Karin Siegmann treibt Gleichberechtigung voran

Fortschritt im Schneckentempo

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Das Frauenbüro ist seit seiner Gründung vor 25 Jahren mit Karin Siegmanns Namen verbunden. Sie ist sowohl Ansprechpartnerin für Frauen aus der Verwaltung als auch aus ganz Dreieich.

Dreieich - Am 1. Dezember 1991 hatte Karin Siegmann ihren ersten Arbeitstag im Rathaus. Sie war und ist das Gesicht des seinerzeit neu gegründeten Frauenbüros. Zum 25-jährigen Jubiläum der Einrichtung steigt am morgigen Donnerstag eine Feierstunde im Bürgerhaus. Bereits heute erzählt Dreieichs Frauenbeauftragte, warum sie sich jenseits von banalem Schubladendenken gerne als Feministin bezeichnet. Von Cora Werwitzke

Wenn Karin Siegmann in ihrem Büro im vierten Stock vom Schreibtisch aufschaut, hat sie das legendäre Schwarz-Weiß-Foto „Mittagspause auf einem Wolkenkratzer“ im Blickfeld. Allerdings nicht mit Bauarbeitern wie im Original, sondern mit Frauen, die die schwindelerregende Szene über New York nachstellen. Mit Balanceakten kennt sich die 58-Jährige aus: Seit 25 Jahren verwendet sie ihre Energie auf mehr Gleichberechtigung innerhalb der Verwaltung und auf die Unterstützung von Bürgerinnen, die ihren Rat suchen. Dabei geht es ihr um die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, nicht um Gleichmacherei. Gerne spricht sie von der angestrebten „Augenhöhe“ zwischen Frauen und Männern. „Und nichts anderes ist es, was ich als Feministin vorantreibe“, fügt sie hinzu.

Karin Siegmann erinnert sich noch gut an die Widerstände und die teils heftigen diskriminierenden Äußerungen, auf die sie als frisch gebackene Frauenbeauftragte vor 25 Jahren stieß. Der damalige Bürgermeister Bernd Abeln sei nicht sehr begeistert gewesen, auch längst nicht alle Frauen in der Verwaltung, erzählt sie. „Aber Pionierarbeit bedeutet eben, dass man sich durchbeißen muss.“ Zu verdanken war die Gründung des Büros damals der rot-grünen Mehrheit im Parlament, die von Aufbruchstimmung getragen die Stelle der Frauenbeauftragten (und zum Beispiel auch das Umweltamt) schuf. Drei Jahre später zogen angesichts das Hessischen Gleichberechtigungsgesetz auch alle anderen Kommunen nach.

Als Karin Siegmann anfing, nutzte man im Rathaus noch einen Urlaubsantrag, auf dem man das Feld „Sonderurlaub wegen Niederkunft des Ehegatten“ ankreuzen konnte. „Ich hab’ dann gefragt, ob das in Dreieich biologisch schon möglich ist“, erzählt die Frauenbeauftragte augenzwinkernd. Zwar nur ein Detail und rasch zu beheben, aber doch Sinnbild für Männerdominanz. Weder eine Kleinigkeit noch schnell überwindbar war Anfang der 90er Jahre jedoch die Tatsache, dass es im Rathaus nur eine Frau in leitender Position gab. Nicht zuletzt dank Karin Siegmanns Beharrlichkeit, die sich unter anderem in einem veränderten Bewerbungsverfahren widerspiegelt, hat sich dieses Bid in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten gravierend geändert. „Wir haben viele dicke Bretter gebohrt“, blickt sie zurück. Im öffentlichen Dienst sieht sie die erkämpften Fortschritte deutlich, die gesamtgesellschaftliche Entwicklung betrachtet sie dagegen mit Sorge. „Sexismus hat meiner Meinung nach eher zu- als abgenommen. Und es gibt noch immer eine Lohnlücke von 23 Prozent zwischen Frauen und Männern.“ Sie habe im Laufe ihres Berufslebens akzeptieren müssen, dass es oft zwei Schritte vorwärts und wieder einen rückwärts gehe. „Echte Gleichberechtigung kommt nur im Schneckentempo voran.“

In ihrem Alltag bewältigt Karin Siegmann den Spagat zwischen Begegnungen mit Frauen, die sie wegen Scheidungen, Unterhaltsfragen oder häuslicher Gewalt um Rat bitten, und der Organisation von Kultur- und Infoveranstaltungen. Zwischenzeitlich teilte sich die Mutter eines 23 Jahre alten Sohnes die Aufgaben mit Kolleginnen. Seit die Position 2004 um eine halbe Stelle gekürzt wurde, ist Karin Siegmann wieder Einzelkämpferin. Dabei gehe nichts ohne einen engen Draht zu Verbänden, Vereinen und Institutionen, sagt sie: „Ich bin sehr froh über all die tollen Frauen, die ich im Laufe der Zeit kennengelernt habe.“

Bilder: Bunte Demo zum Frauentag

Karin Siegmann selbst kam über Umwege nach Dreieich. In Nordhessen geboren, studierte sie nach dem Abitur an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt. Als Religionspädagogin arbeitete sie in den 80er Jahren zunächst in einer Kirchengemeinde, ehe sie ernüchtert von den rigiden Strukturen parallel dazu ein Pädagogik-Studium in Frankfurt anpackte. Für Themen der Gleichberechtigung war sie schon als Studentin empfänglich. Nach einem Intermezzo bei der Evangelischen Kirchenverwaltung als „Geschäftsführerin des Beirats zur Förderung der Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche“ packte sie schließlich 1991 unter mehr als 100 Bewerberinnen den Sprung ins Dreieicher Rathaus.

„Ich bin überzeugt davon, dass alles, was Frauen zugute kommt, auch der Gesellschaft insgesamt gut tut“, sagt Karin Siegmann. Sie sei noch lange nicht müde und bereit, die Dinge auch weiterhin beim Namen zu nennen. „Es ist noch viel zu tun – allein was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht.“ Ihre Motivation hat die Jahre über nicht gelitten. „Im Gegenteil, heute habe ich mehr noch als früher das Rüstzeug und die Erfahrung, um Dinge zu bewegen.“

Die Feierstunde „Staunen – Innehalten – Vorwärts“ beginnt morgen um 20 Uhr (Einlass 19.30 Uhr) im Bürgerhaus. Anmeldungen sind erwünscht unter 06103/601960 oder karin.siegmann@dreieich.de.

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