Skypen mit der Europaministerin

Von Nahost bis Thüringen: Heine-Schüler konferieren per Videoschalte mit Lucia Puttrich

Souverän führen die Heine-Schüler durch die Videoschalte: Neben vier großen politischen Themenkomplexen, die sie vorbereitet haben, fragen sie die Europaministerin auch Persönliches.
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Souverän führen die Heine-Schüler durch die Videoschalte: Neben vier großen politischen Themenkomplexen, die sie vorbereitet haben, fragen sie die Europaministerin auch Persönliches.

Die Gesprächsthemen reichten von der eigenen Haustür bis rund um die Welt. Den Schülern gefiel der Austausch mit der Ministerin - und sie hatten eine klare Meinung zu Puttrich.

Dreieich – Die Schüler der G10a sitzen schon im Halbkreis im Klassenzimmer bereit. Manche sortieren noch ihre Zettel, andere blicken schon gebannt auf die Leinwand. Dort sind bislang nur zwei Banner mit dem hessischen Wappen zu sehen. Dann erscheint Staatsministerin Lucia Puttrich, Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, auf dem Schirm. „Bin ich zu spät?“, fragt die CDU-Politikerin und lächelt in die virtuelle Runde.

Per Livestream ist die Europaministerin in das Klassenzimmer der Heinrich-Heine-Schule geschaltet. Das ist keine Vorsichtsmaßnahme in Zeiten des Coronavirus, sondern ein regelmäßiges Format. Vor einem Jahr hatte sich die Sprendlinger Europaschule beworben. Nun dürfen die Zehntklässler die Ministerin eine Stunde lang mit Fragen löchern. Die Schüler Johanna, Simon, Nazim und Sarah moderieren. Mit ihren Mitschülern stellen sie Puttrich abwechselnd Fragen zu Themen, die sie interessieren – und die sie gerade teilweise im PoWi- und Geschichtsunterricht bearbeiten. Bevor es aber um den Nahostkonflikt und die Flüchtlings-Situation an der griechisch-türkischen Grenze geht, haben die Gymnasiasten einen weichen Einstieg vorbereitet.

„Als Warm-up nennen wir Ihnen Satzanfänge, die Sie bitte vervollständigen“, erklärt Simon und reicht das Mikrofon an einen Mitschüler weiter. „In meinen Augen steht Europa für...“, liest er vor. „...eine lange Zeit des Friedens, der Freiheit und Demokratie in der Vergangenheit und eine Chance für die Zukunft“, antwortet die Ministerin prompt. Von Hamsterkäufen halte sie wenig, von der Legalisierung von Cannabis – hier können sich einige Schüler das Lachen nicht verkneifen – nur etwas zu medizinischen Zwecken. „Ich bin da etwas entspannter als meine Partei“, schiebt Puttrich hinterher und sorgt für überraschte Gesichter.

Dann wird es ernst: Ein Junge fragt nach ihren Gedanken zum Attentat in Hanau. „Das ist nicht in wenige Worte zu fassen“, sagt Puttrich und sammelt sich kurz. „Es ist ein unfassbares Ereignis und ich habe es immer noch nicht verdaut. Das muss uns antreiben, gegen Hass und Hetze aktiv zu sein!“, appelliert sie dann. Das leitet zu einem Thema über, das den Schülern wichtig ist. Die Zehntklässler, die die KZ-Gedenkstätte Buchenwald besichtigt und sich mit der “Erinnerungskultur“ an den Holocaust beschäftigt haben, wollen mit Puttrich über den Rechtsruck sprechen.

Sie sagt den Schülern, dass auch ihre Generation sich immer wieder mit dem Thema auseinandersetzen muss. „Mir haben Holocaust-Überlebende gesagt: "Ihr seid nicht Schuld, aber ihr habt Verantwortung!“, meint Puttrich. „Deswegen ist es wichtig, dass Sie KZs besuchen und darüber reden, wie es damals so weit kommen konnte.“ Ob sie es denn für möglich halte, dass sich der Holocaust wiederholen könne, fragt Johanna. „Wir müssen alles dafür tun, dass sich das nicht wiederholt!“, sagt Puttrich energisch. Die demokratische Gesellschaft müsse aktiv Stoppzeichen setzen. „Ausgrenzung im Kleinen ist schon inakzeptabel, wir dürfen nichts relativieren und nicht weggucken“, sagt sie.

Die Schüler wollen auch wissen, wie Puttrich das Ergebnis der Thüringer Landtagswahl findet. „Gruselig“, antwortet sie. Das Erstarken des rechten und linken Rands und das AfD-Ergebnis bereiteten ihr Sorgen. „Ich bin auch über die Rolle der CDU alles andere als glücklich. Das wird uns noch lange nachhängen“, sagt die Politikerin. Außerdem strahle das Wahlergebnis in die Welt. „Es ist auch an der jungen Generation, zu verhindern, dass eine Minderheit von Extremisten den Ruf unseren Landes so beeinflusst“, appelliert sie.

Nach der Rolle der EU im Nahostkonflikt gefragt, antwortet Puttrich, die Europäische Union müsse „vermitteln, versöhnen und nicht spalten“. Klar positioniert sie sich zum Trump-Plan („Mir fehlt das Vertrauen“) und bezeichnet die israelische Politik als „nicht gerade friedensschaffend“. „Ich wünsche mir, dass die EU eine stärkere Stimme hat, wenn es um außenpolitische Themen geht“, sagt die Ministerin.

Auch zur Lage der Flüchtlinge an der griechisch-türkischen Grenze findet sie klare Worte zur Erdogans Strategie. Ein Junge fragt, was die Bilder von dem Elend an der Grenze in ihr auslösen. „Mitleid, wie bei jedem anderen auch“, sagt Puttrich. Sie verweist aber auf die Asylgesetze. „Gerade in solchen Situationen brauchen wir klare Regeln“. Brandaktuell ist die Gesetzesinitiative zur Ausweitung der Pfandpflicht, mit der sich der Bundesrat heute auf Antrag der Landesregierung befasst.

Die Schüler fragen auch Privates – wie Puttrich zu ihrer Position kam und, welche Einflussmöglichkeiten sie als Europaministerin hat. Außerdem interessiert sie, wie Puttrichs Familie mit dem Amt klarkommt. „Mit meinem Mann diskutiere ich nicht mehr über Politik, aber dafür mit meinen erwachsenen Töchtern“, erzählt sie.

Nach einer Stunde bedanken sich die Schüler und Klassenlehrerin Christina Kemmer: „Das ist eine ganz besondere Möglichkeit und wird den Schülern definitiv in Erinnerung bleiben.“ Winkend verschwindet die Ministerin von der Leinwand. Die Schüler sind zufrieden. Basil findet, die Ministerin hätte gut geantwortet. „Manche Antworten haben mich sogar überrascht“, sagt Alejandra. Ihre Mitschülerin Vanessa mochte vor allem, dass Puttrich so detailliert auf die Fragen der Heine-Schüler eingegangen ist. „Sie wirkte sehr sympathisch und offen.“

VON JULIA RADGEN

Aber nicht nur die Ministerin und Schüler setzen auf Anwendungen wie Skype. In der Corona-Krise erleben auch WhatsApp und Co. einen Boom.

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