Teil zwei der Serie

Kometenhafter Aufstieg: Die Blütezeit von Ellen Betrix in Dreieich

Zum großen Jubiläum 1984 gehörte auch eine Modenschau in Outfits der vergangenen 50 Jahre. Firmengründer Fritz Segner (links) und sein Sohn und Nachfolger Klaus J. Segner hatten allen Grund, stolz auf ihr Unternehmen zu sein.
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Zum großen Jubiläum 1984 gehörte auch eine Modenschau in Outfits der vergangenen 50 Jahre. Firmengründer Fritz Segner (links) und sein Sohn und Nachfolger Klaus J. Segner hatten allen Grund, stolz auf ihr Unternehmen zu sein.

Mitte der 30er Jahre von Fritz Segner in Frankfurt gegründet, zog Ellen Betrix 1959 nach Sprendlingen. Am neuen Standort erlebte das Unternehmen einen kometenhaften Aufschwung und wurde zu einem internationalen Player der Kosmetikbranche.

Dreieich – Im ersten Teil unserer Miniserie hatte Dr. Barbara Simon von den Freunden Sprendlingens die Frankfurter Zeit bis zum Umzug beleuchtet. Heute geht’s um die Erfolgsgeschichte bis 1984. Teil drei mit dem letzten Kapitel bis zur Übernahme durch Revlon 1989 hat die Autorin in Arbeit. Jetzt aber erst mal Teil zwei in leicht gekürzter Fassung.

Laborleiterin Gisela Ihne atmet im November 1958 auf. Endlich zieht die Firma von Frankfurt in die neuen Hallen an der Robert-Bosch-Straße. „In der Niedenau war es am Schluss ja so eng, dass wir ständig blaue Flecken hatten“, erinnert sich Ihne in in einer Firmenschrift. Auf dem großzügigen Gelände in Sprendlingen kann man sich sogar optische Spielereien erlauben: Die Flachbauten bilden von oben gesehen den Buchstaben E. Im Laufe der vielen Erweiterungen verschwinden diese Container allerdings allesamt.

Die Flachbauten, vor denen Klaus J. Segner hier steht, wurden schnell zu klein und verschwanden wieder.

In den 60er Jahren konsolidiert sich Ellen Betrix, entwickelt sich aber auch weiter. 1960 entsteht die erste Auslandsgesellschaft in Italien, es folgen Gründungen in Österreich, Schweden, Spanien, Luxemburg und der Schweiz. Die Firmenchronik erwähnt zum Beispiel, dass 1964 der erste Computer angeschafft wurde. 1969 zieht dann auch die Verwaltung von Frankfurt nach Sprendlingen.

Wie rasant der wirtschaftliche Aufstieg vonstattengeht, wird deutlich, wenn man sich klar macht, dass die Neubauten schon nach zehn Jahren wieder zu klein sind. 1968 beginnt daher die erste der großen Erweiterungen an der Robert-Bosch-Straße. Dazu berichtet General Manager Ernst Student: „Nach einjähriger Bauzeit entstanden jetzt sieben Etagen mit 5000 qm zusätzlicher Betriebsfläche.“ Man konnte es sich leisten, denn 1969 erzielt Ellen Betrix eine Umsatzsteigerung von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Unternehmen liegt vor der Konkurrenz und schwimmt auf der Erfolgswelle einer Branche mit, die im Durchschnitt zehn Prozent Wachstum generiert.

Ab 1959 entwickelten die Mitarbeiter Düfte und andere Kreationen in neuen Labors in Sprendlingen.

Mit den mächtigen zwei Türmen wächst Ellen Betrix 1971 nach oben hinaus. Die Familie Segner bewohnt ein Penthouse auf dem Dach eines Gebäudes im Werk 1. An der Offenbacher Straße entsteht Werk 2, an der Lise-Meitner-Straße Werk 3. 1979 wird das neue Verwaltungs- und Produktionsgebäude an der Frankfurter Straße eingeweiht, 1986 wird in Werk 3 ein modernes Hochregallager erbaut.

