„Leben und leben lassen“

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Hale Üstün legt beim Überwachen des ruhenden Verkehrs durchaus Augenmaß an den Tag.

Dreieich ‐ Rund 180 000 Euro hat die Stadt im vergangenen Jahr an Verwarnungsgeldern eingenommen, die bei der Kontrolle des ruhenden Verkehrs erhoben wurden. Das waren ungefähr 40 Prozent der Gesamteinnahmen an Verwarnungsgeldern. Von Klaus Hellweg

Obwohl es keine offizielle Statistik über die Einnahmen in anderen Städten und Gemeinden des Kreises gibt, scheint Dreieich die oberen Ränge beim Verteilen von Knöllchen einzunehmen. Sind die Dreieicher Hipos tatsächlich dermaßen knallhart und streng, wie das den Anschein erweckt? Die Neu-Isenburgerin Hale Üstün ist eine von zwei Mitarbeitern der Firma Securitas, der die Stadt die Überwachung des ruhenden Verkehrs übertragen hat. Und um es vorwegzunehmen: Sie ist alles andere als knallhart, wenn es um das Notieren all der kleinen Ordnungswidrigkeiten geht, mit denen sie bei ihren Gängen durch die Dreieicher Straßen konfrontiert ist. Wir haben sie einige Stunden lang bei ihrer Kontrolle des ruhenden Verkehrs in der Frankfurter und der Offenbacher Straße begleitet - an einem ganz normalen Montag im Januar.

Gleich gegenüber dem Bistro „Stadtgeflüster“ steht ein großer schwarzer Audi ohne die vorgeschriebene Parkscheibe. Die Securitas-Mitarbeiterin ist niemand, die in aller Eile ihre „Knöllchenmaschine“ zückt, um den Verstoß zu dokumentieren. Sie schaut auf Kennzeichen und TÜV-Plakette, bleibt für einige Momente vor dem Auto stehen - immerhin könnte der Fahrer ja noch kommen, um Versäumtes nachzuholen - schaut dann auch noch auf Fahrer- und Beifahrersitz, weil die Parkscheibe eventuell ja auch hätte herunter gefallen sein können.

„Ich bin da nicht so kleinlich“

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite stehen zwei Männer, die zu ihr rüberrufen: „Das ist ein Diplomatenfahrzeug“. Ist es natürlich nicht und bekommt demzufolge auch sein Knöllchen, nachdem Hale Üstün das Kennzeichen fotografiert hat. Eine Digitalkamera ist in ihr Datenerfassungsgerät eingebaut. 15 Euro muss der Fahrzeughalter später zahlen.

Aber Hale Üstün ist nicht kleinlich: „Wenn der Fahrer gekommen wäre, während ich das Auto kontrolliere und die Daten eintippe, hätte ich noch alles gestoppt.“ Verpflichtet dazu ist sie nicht. Üstün: „Ich bin da nicht so kleinlich. Ich handele nach dem Motto ,leben und leben lassen‘.“

Auch privat hat man den Blick für Falschparker

Ein gutes Stück weiter, an der Kreuzung Frankfurter und Verbindungsstraße, steht ein Auto auf der gestrichelten Sperrfläche: Die Politesse hat‘s schon aus fast hundert Metern Entfernung erkannt. Und weil die Sperrfläche tatsächlich komplett zugeparkt ist, dauert es nicht lange, bis das Datenerfassungsgerät den kleinen weißen Zettel ausspuckt, mit dem der Fahrzeughalter über bevorstehende Post aus dem Rathaus informiert wird. Hale Üstün: „Man hat einfach einen Blick für so etwas. Und den kann man auch nicht ausschalten, wenn man privat unterwegs ist. Mir fällt jeder Verstoß sofort auf.“

Während sie noch mit diesem Falschparker beschäftigt ist, hat sie schon längst gesehen, dass auf der anderen Straßenseite, direkt vor dem Fotogeschäft B 20, ein Auto ohne den nötigen Ausweis auf einem Behindertenparkplatz steht. Auch hier hätte der Fahrer, wo immer er sich aufhält, die Chance des schnellen Fortfahrens gehabt. Doch der kommt erst, als das Knöllchen schon in trockenen Tüchern ist. Hale Üstün: „Ich vertrete zwar das Prinzip ,leben und leben lassen‘, aber unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz stehen, das geht gar nicht.“

Tolerant bei überschrittener Parkzeit

Beim Überschreiten der Parkzeit ist sie dann wieder durchaus tolerant: „Wenn‘s nicht länger als eine Viertelstunde ist, drücke ich durchaus die Augen zu.“ Und sie tut es wirklich. Sie drückt auch beide Augen zu, wenn nicht die Parkscheibe ausgelegt ist, sondern die Ankunftszeit auf ein Blatt Papier geschrieben wurde: „Das ist eigentlich nicht zulässig, aber ich sage ja ,leben und leben lassen‘.“

Die beiden Männer vor dem „Stadtgeflüster“, die ihr vor einer Viertelstunde etwas von einem „Diplomatenfahrzeug“ zugerufen hatten, stehen noch immer dort und verwickeln Hale Üstün in ein kurzes Gespräch: „Wissen Sie, Sie sind die sympathischste Politesse, die es in dieser Stadt je gegeben hat.“ Sie hört‘s und lächelt.

Dreieicher „Kunden“ freundlicher als Offenbacher

Nein, wirkliche Probleme mit ihren „Kunden“ hat sie in Dreieich noch nie gehabt. Nur einmal in Offenbach, wo sie zuvor tätig war, ist sie von einem Taxifahrer ganz böse beleidigt worden: „Dabei hatte ich den noch nicht einmal verwarnen wollen.“ Selbstverständlich gab es eine Anzeige, der Mann ist seine Konzession los. Hale Üstün: „Ich habe ohnehin festgestellt, dass die meisten ,Kunden‘ in Dreieich freundlicher sind als in Offenbach.“ Man könne hier in aller Regel vernünftig mit den Menschen sprechen, „und wenn die Leute erklärt bekommen, um was es geht, akzeptieren sie es meist auch.“

Zehn Verstöße fallen an diesem Montag innerhalb einer Stunde an - bei kleinlichem Hinsehen hätten es durchaus mehr sein können. Am häufigsten gab es Knöllchen für Parken ohne Parkscheibe, für das Überschreiben der zulässigen Parkzeit, aber auch für Parken im Halteverbot - das deckt sich mit der Jahresstatistik, wie die Stadt sie in den nächsten Tagen vorlegen wird.

Eine Erfolgsquote gibt es nicht

Eines ist dem Fachbereich Bürger und Ordnung ebenso wichtig wie Hale Üstün: Eine Erfolgsquote bei der Zahl der Verwarnungen und damit der Einnahmen gibt es nicht. Keiner der Hilfspolizisten oder Politessen wird in irgend einer Weise unter Druck gesetzt, möglichst viele Knöllchen zu verteilen.

Das bedingt es auch, so erklärt Karin Eisenhauer, im Fachbereich zuständig für die Verkehrsüberwachung, dass im Haushaltsplan keine Summe vorgegeben wird, die zu erreichen ist. Und genau deshalb sind die Ansätze im Etat zu Beginn der Haushaltsplanungen auch nie erhöht worden. Eisenhauer: „Das geschieht nur, wenn sich im Laufe eines Kalenderjahres absehen lässt, dass die Einnahmen höher sein werden als ursprünglich erwartet. Erst dann wird der jährliche Ansatz entsprechend angehoben.“

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