Dreieich-Buchschlag

Beliebter Markt mit Post macht dicht – Der Grund macht betroffen

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Markt-Betreiber Martin Annemüller in Dreieich: „Ich muss erst mal einen klaren Kopf bekommen, bevor ich eine Entscheidung treffe, wie es weitergeht.“

In Dreieich-Buchschlag muss der beliebte Markt „Um‘s Eck“ nach 20 Jahren schließen. Auch der Postschalter verschwindet. Der Betreiber sieht keine andere Lösung.

  • Seit 20 Jahren betreibt Martin Annemüller den Markt „Um‘s Eck“ in Dreieich bei Offenbach.
  • Bis zu 250 Kunden kommen täglich in den kleinen Laden im Ortsteil Buchschlag.
  • Die hohe Belastung zwingt Annemüller nun zur Aufgabe.

Dreieich – Die Buchschlager müssen bald ihre Einkaufsgewohnheiten ändern. Martin Annemüller schließt Ende des Monats seinen Markt „Um’s Eck“ in der Buchschlager Allee. Die Einwohner von Dreieichs kleinstem Stadtteil werden nicht nur das ansprechende Angebot vermissen, sondern auch den Betreiber. Martin Annemüller (51) ist beliebt, hat für jeden Kunden ein freundliches Wort und gern auch mal einen kessen Spruch auf den Lippen.

Einen Gesprächstermin mit dem verheirateten Vater von vier Kindern zu vereinbaren ist im Prinzip ganz einfach. „Kommen Sie einfach vorbei, ich bin da!“, lässt er den Redakteur am Telefon wissen. Und so wird das Interview immer mal wieder kurz unterbrochen, weil Annemüller einen Kunden am Postschalter bedient oder anderweitig berät.

Markt „Um‘s Eck“ in Dreieich bei Offenbach: Bis zu 250 Kunden täglich

Zwischen 200 und 250 Leute, die allermeisten aus Buchschlag, kaufen täglich in dem Laden ein, der auf gerade mal 200 Quadratmetern mit einem erstaunlichen Sortiment aufwartet. Unter anderem gibt’s eine Käse- und Fleischtheke, täglich frisches Obst und Gemüse sowieso.

Martin Annemüller hat hohe Ansprüche, sein Arbeitstag beginnt in aller Frühe mit der Fahrt ins Frischezentrum in Frankfurt-Kalbach – und er endet oft erst nach 14, 16 oder mehr Stunden. Auch sonntags hat der Kaufmann nicht frei, dann ist zum Beispiel die Buchhaltung dran. Die hohe Belastung fordert ihren Tribut. „Irgendwann ist der Akku leer. Ich brauche eine Pause“, sagt der Geschäftsmann, der vielen älteren Buchschlagern schon seit 35 Jahren vertraut ist.

Markt in Dreieich-Buchschlag: Solidaritätsaktion verhindert Schließung

Denn nach der Schule begann Martin Annemüller 1986 seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in dem Markt, der damals als Edeka firmierte. „Es war mein Kindheitstraum, Einzelhandelskaufmann zu werden.“ Später übernahm er die Geschäftsführung, ehe er sich selbstständig machte. Ziemlich genau 20 Jahre ist das her. „Die Arbeit macht mir heute noch Spaß, aber sie frisst mich auf“, sagt Annemüller. Deshalb hat er beschlossen, eine Auszeit zu nehmen. „Es ist eine Vernunftsentscheidung, auch wenn es wehtut.“ Fragt man ihn nach seinem letzten Urlaub, muss er länger nachdenken. „2019 waren wir vier Tage in Österreich.“

Ich habe viele Kinder groß werden sehen, nur meine eigenen nicht.

Martin Annemüller

Im Jahr 2015 stand Martin Annemüller schon einmal am Scheideweg. Der Umsatz war durchaus in Ordnung, aber der zeitliche Aufwand stand dazu nicht im rechten Verhältnis. Er wollte aufhören, kündigte seinen Mietvertrag und auch den Vertrag mit der Post. Was folgte, war die Gründung einer Initiative Buchschlager Markt aus den Reihen der Kunden und eine beispielhafte Solidaritätsaktion. Die Gruppe griff Annemüller beim Marketing unter die Arme, rührte die Werbetrommel und sorgte dafür, dass der Umsatz stieg.

