Luftschutzbunker in Sprendlingen

Heimatkunde im Untergrund

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Im dicht mit Bäumen, Unterholz und Brombeerranken bewachsenen Gelände sticht nur noch das Eingangstor des Bunkers ins Auge. Innen fanden die Heimatforscher Überreste von Gasmasken.

Sprendlingen - Die Rekonstruktion lokaler Geschichte kann bisweilen eine ganz schöne Sauerei sein. In den Genuss einer außerordentlich schlammigen Untersuchung kamen die Freunde Sprendlingens jüngst in einem nirgendwo verzeichneten Luftschutzbunker.

Wie Vorsitzender Wilhelm Ott schildert, habe ein Hinweis aus der Bevölkerung die Mitglieder 2013 auf den Bunker im Außenbereich Sprendlingens aufmerksam gemacht. Die Existenz des Schutzraums war seit dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten. Bei einer ersten Ortsbesichtigung machten Ott und sein Team einen mit Brombeerhecken überwachsenen und per Eisengitter verschlossenen Treppenabgang in den Untergrund aus. „Als Verein für Heimatkunde haben wir natürlich ein Interesse, uns auch mit den Relikten der jüngeren Vergangenheit zu beschäftigen und sie für die Nachwelt zu dokumentieren“, verdeutlicht Ott. Der Verein wurde also aktiv, kontaktierte den Besitzer des Anwesens und bat erfolgreich um Erlaubnis, das Bauwerk zu untersuchen.

Nichts für zart besaitete Gemüter: Architekt Erhard Haller gehörte zum Sprendlinger „Inspektionsteam in Gummistiefeln“.  

Der ersten Exkursion ging eine gute Portion Nervenkitzel voraus. „Der Einstieg war schwieriger als erwartet“, erzählt Ott. „Im unteren Treppenbereich hatte sich zäher Schlamm abgelagert, der kaum passierbar war.“ Im eigentlichen Schutzraum wateten die Heimatforscher durch 80 Zentimeter hoch stehendes Wasser. Beim Blick ringsherum klassifizierten sie einen bautechnisch anspruchsvollen Rundbunker, der sich zum größten Teil unter Bodenniveau befindet. „Konkret handelt es sich um einen aus Beton und Eisenträgern gebauten Schutzraum mit Gasschleusen im Eingangs- und Notausstiegsbereich“, fährt Ott fort. In einem Kraftakt schaffte das Team den Schlamm am Eingang weg, pumpte das Wasser ab und reinigte das Bunkerinnere. Dabei kamen die Überreste von etwa zehn Gasmasken zum Vorschein.

Nur einige Zeit später machten sich die Freunde Sprendlingens auf die Suche nach einem weiteren Schutzraum, von dessen Existenz ihnen ein Bewohner zuvor erzählt hatte. „Dabei ging es um den Bunker einer ehemaligen Metallwarenfabrik in der Liebknechtstraße“, berichtet Ott. Nach einigen Telefonaten bestätigte sich der Hinweis und die Heimatforscher rückten unter Federführung von Architekt Erhard Haller zu ihrer nächsten Mission aus. Zu Gesicht bekamen sie einen betonierten Rundbunker in erheblich besserem Zustand als sein Pendant im Wald. „Im Garten des Anwesens zeichnete er sich deutlich als bewachsener Hügel ab“, schildert der Vorsitzende. Einige Zeit fungierte der bequem über einen Eingang im Garten betretbare Raum als Weinkeller. In einem ähnlich guten Zustand machte das Team jüngst auch einen Tonnenbunker in der Darmstädter Straße aus. Zwei Nachbarn hatten sich dort seinerzeit zusammengetan und unter der Einfahrt einen Bunker errichtet, der vom Keller beider Anwesen begehbar ist.

Bunker aus dem zweiten Weltkrieg in Dietzenbach

Bunker aus dem zweiten Weltkrieg

Neben noch erhaltenen und wieder zurückgebauten oder abgerissenen Luftschutzbunkern (etwa in der ehemaligen Zahnfabrik oder auf dem Gelände der „Neuen Mitte“) dokumentiert der Heimatkunde-Verein auch speziell umgebaute Kellerräume im Ort, die oft durch gasdichte Metalltüren gegen Bombenangriffe schützen sollten und per Notausgang ins Freie führten. „Es war immer wieder beklemmend und gleichzeitig eindrucksvoll, wenn die Besitzer dieser Luftschutzräume von ihren Erlebnissen in den Bombennächten erzählten“, berichtet Wilhelm Ott. Weitere Sprendlinger, die Informationen über Luftschutzanlagen haben, finden in Wilhelm Ott einen interessierten Ansprechpartner, s  67238 oder w.ott@freunde-sprendlingens.de. Alle Details über bereits dokumentierte Schutzräume gibt es im Netz.

cor

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