Himmelstaucherin trotz Handicaps

Rollstuhlfahrerin erfüllt sich Traum vom Fallschirmsprung

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Fallschirmspringen, das ist Adrenalin pur. Dunja Morian hat dieses Erlebnis trotz Behinderung gewagt. Möglich gemacht hat das Tandem-Pilot und Routinier Eberhard Gienger, der eine spezielle Gurt-Konstruktion für Morians Beine ausgetüftelt hat.

Dreieich - Aus 4000 Metern Höhe hat Dunja Morian sich in den Himmel über Schlierstadt im Odenwald gestürzt. Ein Fallschirm und ein Tandem-Pilot haben’s möglich gemacht. Von Barbara Hoven 

So ein Sprung gehört für viele Menschen schon für sich genommen zu einem der großartigsten Erlebnisse überhaupt. Doch bei Morian kommt hinzu, dass sie im Rollstuhl sitzt; seit zwei Jahren lebt die 46-Jährige im Seniorenzentrum Ulmenhof in Sprendlingen. Weitere Lebensträume von Bewohnern sollen dort mithilfe des neuen Projekts „Wünsch Dir was!“ in Erfüllung gehen. Nur Fallschirmspringer, sagen Fallschirmspringer, wissen, warum Vögel singen. Klingt schön. Klingt nach Fliegen und Freiheit und all dem Zeug. Dunja Morian kann das nur bestätigen. Auch drei Tage nach ihrem großen Sprung fällt es der 46-Jährigen noch schwer, das Erlebnis in Worte zu fassen. „Man fühlt sich wirklich frei da oben, es war unbeschreiblich“, sagt sie und grinst. Sie hofft, dass der erste Tandemsprung ihres Lebens nicht der letzte war. „Es macht süchtig. Ich würde es jederzeit wieder tun.“

Mit großer Gruppe zum Flugplatz Schlierstadt: Heimbewohner aus Dreieich, Freunde und Verwandte haben Dunja Morian an ihrem besonderen Tag begleitet.

Fallschirmspringen, das ist Adrenalin pur. Morian erzählt, sie habe davon geträumt, seit sie als Achtjährige im Spanien-Urlaub allmorgendlich Schwärme von solch mutigen Himmelstauchern beobachten konnte. Dass sich der Traum erfüllen würde, war jedoch in den vergangenen Jahren nicht mehr unbedingt abzusehen. Denn eine Verengung des Rückgrat-Wirbelkanals hat dazu geführt, dass die ehemalige Sportlerin, die unter anderem Fußball und Tischtennis spielte, seit drei Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist. Die gelernte Malerin und Mutter zweier erwachsener Kinder meistert heute ihr Schicksal im Alten- und Pflegeheim Ulmenhof.

„Gienger war sofort bereit“

Dort lernte Morian Mitbewohner Carlheinz Rühl kennen. Dem 70-Jährigen verdankt sie, dass ihr Traum sich nun doch erfüllen ließ. Als Rühl von Morians größtem Wunsch erfuhr, hatte er gleich ein offenes Ohr. Und die passenden Kontakte durch seine frühere berufliche Tätigkeit als Geschäftsführer der Deutschen Sporthilfe. Auch mit Eberhard Gienger, CDU-Bundestagabgeordneter, ehemaliger Kunstturner, Bronzemedaillengewinner 1976 in Montreal und Fallschirmspringer, ist Rühl befreundet. Als er den Politiker auf das Thema ansprach, habe er keine Überredungskünste gebraucht, erzählt Rühl. „Gienger war sofort bereit, einen Tandemsprung mit Dunja Morian anzubieten.“

Bei der ersten Begegnung mit Morian hatte der Schwabe Gienger einige Fragen: „Haben die Ärzte ihr schriftliches Ok gegeben? Können Sie laufen? Nein? Dann geht das ganz einfach – Schlaufe hier, Schlaufe da und bei der Landung ziehe ich dann den Gurt, damit die Beine nicht belastet werden.“ Fast 5000 freiwillige Niederlagen gegen die Schwerkraft stehen in Giengers Sprungbuch, davon etwa die Hälfte als Tandemsprung. Bei so viel Erfahrung sei es für den Profi, der bereits mehrfach mit Behinderten gesprungen sei, kein Problem gewesen, eine spezielle Gurt-Konstruktion für Morians Beine zu bauen, erzählt Rühl.

Nun galt es, das Umfeld einzubinden – um den Tag am Flugplatz Schlierstadt zu organisieren und die Kosten für Flugzeug, Flugplatz, Versicherungen und so weiter stemmen zu können. Mit dem Einrichtungsleiter des Ulmenhofs, Reinhold Wischnewski, und dem Vorsitzenden des Heimbeirates, Peter Diederich, fand Rühl zwei Unterstützer. Auch Sponsoren trieb Rühl auf, allen voran Geschäftsmann und Portas-Inhaber Horst Jung.

Freier Fall für eine Minute

Wischnewski räumt ein, er sei anfangs durchaus skeptisch gewesen, als er von der Idee erfuhr. Die Vorgeschichte, sagt der Direktor des Altenheims, sei daher deutlich länger, als es nun wirke. Man habe, um sicher zu gehen, dass all das ungefährlich ist, zunächst diverse Ärzte um Rat gefragt. Als die grünes Licht gaben, lief die Sache. Während Weggefährten verraten, dass sie bis zuletzt skeptisch waren, ob Morian wirklich springt, hatte die Dreieicherin selbst nicht einen Moment Zweifel daran, dass sie es tun würde. Nur kurz sei ihr mulmig geworden – und zwar in dem Moment, als die Flugzeugtür der Cessna in 4000 Metern Höhe aufging und sie, vor Eberhard Giengers Bauch geschnallt, zum Absprung ansetzen musste. Als dann eine Minute lang freier Fall mit etwa 200 Sachen die Stunde folgte, sei sie aber einfach nur noch begeistert gewesen.

Begeistern kann man sich im Ulmenhof auch angesichts dessen, was sich aus der Sache noch entwickelt hat: Durch den Wunsch von Morian inspiriert, beschloss der Heimbeirat, das Programm „Wünsch Dir was!“ ins Leben zu rufen. Ziel sei es, „einzelne Wünsche erfüllen zu können und dadurch den Heimalltag zu verschönern“, erläutert Diederich. Um künftig den Bewohnern das Leben abwechslungsreicher zu gestalten, seien jedoch Spenden aus der Bevölkerung, von Firmen und Institutionen nötig. „Daher haben wir mit der Bürgerstiftung Dreieich eine Kooperation geschlossen“, berichtet der Vorsitzende des Beirats. „Spenden können so über die Bürgerstiftung eingezahlt und für Projekte zugunsten der Ulmenhofbewohner verwendet werden.“ Derzeit hoffe man auf Mittel für den Aufbau eines „Ulmenhofgartens“. Weitere Wünsche von Bewohnern hat Diederich schon auf dem Schirm. „Ein Herr würde gerne ein Spiel des BVB besuchen. Eine Dame, die in einem Transportunternehmen groß geworden ist, wünscht sich eine Lkw-Tour.“

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