Trompeter Nils Wülker in Dreieichenhain

Abend der Ausnahmekönner bei „Jazz in der Burg“ 

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Nils Wülker und die beiden Ausnahmepianisten Christoph Oeser (links) und Dirk Raufeisen bereiteten den Zuhörern bei „Jazz in der Burg“ einen unvergesslichen Abend.

Dreieich - Seit 1976 gibt es in Dreieich eine Tradition, die sich auf einen ebenso kurzen wie prägnanten Nenner bringen lässt: kein Sommer ohne „Jazz in der Burg“. Zum 43. Mal wurde die Freilichtbühne am Wochenende zum Mekka für Jazz-, Blues- und Gospelfans. Von Timo Kurth 

Der Samstagabend gehörte einem Echo-Preisträger und zwei Ausnahmepianisten. Manch ein Zuschauer fragt sich, ob er doppelt sieht. Immerhin stehen da gleich zwei pechschwarze Konzertflügel auf der Bühne im Burggarten, während die Besucher noch ihre Plätze suchen. Kaum sitzen alle, beginnt ein Tastenfeuerwerk der Extraklasse: Die Pianisten Christoph Oeser und Dirk Raufeisen haben sich ganz dem Blues und dem Boogie-Woogie verschrieben. Jeder für sich ein absoluter Ausnahmekönner, geben sie heute gemeinsam auf der Bühne Vollgas. „Vor einem Konzert mit uns haben die Klaviere 88 Tasten. Hinterher müssen wir gemeinsam nachzählen, ob noch alle dran sind“, sagt Raufeisen lachend.

Dass diese Befürchtung nicht ganz unbegründet ist, zeigt sich an diesem Abend schnell: In rasendem Tempo jagen die vier Hände der Pianisten, die Rücken an Rücken sitzen, über ihre Klaviatur. Es dauert keine drei Minuten, bis ihre Boogie-Woogie-Rakete zündet und jeder Fuß im Publikum – ob er will oder nicht – fröhlich mitwippt.

Absprachen im Voraus eines Konzerts sind nichts für Jazzmusiker: Erst auf der Bühne stimmen sie sich darüber ab, welches Stück sie als nächstes spielen. Und während Raufeisen Anzug trägt, bevorzugt Oeser Jeans und Freizeithemd. Absolute Freiheit in der Musik und deren Präsentation. „Sie merken: Alles, was wir hier auf der Bühne machen, ist minutiös durchgeplant“, sagt Dirk Raufeisen ironisch und muss mit dem Publikum lachen. Mit absoluter rhythmischer Präzision zeigen die beiden Musiker, warum sie zurecht zu den virtuosesten deutschen Boogie- Woogie-Spielern zählen.

Nach einem kurzen Umbau folgt ein Wechsel, der kontrastreicher kaum sein könnte. Nils Wülker ist so etwas wie der Popstar des deutschen Jazz. Der Trompeter war 2017 schon einmal als Gast von Sänger Max Mutzke bei den Burgfestspielen dabei. Dieses Mal stellt er mit seiner eigenen Band eigene Kompositionen vor. Die Stücke sind kein Jazz im klassischen Sinne. Im Gegenteil: Sie sind klassische Crossover-Produktionen, bei denen man nie so recht weiß, was einen erwartet. Der gebürtige Bonner vereint gerne verschiedene Stile und bedient sich gleichermaßen bei den rhythmisch-harmonischen Eigenheiten des Jazz als auch bei den eingängigen Klängen von Funk, Rock bis hin zum Pop.

„Bevor ich mein neues Album ,On’ geschrieben habe, habe ich viel Musik mit Synthesizern und Hip-Hop-Samples gehört“, gibt der 40-Jährige auch gleich zu Beginn zu. Diese Einflüsse sind bei vielen der Stücke auf der Bühne deutlich zu hören: Wabernde Bässe, sphärisch-maschinelle Muster und eingängige Synthi-Grooves erfüllen den Burggarten mit einer relaxten Grundstimmung. Dennoch ist Wülkers Musik eins gerade nicht: langweilig. Nahezu jedes der Lieder folgt einem künstlerischen Spannungsbogen. Mal eher smooth wie bei „Dawn“, dann wieder funky bei zahlreichen anderen. Der weiche Ton des Trompeters ist jedoch das gesamte Konzert omnipräsent. Neben dem Frontmann können auch die anderen Musiker der fünfköpfigen Band glänzen.

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„Ich schreibe hauptsächlich Instrumentalmusik, aber für einige Songs haben wir einen Sänger gebraucht“, erzählt Wülker, bevor Rob Summerfield aus Wien die Bühne betritt. Der Sänger beeindruckt das Publikum mit seiner kraftvollen rauchigen Stimme. Der gefühlvolle Gesang verbindet sich mit Wülkers nuanciertem Trompetenspiel zu einer harmonischen Einheit. Das Stück „Safely Falling“ bildet schließlich gegen Ende einen der Höhepunkte des Abends: Energiegeladen spielt sich Wülker abwechselnd mit seinem Gitarristen Arne Jansen in Rage. Der Applaus donnert los, kaum dass die letzten Klänge sich verflüchtigt haben.

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