Der Einzelhändler konnte den Laden personell verstärken, fand jemanden, der die Postdienste abwickelte. Doch die Frau ist vergangenes Jahr verstorben, mit einer Aushilfe ist es an dem Schalter aber nicht getan. Deshalb blieb auch diese Arbeit wieder an Annemüller hängen. Hinzu kommt: Das Gebäude, in dem neben Wohnungen noch ein Friseur und die Sparkasse untergebracht sind, wird Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres abgerissen. „Da hätte es sich nicht gelohnt, noch mal jemanden für den Postschalter zu schulen.“ Annemüller hätte also noch ein bisschen weitermachen können, er hörte aber auf seinen Körper und beschloss, jetzt schon zu schließen.

Markt bei Offenbach schließt: Hoffnung auf Neueröffnung

Dabei ist er mit 51 noch ein bisschen zu jung für den Ruhestand. „Ich muss erst mal einen klaren Kopf bekommen, bevor ich eine Entscheidung treffe, wie es weitergeht.“ Ein klitzekleines Hintertürchen lässt er sich jedenfalls offen. Denn auch in dem Neubau soll ein Einkaufsmarkt seinen Platz finden. Der Eigentümer habe ihn gefragt, ob er sich das vorstellen könne, erzählt Annemüller. Er will sich aber nicht festlegen. „Es ist nicht auszuschließen, aber ich möchte nicht wieder in so eine Mühle reinkommen“, sagt er. Spricht’s und wechselt mal eben auf die andere Seite der Theke. „Ich weiß schon, was der junge Mann will. Sechs Richtige im Lotto!“, sagt er lachend und bedient den Stammkunden. Nicht mehr im Laden stehen, das wird ihm schwerfallen. Aber: „Ich habe hier viele Kinder groß werden sehen, nur meine eigenen nicht.“ Martin Annemüller freut sich schon auf den Sommer. Dann kommt Tochter Lilly in die Schule. „Es ist das erste unserer Kinder, bei dem ich bei der Einschulung dabei bin.“ (Frank Mahn)

SPD: Buchschlager Allee zu einem lebendigen Mittelpunkt machen

„Die Aufgabe des Marktes von Martin Annemüller ist eine traurige Angelegenheit“, betont SPD-Stadtrat Hans-Peter am Weg. Er sei ein Treffpunkt für den Stadtteil weit über die Einkaufsmöglichkeiten hinaus. Für Buchschlag sei es wichtig, weiterhin eine Nahversorgung zu haben. Eine solche sei auch in dem Neubauvorhaben vorgesehen und müsse Priorität haben. Die SPD-Fraktion fordert, dass parallel zu dem privaten Bauprojekt von der Stadt eine Aufwertung der Einkaufsstraße Buchschlager Allee in Angriff genommen wird, um die Aufenthaltsqualität in dem in die Jahre gekommenen Bereich zu verbessern. Ein entsprechender Antrag zum Haushalt 2021 hat eine Mehrheit gefunden.

SPD-Stadtverordneter Siegfried Kolsch sieht darin eine Chance, einen lebendigen Mittelpunkt für Buchschlag zu schaffen. Dazu sollte sich die Stadt mit dem Investor zusammensetzen. Momentan sei der Bürgersteig zu eng, die Parkplatzsituation und die Grünanlage seien wenig attraktiv. Kolsch bemängelt vor allem fehlende Sitzgelegenheiten. Das könnte nun geändert werden. Bereits vor fünf Jahren hatte die SPD einen Antrag zur Aufwertung eingebracht, der einstimmig angenommen wurde. Dieser müsste nun endlich umgesetzt werden, wie SPD-Fraktionschef Holger Dechert in seiner Haushaltsrede betonte. (hok)

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