Ehemalige Geschäftsführerin vor dem Amtsgericht

Plagiate in rauen Mengen erhalten

Dreieich - Weil in ihrem Elektronikgeschäft in Dreieich gefälschte Markenartikel über den Tresen gewandert sein sollen, sitzt eine 38-jährige Chinesin auf der Anklagebank des Langener Amtsgerichts. Von Sina Beck

Sie behauptet jedoch, nichts von einer Lieferung mit Verkaufswert von über 56.000 Euro gewusst zu haben. Richter Volker Horn versucht daher am Langener Amtsgericht zu ermitteln, ob die Angeklagte sich vorsätzlich durch den Verkauf gefälschter Markenartikel eine erhebliche Einnahmequelle verschaffen wollte – oder ob sie tatsächlich nichts von den in Umlauf gebrachten Plagiaten wusste. Heute geht die Beschuldigte keiner gewerblichen Tätigkeit mehr nach, ist Hausfrau, zweifache Mutter und wohnt in Köln. Während des Tatzeitraums im Jahr 2014 war sie noch Geschäftsführerin einer Elektronik-Firma mit Sitz in Dreieich, die laut Anklageschrift mit Fälschungen gehandelt habe.

Das zuständige Zollamt Frankfurt habe eine Warenlieferung mit Plagiaten aus Hongkong sichergestellt, die an die Firma der Angeklagten adressiert war. Der Verkaufswert liege bei 56.600 Euro. Auch bei einer anschließenden polizeilichen Durchsuchung wurden gefälschte Artikel wie Handyhüllen, Ladekabel, Headsets und Akkus in den Firmenräumen gefunden. Die 38-Jährige beharrt, dass der Absender aus Hongkong ihr gänzlich unbekannt sei und keine Geschäftsbeziehung zu diesem Lieferanten bestanden habe. Sie wisse nicht, warum ihr diese Waren zugesendet worden seien.

Bei der Unternehmensgründung sei der Firmensitz wohl noch in China gewesen, versucht der Verteidiger dürftig zu begründen, wie der Lieferant an die Daten der Angeklagten gekommen sei. Dies liefere aber keine Erklärung dafür, warum eine solch große Ladung mit rund 2000 Produkten nach Deutschland geschickt wurde, sagt die Staatsanwältin kopfschüttelnd: „Das macht wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn.“

Eine polizeiliche Durchsuchung der Geschäftsräume brachte weitere gefälschte Produkte an den Tag. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Elektronikfirma erinnert sich, dass sie einmal die Anweisung erhalten habe, Aufkleber abzuziehen, die zuvor das Logo auf den Waren verdeckt hatten. Diesen Auftrag habe sie aber vom Bruder der Angeklagten erhalten, glaubt sich die 39-jährige Zeugin zu erinnern. Dieser habe sich um die Firma gekümmert, wenn die Geschäftsführerin verreist war. Denn sowohl beim Eintreffen der Warenlieferung aus Hongkong als auch bei der späteren Durchsuchung sei die Angeklagte nicht in Deutschland gewesen, sondern in China, wo ihr Mann hauptsächlich arbeitet.

20 kuriose Tier-Urteile

Richter Horn fragt die Angeklagte daraufhin ganz direkt, ob es ihr Geschäftsmodell sei, mit Plagiaten zu handeln – und räumt ihr damit die Gelegenheit zu einem frühzeitigen Geständnis ein – die sie aber nicht nutzt. Dass die ehemalige Geschäftsführerin von keinem der Vorgänge gewusst haben soll, fällt offensichtlich nicht nur der Staatsanwaltschaft schwer zu glauben – zumal es nicht das erste Mal ist, dass der 38-Jährigen ein Verstoß gegen das Markengesetz vorgeworfen wird. Ein entsprechendes Verfahren aus dem Jahr 2013 gegen sie wurde eingestellt.

Auch am Ende der Verhandlung bleibt unklar, ob die Angeklagte ihre Unkenntnis nur vortäuscht oder möglicherweise wirklich ihr Bruder die Fäden hinter den Fälschungen gezogen hat und sie unwissend war. Da drei der geladenen Zeugen nicht erschienen sind und Richter Horn zur Klärung des Sachverhalts noch den zuständigen Zollbeamten sowie den Bruder anhören möchte, hat er einen weiteren Termin für das Verfahren anberaumt.

Rubriklistenbild: © dpa

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