Schuhmacher Jürgen Ernst

Maßschuhe für Kinostar Diane Kruger

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Die Schuhe, die Jürgen Ernst in seinem Atelier anfertigt, sind Unikate.

Sprendlingen - Jürgen Ernst ist seit 25 Jahren ein Meister seines Fachs. Sein Azubi Constantin Seibel tritt in seine Fußstapfen. Von Christopher Hees 

Im Film „Inglourious Basterds“ aus dem Jahr 2009 spielt ein Schuh eine ganz besondere Rolle. Diane Kruger befindet sich als Bridget von Hammersmark im Verhörraum des böswillig-charmanten Hans Landa (Christoph Waltz). Anhand eines braunen Pumps, den sie zuvor verloren hat, überführt er sie aschenputtelgleich. Dass Diane Kruger der Schuh so gut passt und dieser einen so großen Wiedererkennungswert auf der Leinwand hat, ist der Arbeit des „Herrn der Maßschuhe“ zu verdanken. Jürgen Ernst lässt in seinem Atelier in Sprendlingen seit 2008 Schuhträume von Männern und Frauen wahr werden. Der Schuhmacher hat auch andere deutsche und amerikanische Filmproduktionen mit seinen Maßanfertigungen beliefert. Der Mann ist gefragt und sehr erfolgreich. 2010 hat der 51-Jährige mit seinem Couture-Modell namens „Medusa“ den Hessischen Gestaltungspreis gewonnen, 2014 feierte er sein 25-jähriges Meisterjubiläum.

Sein Können gibt Ernst weiter – und die Ausbildung fällt auf fruchtbaren Boden. Lehrling Constantin Seibel ist Ende vergangenen Jahres mit seinem Gesellenstück Bundessieger des Leistungswettbewerbs des Deutschen Handwerks in der Rubrik „Schuhmacherei“ geworden. „Da empfindet man schon Stolz“, sagt Ernst. Der Preis wird an junge Handwerker verliehen, die die Gesellenprüfung als Klassenbeste bestehen.

„Viele Jugendliche ziehen heute den handwerklichen Berufen eine akademische Ausbildung vor. Dennoch zeichnet sich auch ein Trend in Richtung des produzierenden Gewerbes ab, was ich an Bewerbungen, die mich erreichen, auch feststellen kann. Es ist ja gerade ein Standortvorteil in Deutschland, dass es hier noch eine Produktion gibt“, erklärt Ernst. Viele Leute seien bereit, für Nachhaltigkeit und hochwertige Qualität mehr zu bezahlen und sich damit von der Wegwerfgesellschaft zu distanzieren.

Vielfältige Anforderungen

Die Anforderungen an diesen traditionsreichen Beruf sind wie bei jedem Handwerk vielfältig: „Erst einmal braucht man viel Liebe zum Detail. Man muss präzise und geduldig arbeiten können und ein Gefühl für die Form entwickeln.“ Viele Schuhmacher arbeiten hauptsächlich in der Reparatur oder Orthopädie. Als Maßschuhmacher kann man sich aber in Absprache mit dem Kunden auch kreativ verwirklichen. „Man darf aber nicht vergessen, es handelt sich um ein Handwerk und ist von daher natürlich auch mit anstrengender körperlicher Arbeit verbunden.“

30 bis 40 Stunden braucht der Meister, bis ein Paar Schuhe fertig ist. Bei ausgefalleneren Modellen kann es deutlich länger dauern. Das erklärt – vom Material abgesehen – den Preis. Der bewegt sich auf jeden Fall im vierstelligen Bereich. Für einen modernen, klassischen Herrenschuh muss Mann mit 1 500 bis 2000 Euro rechnen.

Gerade auf Grund der Kreativität ist der Beruf auch für junge Frauen interessant. Jürgen Ernst hat einen ausgeprägten Hang zur Kreativität, was auch mit seinem jahrelangen Aufenthalt in Berlin zu tun hat. „Das war damals, aber ist auch heute noch eine sehr anregende Atmosphäre. Ich wollte in jedem Fall einen kreativen Ausbildungsberuf ergreifen“, erzählt Jürgen Ernst. Bei der Maßschuhmacherei ist neben dem Maßnehmen das Gespräch sehr wichtig, um den Vorstellungen und Wünschen des Kunden gerecht zu werden. Der Schuh soll nicht nur zum Fuß, sondern auch zum Menschen passen. „Beides sind wichtige Aspekte. Ein Schuh muss funktionieren, aber auch optisch passen, ohne gebastelt zu wirken. Da stehen natürlich die individuellen Bedürfnisse im Vordergrund. Dazu muss man den Menschen kennenlernen.“

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Jürgen Ernst hat auch historisches Schuhwerk für den deutschen Film „Luther“ gefertigt, der im 16. Jahrhundert spielt. Damals wie heute sind Schuhe natürlich mehr als nur reine Gebrauchsgegenstände. „Schnabelschuhe sind so ein Beispiel. Ihre langen Spitzen sind eigentlich vollkommen unnötig. Das hat eben viel mit dem Status zu tun, den eine Person repräsentieren will. Auch heutige Schuhe funktionieren auf dieser Ebene“, verdeutlicht Ernst. Schuhe lassen sich eben auch mit den verschiedenen Sinnen wahrnehmen: „Die äußere Form eines Damenschuhs zum Beispiel hat etwas von einer Skulptur, das Material hat einen eigenen Geruch. Läuft eine Frau in Schuhen mit hohen Absätzen, verändert sich ihr Gang. Das Klack-Klack des Schuhs hat dann wiederum eine besondere Wirkung auf Männer“, sagt Jürgen Ernst lachend und demonstriert diese Wirkung, indem er den Kopf zur Seite dreht.

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