1. Startseite
  2. Region
  3. Dreieich

„Man könnte fast verzweifeln“

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
„Echt fair!“ bietet sechs Stationen, an denen sich die Jugendlichen mit dem Gewalt-Thema auseinander setzen sollen. © Sauda

Dreieich - Im vergangenen Jahr gab es im Kreis Offenbach 374 Fälle häuslicher Gewalt, hinzu kamen allein im Kreis 88 Fälle von Stalking. Das allerdings sind nur die der Polizei bekannten Zahlen. Die Dunkelziffer, so die übereinstimmende Ansicht, liegt deutlich höher. Von Klaus Hellweg

Weil es so immens wichtig ist, der Gewalt vorzubeugen, weil Gewaltprävention ein zentrales Anliegen in der Schule, bei Polizei und Jugendhilfe ist, bietet die Weibelfeldschule in den kommenden elf Tagen die interaktive Ausstellung „Echt fair!“.

Weitere Artikel und ein Video zu dem Thema und zur Ausstellung „Echt fair!“

Es handelt sich um eine Ausstellung für Kinder- und Jugendliche; dem „Netzwerk gegen Gewalt“, einer Einrichtung der Polizei mit Stephanie Padberg als Regionalbeauftragter, und der Bücherei der Weibelfeldschule mit deren Leiterin Linda Hildebrandt ist es zu verdanken, dass sie nach Offenbach in Dreieichenhain Station macht. Der Seufzer von Schulleiter Gerhard Kemmerer gestern Morgen bei der Eröffnung war bezeichnend: „Man könnte fast verzweifeln, wenn man an das Thema Gewalt denkt.“ Wegen der Bedeutung des Problems sei es immens wichtig, nicht nur darüber zu sprechen, sondern Alternativen aufzuzeigen - das umso mehr, als sich die Auswirkungen häuslicher, sexueller, psychischer und physischer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche besonders im Schulalltag widerspiegelten.

Insofern begrüßte auch Bürgermeister Dieter Zimmer das Zustandekommen dieser Ausstellung ausdrücklich. Gewalterfahrungen in der Familie, so sein Statement, wirke sich verheerend auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus. Die Stadt versuche dem entgegen zu wirken, indem die Kinder- und Jugendförderung ein soziales Netzwerk aufgebaut habe, das bei einschlägigen Problemen eingreife und helfe.

Gewalterfahrung wirkt sich vielfach aus

Für Georg Horcher, Leiter des Bereichs Jugend und Soziales beim Kreis Offenbach, besteht das Ziel dieser interaktiven Ausstellung darin, zu zeigen, wie man sich gegen Gewalt wehren könne, ohne selbst gewalttätig zu werden.

Wolfgang Brommer (Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach) beleuchtete das Problem der häuslichen Gewalt unter anderem aus statistischer Sicht: Zwischen 2004 und 2010 wurden im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums jedes Jahr mehr als 1000 Fälle bekannt; 2010 waren es (ohne Stalking) 1195. Auf die Stadt Offenbach entfielen 2010 398 Delikte häuslicher Gewalt, auf den Kreis Offenbach 374.

Die Auswirkungen solcher Gewalt auf Kinder und Jugendliche spiegelt sich in der Schule mannigfach wider: durch Konzentrationsstörungen, durch Verhaltensauffälligkeiten und Depressionen. Mobbing, Gewalt unter Jugendlichen oder gegenüber Lehrerinnen und Lehrer, sexistischer und fremdenfeindlicher Sprachgebrauch sind als Folge keine Seltenheit.

Kinder und Jugendliche, so die Ausstellungsmacher, brauchen Informationen, Orientierung und Handlungsalternativen, um Schutz und Hilfe zu finden.

Recht auf gewaltfreie Erziehung

„Echt fair!“ will bei Kindern und Jugendlichen das Bewusstsein dafür schaffen, dass sie ein Recht auf gewaltfreie Erziehung und auf die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit haben - und zwar unabhängig von Geschlecht, Kultur und Religion.

Die Ausstellung - gedacht für Schüler ab der fünften Klasse - informiert über Formen der Gewalt, insbesondere der häuslichen, sowie über Rechte und Anspruch auf Schutz und Hilfe. Mädchen und Jungen sollen in ihrer sozialen Kompetenz gestärkt werden und bekommen Handlungsalternativen und Auswege aus der Gewalt aufgezeigt - ohne dabei selbst gewalttätig werden zu müssen.

Die Schülerinnen und Schüler sollen sich in der Ausstellung mit dem Thema Gewalt auseinander setzen - ein Thema, das auf den ersten Blick gar nicht immer als solches zu erkennen ist. Gewalt muss sich nicht in Schlägen oder anderen Formen körperlicher Auseinandersetzung zeigen. Es reicht, wenn Kinder zuhause Gewalt - auch verbale zwischen den Eltern erleben (müssen), wenn sich jemand an ihrem Besitz vergreift, sie verbal niedermacht.

An einem „Stimmungsbarometer“ sollen Kinder und Jugendliche beispielsweise einschätzen, für wie besorgniserregend sie es halten, wenn Passanten schweigen , wenn jemand auf der Straße beschimpft wird - etwa ein Schwarzer.

Hang zur Gewalt angeboren?

Eine von vielen Fragen an einer der sechs Stationen lautet, ob der Hang zur Gewalt angeboren ist. Beantwortet wird sie durch das Umdrehen eines Holzkärtchens.

Kurze Videos, Situationsbeschreibungen und abwechslungsreich gestaltete Lernstationen zu sechs Themen sollen dabei helfen, Kinder und Jugendliche im Fall des Falles richtig reagieren zu lassen.

Natürlich führt „Echt fair“ kein Dasein losgelöst vom Schulunterricht, die Ausstellung ist vielmehr in den Unterricht eingebettet. 34 Schulklassen, hauptsächlich aus der Weibelfeldschule, aber auch aus der Heinrich-Heine-Schule und anderen im Landkreis, haben eine Führung von zwei Unterrichtsstunden gebucht.

Begleitend zur Ausstellung gibt es am kommenden Donnerstag ab 19 Uhr in der Dreieichenhainer Schulbücherei einen Vortrag zum Thema Cybermobbing. Außerdem wird die Ausstellung von Informationsbroschüren und einem umfassenden Medientisch zu den Themen Gewalt und Mobbing begleitet.

Auch interessant

Kommentare