Gibt es ein bisschen Corona?

Ludwig-Erk-Schule Dreieich: Lehrerschaft fühlt sich in der Pandemie allein gelassen

Die Lehrer der Ludwig-Erk-Schule wünschen sich mehr Schutz - für die Kinder und die  Kollegen. (Symbolbild)
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Die Lehrer der Ludwig-Erk-Schule wünschen sich mehr Schutz - für die Kinder und die Kollegen. (Symbolbild)

„Wir fühlen uns alleine gelassen und als Kanonenfutter. Wir können die wissenschaftlichen Empfehlungen nicht mehr einhalten, wir können nicht für die Sicherheit der Kinder und unsere Sicherheit sorgen.“ Ingeborg Weber, gewählte Schulleitungsvertretung der Ludwig-Erk-Schule in Dreieichenhain, findet drastische Worte zur Situation von Grundschullehrern in der Corona- Pandemie.

Dreieich – Gemeinsam mit ihrer Kollegin Silke Thiel vom Personalrat der Dreieichenhainer Grundschule will sie jetzt mit ihren Sorgen und Nöten aus dem Schulalltag von der Öffentlichkeit gehört werden.

Die Vorgaben zum Schutz vor Covid-19 sind klar: Abstand halten, Masken tragen, häufige Handhygiene. Die Grundschulen sind aber gleichzeitig zum Regelunterricht angehalten. „Die Kinder tragen im Unterricht keine Masken und auch wir können in einer ersten Klasse keine Masken tragen. Bei der Einführung von Buchstaben beispielsweise ist die Mimik unverzichtbar“, erklärt Silke Thiel. Auch sei es unmöglich, die Kinder vier Stunden am Platz sitzen zu lassen. „Sie laufen in der Klasse herum, sitzen im Sitzkreis – da nutzt kein Sitzplan etwas, weil sie sich doch immer wieder mischen“, so Thiel weiter. Der Mindestabstand von 1,50 Meter gilt in Grundschulklassen nicht – und ist auch aufgrund der Raumgröße mit 25 Kindern gar nicht darstellbar.

„Es war im Frühjahr die Maßgabe des Robert Koch-Instituts, dass ab einer Inzidenz von 50 Maskenpflicht und geteilte Gruppen gelten sollen. Die Grenzen wurden immer weiter nach oben verschoben und jetzt haben wir eine Inzidenz von über 200 und sitzen immer noch so eng aufeinander“, kritisiert Ingeborg Weber.

Und dann gibt es sie eben, die positiven Corona-Fälle. Kinder wurden positiv getestet und in Quarantäne geschickt. „Dabei gibt es dann mitunter kuriose Entscheidungen: Eine vierte Klasse war komplett für zwei Wochen in Quarantäne, eine erste Klasse, mit einem positiv getesteten Schüler, hat uns das Gesundheitsamt nach zwei Tagen wieder in den Unterricht geschickt – wegen angeblich geringer Virenlast. Offensichtlich gibt es auch ein bisschen Corona. Aber das Kind und auch die Familie sind richtig krank“, versteht Weber nicht, warum die Kinder nicht wenigstens mit Schnelltests getestet werden, um für mehr Sicherheit zu sorgen.

Die Klasse saß also zwei Tage später wieder ohne Masken und ohne Abstand zusammen. „Ich habe Sorge, dass die Dunkelziffer an positiven Corona-Fällen bei uns hoch ist“, sagt Silke Thiel. Dazu kommt, dass sich die Kinder in den drei unterschiedlichen Betreuungseinrichtungen am Nachmittag ohnehin mischen.

Ein weiteres Problem ist das angeordnete Lüften im 20-Minuten-Takt. Es ist bei den kalten Temperaturen nicht verwunderlich, wenn Kinder und Lehrer krank werden. Es gab Beschwerden von Eltern beim Schulamt, weil angeblich nicht ausreichend gelüftet wird, andere beschwerten sich, dass ihre Kinder am zugigen Fenster sitzen müssen. „Daraufhin gab es eine Anfrage vom Schulamt nach unserem Lüftungskonzept. Aber in unserer Elternschaft gibt es eben auch die Übervorsichtigen und die Corona-Leugner“, ärgert sich Ingeborg Weber über eine solche Rückfrage. „Wir haben Rückendeckung der Behörde verdient, denn wir tun wirklich alles dafür, den Kindern und allen Regeln gerecht zu werden.“

Bei den Lehrerinnen entsteht der Eindruck, es würden aus dem „politischen Hochsicherheitstrakt Entscheidungen getroffen, ohne dass dort überhaupt eine Ahnung besteht, was wir hier tun.“ Es geht den Pädagoginnen nicht darum, dass sie die Kinder nicht in der Schule haben wollen. Ganz im Gegenteil. Sie sind überzeugt, dass mit Grundschülern der Distanzunterricht nicht viel Sinn ergibt. Zumal die Grundschule noch nicht einmal ein funktionierendes WLan habe.

„Wir fordern, dass Klassen geteilt werden, dass wir Abstand zueinander bekommen, eine Maskenpflicht für die Kinder und dass unsere Probleme gesehen werden“, sagt Ingeborg Weber. Es seien mehr Testungen nötig und letztlich ein Signal von der Politik, dass der vorgesehene Stoff in diesem Schuljahr nicht haltbar ist. (Von Nicole Jost)

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