Erinnerung bewahren

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Hans Günter Thorwarth bei Kriegsgräbern des Ersten Weltkriegs in Sprendlingen.

Dreieich - „Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte. “ Dieser Spruch von Heinrich Heine könnte als Motto für das umfangreiche Projekt des Familienforschers Hans Günter Thorwarth dienen, der sich intensiv mit der Erforschung von Kriegsgräbern beschäftigt. Von Holger Klemm

Der in Götzenhain lebende Hobbyhistoriker tritt dafür ein, dass die teilweise vom Zerfall bedrohten Denkmäler nicht in Vergessenheit geraten. Für das Internet erfasst er Namenslisten von Kriegsopfern.

„Ich will, dass die Namen erhalten bleiben - zur Erinnerung und Mahnung an die Lebenden“, sagt Thorwarth. Viele Jugendliche können heute gar nicht mehr erahnen, welche verheerenden Folgen ein Krieg hat und wie viel Leid mit ihm verbunden ist. Für die Frankfurter Stadtteilhistoriker, einem Projekt der Polytechnischen Gesellschaft und der Gerda-Henkel-Stiftung zur Aufarbeitung der Stadtgeschichte, arbeitet er zu einem in den 60er Jahren abgerissenen Denkmal zum Ersten Weltkrieg bei Nied. Auf diesem fand sich auch der Name seines Onkels Jakob Johann. Im Umgang mit dem Monument spiegeln sich für ihn die vergangenen Jahrzehnte deutscher Geschichte.

Erinnerungen an drei Kriege

Nach Meinung von Thorwarth sind die Mahnmale Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes. Während nach 1918 die Trauer um die Toten im Vordergrund stand, missbrauchten die Nazis sie für ihre Zwecke der Heldenverehrung und der Kriegsvorbereitung.

Längst beschränkt sich Thorwarth nicht mehr auf Frankfurt. Für das Online-Projekt Gefallenendenkmäler hat er sich auch mit den in Dreieich befindlichen beschäftigt. Und da gibt es einige - in allen Stadtteilen. Seinen Angaben zufolge befinden sie sich in einem guten Zustand - ganz im Gegenteil zu vielen vergleichbaren

Auf dem Sprendlinger Friedhof finden sich beispielsweise Erinnerungen an drei Kriege - den deutsch-französischen 1870/71 sowie die beiden Weltkriege. Hinzu kommt auf dem Jüdischen Friedhof das Mahnmal zur Erinnerung an die ermordeten Sprendlinger Juden.

Auf dem Friedhof lässt sich einiges über den Umgang mit den Spuren der Erinnerung erfahren. Das vorhandene Denkmal zum Krieg 1870/71 stand früher an der Ecke der Offenbacher Straße. Dazu hat der Heimatforscher Wilhelm Ott einiges herausgefunden. Da die ursprünglich aufgesetzte Sandsteinsäule mit Pickelhaube wohl zu martialisch war, erfolgte in den 50er Jahren die Verlegung auf den Friedhof. Heute ziert eine Flammenschale die Spitze. Hinzu kam auf der Rückseite der Hinweis „Den Opfern für Frieden und Völkerverständigung“. Die Säule selbst ist verschwunden. Auf dem Denkmal stehen die Namen von Sprendlingern, die bei der Schlacht bei Gravelotte ums Leben kamen. Vergleichbare aus dieser Zeit gingen oft weiter. Thorwarth: „Das waren in der Regel patriotische Mahnmale zur Erinnerung an die Reichsgründung, auf denen sich die Namen aller Kriegsteilnehmer aus dem Ort fanden.“

Mehr über einzelne Schicksale herausfinden

Um das Denkmal sind 15 Gräber von Opfern und zwei Tafeln mit den zahlreichen Namen von Gefallenen des Ersten Weltkriegs gruppiert. Erschreckend ist die große Anzahl. „Vor allem die einfache Bevölkerung ist damals regelrecht verheizt worden“, so Thorwath. Ein Kriegsdenkmal kann also viel erzählen. Schlicht, aber beeindruckend ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg auf der anderen Seite des Friedhofs - mit Kreuzen für jedes Jahr der NS-Diktatur.

Thorwarth versucht nach Möglichkeit mehr über einzelne Schicksale herauszufinden. Durch Glück bekam er den Nachlass einer älteren Frau, in dem sich der Briefwechsel zwischen einem Bauern und seinem im Ersten Weltkrieg befindlichen Sohn befand, der sich auf den Heimaturlaub freute. Doch dieser wurde nicht genehmigt. Vier Wochen später war der junge Mann tot und ein Leben voller Träume und Pläne erloschen.

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