Schwerkranke rast dank gespendeter Reality-Brille virtuell über Nürburgring

Im Rollstuhl auf 300 PS beschleunigen

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Mit 300 Sachen mal eben eine Schleife auf dem Nürburgring drehen – in der virtuellen Welt ist das für Michaela und ihren Mann (im Hintergrund) möglich.

Dreieich - Michaela wollte immer die Welt entdecken, doch schon seit Jahrzehnten muss sie mit einer Nervenkrankheit leben, die sie zunehmend bewegungsunfähig macht. Seit Kurzem ist für die Dreieicherin ein Herzenswunsch wahr geworden: Sie bereist jetzt virtuell den Erdball. Von Cora Werwitzke 

Möglich gemacht hat das eine Stiftung, die ihr mit einer Virtual-Reality-Brille wertvolle Lebensqualität schenkt.  Die Infinitas-Kay-Stiftung mit Sitz in Hamburg erfüllt Menschen, die wegen schweren Krankheiten am Lebensende stehen, besondere Wünsche. Das hat Christina Dölle, die Leiterin des hiesigen Ambulanten Hospiz- und Palliativdiensts der Johanniter-Unfall-Hilfe erfahren und sich daraufhin für Michaela eingesetzt. Die 48-jährige Dreieicherin ist Hospizpatientin in der Langzeitbegleitung der Johanniter und ihr größter Wunsch war und ist es, gemeinsam mit ihrem ebenfalls erkrankten Mann auf virtuelle Reisen zu gehen.

Wie’s dazu kam? Im Sommer sah sie in der ZDF-Sendung Donnerstalk, wie Moderatorin Dunja Hayali in einem Selbstexperiment 24 Stunden in der virtuellen Welt verbrachte. „Das hat mich sehr beeindruckt“, erzählt sie. Und inspiriert –denn in ihrem austherapierten Krankheitsstadium kann sie das vertraute Zuhause im Rollstuhl kaum mehr verlassen. Gepflegt wird sie liebevoll von ihrem Ehemann, der rund um die Uhr für sie da ist. Damit sich beide Auszeiten vom Pflegealltag genehmigen können, hat die Infinitas-Kay-Stiftung nun ganze Arbeit geleistet und das technische Hochleistungsgerät samt Sensoren finanziert. „Es kam nur ein Typ von Reality-Brille in Frage“, erzählt Michaela. Und zwar eine, die ihr Mann am PC bedienen kann. Er sieht über den Bildschirm das, was sie in 3D-Grafik erlebt, kann seine gelähmte Frau virtuell drehen und so ihre Abenteuer teilen.

Um die Erlebnisse möglichst echt wahrzunehmen, bekam der Computer des Ehepaars zunächst noch eine Extrabehandlung: Die Firma KHL Ludwig aus Offenthal baute dem PC eine größere Grafikkarte ein, um das Leistungsspektrum der Brille ausschöpfen zu können. Und das hat sich gelohnt: Michaela ist in den vergangenen Wochen schon virtuell mit Walen geschwommen, über Hawaii geflogen und in einer Raumsonde zum Mond aufgebrochen. „Die Reise ist der Apollo-11-Mission nachempfunden und hat in einem 60er-Jahre-Wohnzimmer mit der Original-Ansprache von Kennedy begonnen – einfach irre“, erzählt sie. Besondere Freude empfindet die einst begeisterte Autofahrerin, wenn ihr Mann am Computer ein waghalsiges Rennen auf dem Nürburgring fährt und sie über die Brille hautnah miterlebt, wie der Wagen in die Kurven gleitet. Im Rennauto sieht sie „ihre“ Hände am Lenkrad und im Augenwinkel auch ihre virtuellen Füße an den Pedalen. „Das ist fantastisch“, sagt sie strahlend. „Manchmal habe ich dabei das Gefühl, als ob ich wieder meine Beine spüre – das ist einfach unglaublich.“

Ein teurer Ausflug: So viel kostet Virtual Reality

Das Team der Johanniter freut sich sehr über das neue Lebensgefühl, das die technische Ausrüstung den beiden ermöglicht. Mitarbeiterin Ute Schmidt ist Michaelas ehrenamtliche Hospizhelferin. „Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, mit wie viel Freude in den Augen sie mir erzählt hat, dass sie auf dem Mond war“, schildert sie. Als regelmäßiger Gast in der Wohnung des Ehepaars kam die Helferin natürlich nicht umhin, die Reality-Brille auch mal auszuprobieren. „Das war Wahnsinn, aber mir ist dabei sehr schnell schlecht geworden“, verrät sie schmunzelnd.

Übung macht den Meister. Michaela und ihr Mann haben jedenfalls ihr nächstes Abenteuer schon fest im Blick. „Über Weihnachten gönnen wir uns eine Weltreise“, kündigt ihr Mann lächelnd an. Mit dem Programm Google Earth VR sind Städte wie Paris, New York oder London nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Besonders freut sich das Ehepaar übrigens auf eine Runde im Londoner Riesenrad – oder zwei oder drei...

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