Auch das Schönheitsideal verändert sich. Vom ersten „gesitteten“ Slogan „Kostbar wie ein Juwel“ wandeln sich die Werbesprüche und spiegeln gesellschaftliche Trends wider. Und so heißt es schon in den 70ern gar nicht mehr so brav „sweet and sexy“. Außerdem zeigt man immer mehr Haut und den Reisewellen in den Süden folgen die passenden Sonnenpräparate „Adriabraun“ oder „Ultrabraun“.

Ein rasantes Wachstum erlebte die Firma in den 70ern. Werk 1 ist eines von dreien im Industriegebiet.

Die stets aufwärts gerichtete Wachstumskurve erhält jedoch auch in den 70ern einmal kurz eine Delle. 1973 muss der Dreieicher Hersteller erstmals eine Ertragsverschlechterung hinnehmen. Der Grund ist vor allem in steigenden Rohstoffpreisen zu sehen, die sich auf die gesamte Branche auswirken. Auch zeichnen sich Verwerfungen durch Fusionierung im Handelsnetz ab und viele kleinere Läden geben auf. Ellen Betrix bleibt aber weiterhin die Nummer 1 der sogenannten Depotkosmetik in Deutschland und erwirtschaftet einen Umsatz von 72,7 Millionen D-Mark.

In den „fetten“ Jahren ist Ellen Betrix so populär, dass man von gesellschaftlichen Ereignissen sprechen kann, wenn die Firma Pressekonferenzen veranstaltet. Neben der Präsentation der Unternehmenszahlen, neuen Make-ups und Düften, dem Darreichen von Häppchen und Cocktails sorgen Fotoshootings mit Prominenz für zusätzlichen Glanz. Einladungen für Pressevertreter beginnen mit dem Tagesordnungspunkt: „17 Uhr Cocktails“. Auch die Orte werden den großen Ereignissen und Strömungen angepasst: 1972 konferiert man wegen Olympia in München, wegen Tochtergründungen in Madrid und Barcelona oder 1982 wegen der Zusammenarbeit mit Laura Biagiotti in Venedig.

Frau von Welt: Der feminine City Style war in den 80er Jahren angesagt.

In die 70er Jahre fällt auch der Führungswechsel im Unternehmen: 1974 übernimmt Sohn Klaus J. Segner die Geschäfte und leitet ab nun das Unternehmen noch weitere 15 Jahre. Die Familie Segner lebt in Dreieich und die Verbundenheit zur Stadt drückt sich nicht nur durch üppige Gewerbesteuer aus, sondern auch immer wieder in Form großzügiger Spenden: sei es ein teures Polizeimotorrad oder eine kunstvolle Plastik vor der Stadtbücherei.

Die hauseigenen Kreationen dieser Zeit können sich mit großen Marken messen. Es sind typische Düfte der 70er und 80er mit Chypre-Akkorden oder orientalischen Noten. Doch über die gute handwerkliche Arbeit hinaus muss Ellen Betrix an seinem „Branding“ arbeiten und beginnt, über die Tochterfirma Eurocos international bekannte „Namen“ und Düfte wie Hugo Boss oder Laura Biagiotti einzukaufen.

Zur Feier des 50-jährigen Jubiläums 1984 wird das Bürgerhaus angemietet und mit Prominenz auf die erfolgreiche Zeit angestoßen. Die Bilanz dieses Jahres kann sich sehen lassen: 200 Millionen Umsatz, fast 1000 Mitarbeiter im Inland und noch einmal 400 bei Tochterfirmen im Ausland. Noch ahnt niemand in der Feierlaune, dass die letzten fünf Jahre des Familienunternehmens angebrochen sind. Mehr dazu im dritten und letzten Teil der Ellen-Betrix-Story.

Infos im Internet

Barbara Simon ist Mitglied der Freunde Sprendlingens und hat für den Heimatkundeverein die Geschichte von Ellen Betrix recherchiert. Der ungekürzte Text mit noch mehr Bildern ist auf der Homepage der Freunde Sprendlingens veröffentlicht. Wer den ersten Teil der Miniserie verpasst hat, wird hier ebenfalls fündig.

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