr als 60 Prozent. Wer in einem Single-Haushalt wohnt, zahlt inzwischen allein für Strom im Schnitt 42 Euro pro Monat. Das ist für manch einen kaum noch zu bewältigen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine neue Energiearmut rutschen.

Wie sieht’s denn diesbezüglich in Dreieich aus?

Wir stehen im Vergleich noch ganz gut da, das Pro-Kopf-Einkommen ist überdurchschnittlich. Allerdings ist Dreieich auch ein teures Pflaster. Es gibt quasi keinen günstigen Wohnraum. Das ist ein schwerwiegendes Problem.

Inwiefern?

Um es an einem Beispiel konkret zu machen: Letztens kam ein Dreieichenhainer zu mir, 72 Jahre, kurz zuvor hatte er seine Frau verloren. Er bekommt eine Rente plus Witwerrente von insgesamt gut 1000 Euro. Die 62 Quadratmeter große Wohnung ist für ihn allein reichlich groß und mit 780 Euro Kaltmiete auch zu teuer. Nun liegen die Preise in Dreieichenhain für eine halb so große Wohnung von 30 Quadratmetern bei 450 bis 550 Euro kalt. Lassen Sie uns da mal noch 200 Euro Nebenkosten draufrechnen. Das kann sich dieser Mann nicht leisten. Aber: Wo soll er denn hin?

Ja, wo soll er hin? Was raten Sie in solchen Fällen?

Es gibt bei der Stadt eine Anlaufstelle, die sich um die Beschaffung von günstigem Wohnraum kümmert. Die Warteliste von Interessenten ist ellenlang. Die Mitarbeiterin kann keine Soforthilfe anbieten, aber das wäre gefordert. Objektiv gesehen könnte der Mann wegziehen oder in eine Wohngemeinschaft umsiedeln.

Also quasi in eine Senioren-WG?

Ja, aber entscheiden Sie sich mal spontan nach einem Schicksalsschlag für ein Wohnmodell, mit dem Sie sich nie im Leben beschäftigt haben. Dazu ist diese Generation nicht bereit – und das kann ich gut nachvollziehen. Die kommenden „Alten“, die jetzt zwischen 50 und 60 sind, sind da vielleicht schon weiter.

Was ist Ihr Eindruck: Wie kommen Rentner mit den steigenden Nebenkosten zurechtkommt?

Viele sparen an anderer Stelle. In meiner Funktion als Ortsgerichtsvorsteher erlebe ich bei Hausschätzungen immer wieder, dass etwa jahrzehntelang nichts am eigenen Haus gemacht werden konnte. Die Gebäude sind schlecht isoliert mit veralteter Heizung, zugigen Fenstern – was natürlich wieder hohe Nebenkosten bedingt. Typisch ist, dass sich die Leute eher zurückziehen als ihre Notlage zuzugeben. Ich kenne persönlich Mitbürger, die Rechnungen ungeöffnet in einer Schublade sammeln.

Wie können Sie Betroffene unterstützen?

Ich bin erstmal da, um zuzuhören. Je nachdem, worum es geht, kann ich diese Personen an die richtigen Stellen weiterverweisen, mit ihnen Dokumente ausfüllen oder auch mal einen Behördengang machen. Als VdK-Vorstand ist es auch meine Aufgabe, die Politik immer wieder auf die Missstände aufmerksam zu machen: Energiekosten sind in der aktuellen Höhe nicht zu verantworten, Lösungen müssen auf den Tisch!

Ein Ende der Energiepreis-Explosion ist nicht abzusehen. Wo wird das noch hinführen?

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das Problem noch verschärfen wird. Die Belastung nimmt zu, gleichzeitig wandeln sich die Bedürfnisse der kommenden „Alten“: Viele begnügen sich nicht mehr damit, den Tag lang im eigenen Kleingarten zu sitzen. Die nächste Generation will im Ruhestand aktiver sein, ein Auto haben – das alles kostet. Wem kein doppeltes Einkommen zur Verfügung steht, kommt in die Bredouille. Weshalb aber sollte der dritte Lebensabschnitt solche Ängste mit sich bringen? Als Sozialverband versuchen wir, ein ständiger Unruheherd zu sein und zum Umdenken aufzufordern.

Rubriklistenbild: © dpa

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