Veronika Martin über den Mitmachkalender und das Leben in Zeiten von Corona

Aus der Krise lernen

Hat noch einige Aufgaben in petto: Das RaBe-Kalenderteam mit Sicherheitsabstand (von links) Vera Dinter, Initiatorin Veronika Martin und Stefan Petzold. Foto: privat

Dreieich – Auch im Mehrgenerationenhaus RaBe (Raum der Begegnung) im Sprendlinger Norden ist der Betrieb zum Erliegen gekommen.

Zu RaBe gehören das Stadtteilzentrum, eine städtische Krippe, ein Haus der Niederramstädter Diakonie für Menschen mit Behinderung sowie das Familienzentrum Bunte Kirche der evangelischen Versöhnungsgemeinde samt Kita. Um das Gemeinschaftsgefühl während der Zeit der Kontaktbeschränkungen zu stärken, hat Veronika Martin den RaBe-Mitmachkalender kreiert, dessen Aufgaben und Aktionen sich täglich seit 26. März auch in unserer Zeitung finden (siehe unten). Im Interview erklärt die 50-jährige Leiterin des Familienzentrums die Entstehungsgeschichte, aber auch, wie sie den Corona-Ausnahmezustand empfindet.

Frau Martin, wie kam es zu dieser originellen Aktion?

Bevor das bundesweite Kontaktverbot ausgesprochen wurde, waren ja bereits seit einer Woche die Schulen in Hessen geschlossen. An der Uni waren Semesterferien, meine Töchter waren also zu Hause und auch nicht wie sonst an allen Nachmittagen in der Turnhalle oder auf dem Fußballplatz. Unser Leben stellte sich um. Wir aßen wieder gemeinsam zu Mittag, auch abends waren alle zu Hause. So ergab es sich, dass wir zum Tagesausklang alle zusammen die Nachrichten schauten und anschließend einen Spaziergang oder einen Spiele- oder Filmabend machten. Als ich das in einem Telefonat erzählte, sagte ich: „Es ist irgendwie ein bisschen wie damals, als die Kinder noch klein waren und wir im Advent jeden Abend am Adventskranz eine Geschichte gelesen haben!“ Mit meinen Gedanken war ich plötzlich in der Vorweihnachtszeit, bei den gemütlichen Vorleserunden, dem Adventskalender, in den ich jeden Tag eine gemeinsame Aktion „gepackt“ hatte – und schwupps war die Idee für den RaBe-Corona- Kontaktverbotskalender geboren!

Jeden Tag eine neue Aufgabe: Gehen dem RaBe- Kalenderteam, zu dem ja noch Vera Dinter und Stefan Petzold vom Stadtteilzentrum gehören, nach fast vier Wochen nicht langsam die Ideen aus?

Noch ist es nicht so weit! Bis Anfang Mai sind wir gut gerüstet. Dank Teilnehmern und einigen unserer Ehrenamtlichen bekommen wir auch immer wieder Vorschläge zugeschickt. Aber ehrlich gesagt würden wir die Ideen gerne auch „in der Schublade“ lassen. Wir freuen uns alle darauf, wenn das Kontaktverbot aufgehoben wird und wir uns wieder im Mehrgenerationenhaus begegnen können.

Gab es Reaktionen auf den Mitmachkalender, die Sie besonders überrascht haben? Vielleicht auch einen bewegenden Moment, der Sie besonders berührt hat?

Überrascht hat mich vor allem, dass wir mit unserem Kalender Menschen weit über unser Einzugsgebiet hinaus erreichen. Dass wir – vermutlich durch die Gesamtausgabe der Offenbach- Post – auch Rückmeldungen zum Beispiel aus Mühlheim bekommen, ist schon eine schöne Sache. Aber sogar aus Marburg wurden wir auf die Aktion angesprochen. Das freut uns sehr! Bewegende Momente gab es schon einige, vor allem bei Berichten aus der Rubrik „freundschaftliche Geste“. Besonders berührt hat mich dabei stets, wie sehr sich Mitmenschen gefreut haben, wenn sie überrascht wurden.

Wie geht es Ihnen persönlich mit der momentanen Situation? Was vermissen Sie am meisten?

Ich finde die ganze Situation irgendwie immer noch surreal. Es ist „ganz schlimm“ und fühlt sich überhaupt nicht so an! Ältere Menschen vergleichen einiges mit der Zeit im oder nach dem Krieg. Auch damals waren Schulen zumindest zeitweise für bestimmte Klassen geschlossen, gab es in den Läden nicht alles zu kaufen, wurde rationiert und die Politik gab Verhaltensregeln vor. Man half sich gegenseitig, um zu überleben. Zum Glück leben wir hier und heute nicht in einem Kriegsgebiet. Und auch sonst denke ich, dass wir hier in Deutschland alles in allem – trotz aller Ein- und -Beschränkungen – in einer sehr komfortablen Situation sind. Ich hoffe, dass wir alle aus dieser Situation lernen! Lernen das wertzuschätzen, was wirklich wichtig ist, es zu bewahren, dass wir Schwächere im Blick behalten, mit unserem Planeten sorgsamer umgehen und gemeinsam nach Lösungen suchen.

Am meisten vermisse ich tatsächlich die Begegnungen. Meine Mutter, meine Schwiegereltern und andere ältere Verwandte habe ich seit Wochen nicht gesehen. Anstatt 200 Kilometer zu fahren, um am Balkon „Hallo“ zu sagen, greife ich dann doch lieber zum Telefonhörer. Und tatsächlich vermisse ich auch meine beruflichen Kontakte. Mit vielen Menschen hier stehe ich zwar im digitalen Austausch, aber das ersetzt in keiner Weise das, was den „Raum der Begegnung“ ausmacht. Im Moment wäre zum Beispiel gerade die RaBe-Freizeit. Wir würden gemeinsam Spannendes erleben, zusammen kochen und essen, spielen, quatschen und vor allem auch viel miteinander lachen und Spaß haben! Das geht digital alles nicht so wirklich, zumindest nicht so, wie wir es gewohnt sind.

Das Interview führte Frank Mahn

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