Poetisch, wie’s nur Hessen sein können

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Wenn ein Rheinhesse, ein Westfale und eine Hessin dem schönsten Bundesland der Republik huldigen, bleibt kaum ein Auge trocken. Ulrike Neradt, Walter Renneisen (rechts) und Alfons Nowacki zogen im Burggarten mit Sketchen, Chansons, Witzen und abstrusen Gedankenspielen alle Register.

Dreieichenhain - Was haben die Gebrüder Grimm, Georg Büchner und Johann Wolfgang Goethe gemeinsam? Freilich waren alle talentierte Schriftsteller, doch sie verbindet auch die Herkunft – wurden sie doch allesamt in Hessen geboren. Von Sina Gebhardt

Nicht zu bestreiten also, dass in unserem schönen Bundesland künstlerisches Potenzial schlummert. Mit dem Themenabend „Isch glaab, Dir brennt de Kittel“ zeigten Ulrike Neradt, Walter Renneisen und Alfons Nowacki am Sonntag in der Burg zum sechsten Mal, dass dem hessischen Dialekt Witz, Charme und sogar Poesie zugrunde liegen.

Ist es nun ein Guss, ein Schauer oder ein Durchzug? Man weiß es nicht genau, jedenfalls prasselt der Regen mal mehr, mal weniger, aber immer beständig auf die Besucher der ausverkauften Vorstellung herunter. Das Potpourri aus Sketchen, Chansons, Witzen und abstrusen Gedankenspielen lässt es jedoch nicht zu, dass den Zuschauern die Stimmung verhagelt wird. Nicht überraschend, wenn schon die Künstlerkonstellation vielversprechend ist: Treffen sich ein Rheinhesse, ein Westfale und eine Hessin... – das kann nur amüsant enden.

Wenn auch in Mainz geboren, hat Renneisen die hessische Mundart scheinbar problemlos adaptiert. Flüssig und versiert rezitiert er Friedrich Stoltzes Gedicht vom „Würmsche“ und integriert es als Songtext herrlich komisch in Louis Armstrongs „What a Wonderful World“. Auch weiß der Schauspieler augenzwinkernd den Dialekt zu analysieren und mit ernster Miene vom Wohlklang der Zischlaute zu referieren. So würde doch jeder weiche Knie kriegen, wenn ein Hesse zärtlich „Isch liebe disch“ säuselt.

„Schnappschüss‘ aus Hessen“

Lachsalven lösen Renneisen und Neradt im Zweierteam aus, wenn sie bei den „Schnappschüss‘ aus Hessen“ im Akkord Witze vom Stapel lassen. Musikalisch untermalt von Nowacki tragen die Moderatorin und der Schauspieler die kurzen Dialogfragmente und Zoten dermaßen trocken und nüchtern vor, dass kein Auge trocken bleibt („Warum haben Sie den Daumen auf meinem Schnitzel?“ – „Ja wollen Sie, dass es mir noch mal herunterfällt?“). Bei dem rasanten Gag-Feuerwerk begeistern besonders die dialektspezifischen Wortspiele das Publikum: „Ich bin der geborene Spieler.“ – „Und was sagt Ihre Frau dazu?“ – „Die trocknet ab.“

Während Neradt mit hessischen Chansons unterhält, möchte Renneisen den Feingeist der „von Deutschen Umzingelten“ hervorheben. Wer bis dato noch nicht wusste, dass man die Adjektive „poetisch“ und „philosophisch“ mit den Hessen assoziieren kann, wurde an dieser Stelle eines Besseren belehrt: „Ohne Hirn is man wie bleed“, „Ei wer’s waas, wird’s wisse“ oder „Eh isch misch uffreesch, is mir‘s lieber egal“ sind dem Mainzer zufolge Erkenntnisse, auf die sonst kein Mensch kommt.

Nach der zweistündigen Vorstellung, bei der das Künstler-Trio witterungsbedingt vorsichtshalber auf die Pause verzichtete, kann sich auch das Wetter nicht mehr erwehren und ändert endlich die Lage von wolkig zu heiter. Nicht nur Petrus kann nach dem Mundart-Themenabend wieder lachen, auch das Publikum wird nach zwei Zugaben gut gelaunt entlassen.

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