Verhängnisvoller Zusammenstoß

Dreieich/Langen - „Es könnte jedem in solch einer Situation passieren, derart falsch zu reagieren.“ Staatsanwältin Jutta Prechtl spricht aus, was wohl viele im Saal des Amtsgerichts denken. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Wie es ist, als Straßenverkehrsteilnehmer innerhalb weniger Sekunden eine folgenschwere Entscheidung zu treffen.

Wie sich das anfühlt, weiß der Angeklagte Steven C. (55) aus Frankfurt seit dem 23. September 2010. Täglich denkt er seitdem an das Ereignis, das er mit seinem Rennrad verursachte: den Zusammenstoß mit der 39-jährigen B. K. aus Dreieich, die ein offenes Schädel-Hirn-Trauma erlitt und drei Tage später im Krankenhaus starb. Unfallort war die Darmstädter Straße, 50 Meter vor der Kreuzung „An der Trift“. Zu dieser Zeit war der Gehweg durch eine Baustelle blockiert, die Fußgängerin musste deshalb, genau wie der Radfahrer, den gegenüberliegenden Mehrzweckstreifen benutzen.

Verfahren neu aufgerollt

Am Donnerstag wurde das seit Langem eingestellte Verfahren aufgrund der Beschwerde der Familie des Opfers - der Ehemann trat als Nebenkläger auf - neu aufgerollt. Richterin Carina Merkel verurteilte C. wegen fahrlässiger Tötung und einem Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 15 Euro – obwohl der genaue Unfallhergang nicht rekonstruiert werden konnte. Dafür fehlte es schlichtweg an Zeugen. Nur ein Autofahrer hatte aus einiger Entfernung den Radfahrer und eine Person beobachtet, die auffällig zwischen den beiden Fahrbahnseiten hin und her wechselte, als wüsste sie nicht, wo sie hin wollte. Augenblicke später sah er dann schon den Zusammenstoß und alarmierte den Rettungswagen.

Keine Angaben konnte der Zeuge zu Geschwindigkeit und Bremsverhalten des Radlers machen, was im Übrigen nicht einmal der technische Sachverständige vermochte. Lediglich Angaben, zu welcher Seite der Radsturz erfolgte, gelten für ihn als gesichert. Am rechten Schuh des Angeklagten stellte er außerdem starke Abschürfungen fest, wie sie nur durch eine massive Belastung zustande kommen können. Daraus folgert er keinen leichten Schubs aus dem Stand, sondern einen heftigen Aufprall.

Durch den Sturz lediglich eine Schürfwunde am Arm

Verteidiger Reinhard Claus zieht aus dem Gutachten „keine zwingenden Rückschlüsse, die die Anklage stützen“. Seinem Mandanten sei weder nachzuweisen, dass er mit nicht angepasster Geschwindigkeit fuhr, noch, dass er nicht gebremst habe. Er plädiert für eine erneute Einstellung des Verfahrens.

C. selbst erklärt, er habe die Fußgängerin und ihr seltsames Verhalten gesehen, deswegen auch gebremst und ihr zugerufen, sie solle Platz machen. Kurz bevor er auf ihrer Höhe gewesen sei, bewegte sie sich plötzlich wieder in Fahrbahnrichtung, er habe noch versucht auszuweichen, was aber nicht mehr gelang. C. trug durch den Sturz lediglich eine Schürfwunde am Arm davon. Laut eigener Aussage fährt der gebürtige Brite seit seinem zehnten Lebensjahr Fahrrad und hat vorher noch nie einen Unfall gehabt.

Rubriklistenbild: © Pixelio.de/Jan von Bröckel

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