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„Kinder haben ganz feine Antennen“

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Von: Nicole Jost

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Immer das Wohl der jungen Generation im Blick: Andrea Walter, Leiterin des städtischen Kinderbüros.
Immer das Wohl der jungen Generation im Blick: Andrea Walter, Leiterin des städtischen Kinderbüros. © stroh

Seit drei Wochen kämpfen die Menschen in der Ukraine um ihr Land und ums Überleben. Die Bilder des Kriegs sind schon für Erwachsene schwer zu ertragen. Was lösen sie bei Kindern aus, was geht in ihnen vor? Gerade in der digitalen Welt braucht es nur wenige Klicks, um auf furchtbare Bilder, Videos und Nachrichten zu stoßen. Wie können Eltern helfen? Dazu ein Interview mit Andrea Walter, Leiterin des Dreieicher Kinderbüros.

Sind Sie und Ihre Kollegen derzeit im Kinderbüro und in der Jugendarbeit konfrontiert mit Fragen und Gesprächen von Kindern und Ju gendlichen zum Krieg in der Ukraine?

Ja. Im BIK-Haus, bei Kinder der Ringe, im Jugendzentrum und im Mädchencafé wenden sich Kinder und Jugendliche mit Fragen an die Kolleginnen und Kollegen. Wir bemühen uns, die Fragen in kindgerechter Form zu beantworten. Wir sprechen das Thema Krieg aber von unserer Seite nicht aktiv an. Kinder verhalten sich unterschiedlich. Manche fragen, andere nicht. Wenn die Flüchtlinge in Dreieich ankommen und die Kinder die ersten Berührungen in den Kitas und Schulen und in den städtischen Angeboten haben, wird das noch intensiver.

Welche Sorgen haben Kinder? Bekommen sie von den aktuellen Geschehnissen überhaupt etwas mit?

Kinder haben ganz feine Antennen. Sie bekommen Stimmungen mit, auch wenn Eltern sich bemühen, sie noch außen vor zu halten. Selbst wenn Eltern bewusst darauf achten, keine Nachrichten mit den Kindern zu schauen, spüren sie, dass etwas Bedrohliches im Raum steht. Dabei können Urängste berührt werden: Verlust und Tod. Wenn in der Familie solche Erfahrungen schon vorhanden sind, dann ist es für die betroffenen Kinder vielleicht noch mal schlimmer. Solche Ängste werden bei uns allen – auch bei den Kindern – bei diesen Nachrichten, diesen Bildern sehr akut.

Was raten Sie Eltern, wie sie auf Fragen und Ängste ihrer Kinder reagieren sollen?

Das ist ein ganz wichtiges und sensibles Thema. Eltern sollten das nicht verdrängen, denn die Kinder spüren, dass auch die Eltern sich Sorgen machen. Kinder schnappen ganz viel auf, meistens mehr, als die Erwachsenen denken. In der Schule, auf dem Schulweg und im Gespräch mit anderen Kindern. Eltern sind gut beraten, wenn sie auf Fragen der Kinder ehrlich antworten. Eltern sollten versuchen, ausgehend von der Lebenswelt der Kinder, Dinge zu erklären. Und das funktioniert auch schon im Kindergartenalter, indem man zum Beispiel sagt: „Du, bei Dir in der Gruppe gibt es doch auch einen, der andere Kinder haut. So ähnlich ist das auch in der Politik. Da gibt es den Chef eines Landes, der Streit mit dem Chef eines anderen Landes angefangen hat, weil er etwas haben möchte, was ihm gar nicht gehört.“ Es schafft Vertrauen und Sicherheit, wenn Eltern kindgerecht mit ihrem Kind darüber sprechen. Letztlich ist es wichtig, Hoffnung zu verbreiten: Dass es möglich ist, solche Konflikte zu lösen. Dass das jetzt auch versucht wird, dass viele Länder zusammenkommen und Politiker darüber beraten und auch mit dem Streitstifter das Gespräch suchen. Eltern können auch über den Frieden reden: Was ist Frieden und warum brauchen wir ihn? Und was können wir alle jetzt tun, um zu helfen. Kinder engagieren sich gerne für Hilfsangebote und helfen mit Eifer, dass es anderen Kindern besser geht. Manchmal hilft es auch schon, zusammen eine Kerze anzuzünden. Es gibt auch sehr gute Beiträge im Internet. Von der Sendung mit der Maus, Seitenstark oder Unicef gibt es speziell eingerichtete Seiten, die auch auf der Homepage der Stadt über das Kinderbüro verlinkt sind.

Wenn Sie wieder mit Unterrichtseinheiten über die Kinderrechte in die Schulen gehen, wird der Krieg dann Thema sein? Ändern Sie die Inhalte Ihrer Arbeit?

Ich rechne damit, dass die Kinder das aktiv ansprechen. Das war auch 2015 und in den folgenden Jahren in der Flüchtlingskrise so, als viele Kinder aus Syrien und Afghanistan in Dreieich angekommen sind. Da gewinnt der Artikel 38 der UN-Kinderrechtskonvention große Bedeutung: Er benennt das Recht auf Schutz im Krieg und auf der Flucht. Da haben sich in der Vergangenheit in den Klassen oft Kinder mit Fluchterfahrung eingebracht. Das ist sehr bewegend, auch für die Mitschülerinnen und Mitschüler, für die Lehrerinnen und auch für mich. Im April bin ich wieder in Grundschulen und aktuell dabei, die Einheiten anzupassen. Ich bin mir sicher, die Kinder haben ganz viele Fragen oder können auch schon viel berichten, weil es so aktuell ist und das wird sich noch verstärken, wenn die Kinder aus der Ukraine in der Schule ankommen.

Bereiten Sie sich im Team der Kollegen schon auf Kinder vor, die in den nächsten Tagen oder Wochen aus der Ukraine in Dreieich ankommen? Mit welchen Herausforderungen rechnen Sie?

Zunächst wird es eine große Herausforderung, für Unterkünfte zu sorgen und auch Plätze in den Kitas und Schulen zu schaffen. Der Kreis Offenbach und die Stadt Dreieich haben diese Situation schon einmal händeln müssen und auch in der aktuellen Lage arbeiten alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den zuständigen Fachbereichen mit Hochdruck daran.

Im Team besprechen wir uns natürlich jetzt schon über die anstehende Situation. Wir müssen abwarten, welche Zuweisungen wir bekommen. Aber natürlich werden Mütter mit ihren Kindern in Dreieich ankommen. Und sie haben schreckliche Erlebnisse hinter sich, haben in ihrer Heimat alles zurückgelassen und sicherlich viele Ängste. Wichtig ist, die Menschen in Ruhe ankommen zu lassen. Sie haben die Väter zurückgelassen, wahrscheinlich wollen die Kinder erst einmal gar nicht von den Müttern weg. Voraussichtlich werden wir sie nicht gleich dazu animieren können, unsere Angebote zu nutzen. Aber wir möchten für die Kinder da sein, um dann ein Angebot zu finden, sich langsam zu integrieren. Es ist dennoch eine andere Situation als in der Flüchtlingskrise 2015, als viele unbegleitete Jugendliche, junge Erwachsene und Familien angekommen sind. Es sind ja diesmal hauptsächlich Mütter mit Kindern auf der Flucht.

Das Gespräch führte Nicole Jost

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