„Es muss sich etwas verändern“

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Ladenbesitzer Peter Kossytorz mit der begehrtesten Ware: den Bio-Eiern.

Dreieich ‐ Der Dioxin-Skandal bewegt zurzeit die Gemüter. Die Tatsache, dass Hühner, Puten und Schweine auf deutschen Bauernhöfen belastetes Futter gefressen haben, hat zu einer Verunsicherung bei den Verbrauchern geführt. Von Christian Endecott

Die Konsequenzen haben die betroffenen Landwirte zu tragen. Zu den Nutznießern gehören die Bio-Läden - so auch das Naturwarenzentrum Dreieich. „Die Kundenzahl ist bei uns ziemlich schnell gestiegen“, erzählt Besitzer Peter Kossytorz. „Trotzdem wäre es mir lieber, wenn die Lebensmittelherstellung sich grundlegend verändert und dadurch die Skandale beseitigt werden.“

Das Naturwarenzentrum lebe normalerweise von den Stammkunden. Seit mehreren Wochen habe sich das geändert. Nun beträten auch viele „Bio-Neulinge“ den Laden in der Fichtestraße. „Zuerst ging es eigentlich nur um die Eier“, erklärt Kossytorz. „Und die waren schneller weg als erwartet.“ Wenig später habe es einen Ansturm auf die Fleischtheke gegeben. „An manchen Tagen war die Theke bereits um 12 Uhr so gut wie leer.“

Auch die sofort georderten Nachlieferungen hätten nicht lange gehalten. „Das Bio-Geschäft hat in den vergangenen Jahren eine enorme Steigerung hinter sich“, so der Ladenbesitzer. „Der Dioxin-Skandal bringt aber eine gewisse Eigendynamik mit sich. Und dies zeigt sich nun.“

Stammkunden vor leeren Eierkörben

Nicht alle seien mit dem zunehmenden Kundenzuspruch im Naturwarenzentrum zufrieden. Kossytorz: „Manchmal stehen Stammkunden vor leeren Eierkörben und sind darüber nicht sehr erfreut.“ Dies sei aber verständlich. Immerhin sei der Ansturm allein dem Skandal zu verdanken.

Immer wieder wird er gefragt, ob die angebotenen Eier hohe Dioxinwerte aufweisen. Kossytorz kann darauf antworten, dass er die meisten seiner Lieferanten und Erzeuger sogar selbst kennt. „Im Bio-Geschäft sind solche Skandale undenkbar“, versichert er. Als Folge kämen die Kunden nun bewusster in das Naturwarenzentrum. „Es geht nicht mehr nur um die Eier oder das Fleisch. Die Besucher nehmen das breite Angebot wahr.“

Jetzt müssten die Regale schneller nachgefüllt werden, und bei einem krankheitsbedingten Ausfall von Mitarbeitern werde das Geschäft noch stressiger. Zwischen vier und sechs Mitarbeiter seien pro Tag tätig. Natürlich komme es auf den Wochentag an. Montags und freitags sei immer mehr los als am dienstags. Bisher habe er alles in Griff. Peter Kossytorz stellt sich aber die Fragen, wie lange die Veränderung anhält und wie viele von den Neukunden treu bleiben.

„Skandale bringen immer mehr Kunden in den Laden.“ Darüber kann sich der Besitzer freuen, doch glücklich ist er mit der Entwicklung der Lebensmittelindustrie nicht. „Vor allem die Massentierhaltung ist zu kritisieren. Auch wenn die Tiere uns als Nahrung dienen, haben sie das Recht auf ein ethisches und vernünftiges Leben. Das Tier wird von der Industrie aber nur als Sache gesehen.“ Früher sei das ganz anders gewesen. „Damals hatte jeder Landwirt eine bestimmte Anzahl von Tieren“, erinnert sich der 53-Jährige.

„Skandale werden kein Ende finden“

Heute kennt man es nicht anders. „Die Nahrung wird bunt verpackt und billig verkauft. Da muss sich einfach etwas tun.“ Kossytorz habe es sich zur Aufgabe gemacht, aktiv etwas zu verändern - und das schon seit 25 Jahren. „Man muss gar nicht auf alles verzichten“, meint er. Schließlich gebe es mittlerweile schon alles in Bio. „Und die Skandale werden kein Ende finden.“

Allerdings glaubt er auch, dass der aktuelle in einigen Wochen von der Tagesordnung verschwinden wird. So laufe es eben bei der Massentierhaltung heute. Man könne Tiere schnell wieder aus dem Verkehr ziehen und neue züchten.

Auch die Forderung von Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), die Qualität der Überwachung zu erhöhen und die Kontrollpraxis zu verbessern, und auch die Umsetzung des vorgestellten Dioxin-Aktionsplans der Bundesregierung kann nach Meinung von Kossytorz weitere Skandale - unter den bestehenden Rahmenbedingungen - nicht verhindern.

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