Islamunterricht von allen Seiten begrüßt

Dreieich - Vieles ist noch ungeklärt. Weder gibt es bereits ausgebildete Lehrer, noch einen ausgearbeiteten Lehrplan. Vor allem letzteres wird wohl die größte Herausforderung sein - nicht zuletzt, weil die Frage, wer denn der richtigen Ansprechpartner seitens der Muslime ist, noch immer nicht beantwortet ist.

Dennoch meint es Dorothea Henzler (FDP) offenbar ernst: Die neue Kultusministerin will baldmöglichst einen Islam-Unterricht an Hessens Schulen einführen.

An den Dreieicher Schulen hat die Ankündigung Henzlers bislang noch relativ wenig Resonanz ausgelöst. Albert Schobbe, Schulleiter der Weibelfeldschule, erklärte auf Anfrage, er wisse selbst nur das, was bisher in der Presse über die Pläne des Ministeriums berichtet wurde.

Schobbe erinnerte jedoch daran, dass die Debatte um den Islamunterricht vor einigen Jahren bereits geführt wurde: „Das Thema stand schon einmal auf der Tagesordnung, aber dann hat sich kein geeigneter Ansprechpartner unter den muslimischen Verbänden gefunden, der für alle sprechen konnte.“

Dennoch würde er die Einführung eines Islamunterrichts begrüßen - insofern das Fach „gleichwertig behandelt und anerkannt“ werden würde wie alle anderen Fächer, insbesondere der katholische und evangelische Religionsunterricht beziehungsweise der alternative Ethik-Unterricht: „Uns wäre es wichtig, dass es kein Fach zweiter Güte wäre, und dass es einen ordentlichen Lehrplan dafür gibt.“

Wie groß der tatsächliche Bedarf an islamischen Religionsunterricht in der Stadt ist, kann nur geschätzt werden. An der Weibelfeldschule mit ihren rund 80 muslimischen Schülerinnen und Schülern habe das Thema bislang, so Schobbe, noch keine Rolle gespielt. „Das liegt allerdings auch daran, dass wir ab der siebten Klasse Ethikunterricht anbieten, in dem alle Religionen sowie Kultur- und Wertegemeinschaften, darunter der Islam, behandelt werden.“

Auch an der Ricarda-Huch-Schule sei laut Schulleiter Dr. Knud Dittmann das Thema bislang nicht angesprochen werden. Anders stellt sich die Situation dagegen an der Heinrich-Heine-Schule dar. Deren Leiterin Sigrid Harnischfeger verweist auf immerhin 117 muslimische Schülerinnen und Schüler, die im Ethikunterricht „immer mal wieder den Wunsch“ geäußert hätten, einen eigenen Religionsunterricht zu erhalten.

„Wir erhoffen uns dadurch mehr Transparenz und dass die Schüler dann nicht mehr am Wochenende in eine Moschee zum Koranunterricht gehen müssen“, so Harnischfeger. Auch sie fordert allerdings einen entsprechend gute Qualifizierung der Islamlehrer: „Dafür würde ein Crashkurs nicht genügen.“

Insgesamt begrüßen die weiterführenden Schulen in Dreieich den Islamunterricht als Gleichberechtigung ihrer muslimischen Schüler - unabhängig von der Gretchenfrage, ob es überhaupt Religionsunterricht in einem säkularen und größtenteils laizistischen Staat geben sollte.

Auch die beiden muslimischen Gemeinden in der Stadt würden die Einführung eines deutschsprachigen Islamunterrichts grundsätzlich begrüßen. „Aus unserer Sicht würde das die Integration fördern, weil nicht mehr nur in der eigenen Muttersprache über die Religion gesprochen werden würde“, meint Vaji Shah von der Ahmadiyya-Gemeinde. Das würde auch den kulturellen Austausch mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft befördern.

In einer kleinen Diskussion am „Runden Tisch Islam“ mit der Leiterin des städtischen Integrationsbüros, Karin Scholl, äußerte sich Sefa Sahin vom Türkisch-Islamischen Verein skeptisch, ob sich die verschiedenen Gemeinden auf eine gemeinsame inhaltliche Linie einigen können.

Ein reiner Bekenntnisunterricht, so wie er in den Moscheegemeinden üblich ist, würde an staatlichen Schulen jedoch schon wegen der religiös vorgeschriebenen Geschlechtertrennung bei der Koranlektüre schwierig werden. „Verschiedene Ausrichtungen des Unterrichts an den Schulen wären jedoch nicht erstrebenswert und der Sache nicht dienlich“, betonte Sahin und fügte hinzu: „Einen Mittelweg zu finden wird schwierig.“

Er hält deshalb eine Art Sachkunde über den Islam als die wahrscheinlichste Variante für die inhaltliche Ausrichtung des Faches. Ob darin integrationsrelevante Themen wie der Karikaturenstreit oder die Kopftuchdebatte angesprochen werden würden, ist derzeit offen.

Sahin verweist jedoch auch auf die offenen Gruppen in der Gemeinde-Moschee sowie auf die regelmäßigen Treffen jugendlicher Muslime unterschiedlicher Herkunft, jeden Mittwochabend. Auch in der Ahmadiyya-Gemeinde gibt es regelmäßige Veranstaltungen, bei denen immer wieder gesellschaftliche und politische Themen zusammen mit Deutschen diskutiert werden.

Für Karin Scholl ist jedenfalls klar, dass es zunächst darum geht, das Vertrauen der muslimischen Gemeinden - und vor allem der Eltern - zu gewinnen. Letztere würden wohl nur zustimmen, wenn sie mit der inhaltlichen Ausrichtung einverstanden sind.

In dieser Frage und auch in der Frage um die richtigen Ansprechpartner verweist die Referentin für den interreligiösen Dialog des Bistums Mainz, Dr. Barbara Huber-Rudolf, auf das Nachbarland Rheinland-Pfalz: „Dort wird das Problem von der unteren Ebene aus angegangen. Verschiedene Elternvereine dienen als Ansprechpartner, womit man immer gute Erfahrungen gemacht hat.“

Diese Elternvereine übernähmen die lokale Organisation des Unterrichts und stimmten auch den jeweiligen Lehrern für das Fach zu, die selbst staatlich anerkannte Pädagogen seien.

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