Sonderpreis für besonderes Paar

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Schuhe sind seine Leidenschaft: Jürgen Ernst hat Ateliers in der Wilhelm-Leuschner-Straße und in Berlin.

Sprendlingen ‐ Hollywoodstar Diane Kruger trug im Quentin Tarantino-Streifen „Inglorious Basterds“ seine Schuhe. Und auch für den Papst-Darsteller des Films „Luther“ (Peter Ustinov) fertigte er das Schuhwerk an. Von Enrico Sauda

Nun hat Jürgen Ernst, der sich der „Herr der Schuhe“ nennt, mit seinem Couture-Schuh namens Medusa (siehe Bild) beim Wettbewerb des Hessischen Gestaltungspreises, der alle zwei Jahre über die Bühne geht, den Sonderpreis gewonnen. Ernsts Kreation überzeugte die Jury, die auf Kriterien wie Kreativität und Formschönheit achtete. Ziel des Wettbewerbs ist es, kleinen und mittleren Betrieben die Wichtigkeit von innovativer Gestaltung näher zu bringen.

„Edles Material und eine hohe handwerkliche Perfektion zeichnen diesen Schuh aus“, heißt es in der Beurteilung. Und weiter: „Ungewöhnlich ist die Variierbarkeit des Modells. Drei Module passen den auch in der Grundausstattung tragbaren Schuh jedem Anlass an. Von einem untrüglichen Trendfeeling zeugen die Riemen-Bandage, die Hahnenfeder-Manschette und der woll-strukturierte Stiefelschaft.“

Mit Aufsätzen aus Federn, Leder oder Wolle kann die „Medusa“ ihr Erscheinungsbild blitzschnell verändern.

„Es sollte etwas Innovatives sein, mit dem man sich bei diesem Wettbewerb bewerben sollte, und da konnte ich nicht mit einem noch so gut aussehenden Herrenschuh hingehen.“ Deshalb ist der extravagante Damenschuh in Größe 39 entstanden. „Aber es wäre ein Zufall, wenn er einer Frau passen würde“, sagt Ernst, der ausschließlich Schuhe nach Maß anfertigt.

Medusa ist ein Schuhpaar, das sehr wandlungsfähig ist. Dabei handelt es sich um offene Stiefelette-Pumps mit Keilabsatz, bei dem der Schuhmachermeister jedes Teil einzeln anfertigte. Mit Aufsätzen aus Federn, Leder oder Wolle kann dieses Chamäleon sein Erscheinungsbild blitzschnell verändern. Möglich wird dies durch mehrere Druckknöpfe, die Ernst angebracht hat.

„Mit dem Gedanken, einen wandelbaren Schuh herzustellen, habe ich schon seit langem gespielt“, so der 47-Jährige, der bis vor zwei Jahren noch in Berlin wohnte und der Liebe wegen 2008 nach Dreieich zog. Im März und April machte er sich dann konkretere Gedanken und fertigte Skizzen an. Insgesamt seien es zwei Wochen Arbeit, die in diesem Unikat stecken. „Ich habe immer neben meinem eigentlichen Tagwerk daran gearbeitet“, erklärt Ernst, der neben dem Atelier in der Wilhelm-Leuschner-Straße noch eines in der Bundeshauptstadt hat.

Der Hessische Gestaltungspreis sei für ihn ein Forum, „um meine Arbeiten zu präsentieren“. Dabei hat Ernst, der von 1990 bis 1993 als Lehrbeauftragter an der Berliner Hochschule der Künste tätig war, bereits einige Preise eingeheimst. Unter anderem erreichte er 2005 mit einer seiner Kreationen den zweiten Platz beim Landespreis des Gestaltenden Handwerks der Handwerkskammer Berlin und bei der Pirmasenser Lederwoche wurde er 2003 mit seinem Schuh „Vega“ ebenfalls Zweiter.

Wenn Ernst Schuhe macht, spielt der Unikatgedanke zwar immer eine Rolle, „aber deshalb müssen Schuhe nicht immer unbedingt schrill sein“. Manchmal genüge bereits eine kleine Nahtänderung.

Wichtig sei ihm vor allem, „einen Schuh zu machen, der zu der Person passt, für die ich ihn herstelle“. Nicht zuletzt deshalb gebe es im Vorfeld ein ausführliches Beratungsgespräch mit den Kunden. „Denn es gilt immer zu bedenken, dass ein Schuh viel verändern kann. Das fängt bei der Größe an, geht über die Körperhaltung bis hin zum Gang“, weiß Jürgen Ernst, dessen Einzelanfertigungen gleich mehr als anderthalbtausend Euro kosten.

Ernst entschied sich nach seinem Abitur in Freiburg für den Weg in die Ferne: In Berlin absolvierte er die Ausbildung zum Orthopädie-Schuhmacher, war danach als Geselle in verschiedenen Berliner Werkstätten und machte 1989 seinen Meister. Fasziniert war er von den vielen Kreativen in Berlin, die ihre Fantasie in Möbeln, Mode oder Schmuck umsetzten, er wollte einer von ihnen sein und gleichwohl handwerklich wie gestalterisch arbeiten.

Jürgen Ernst beherrscht sein Handwerk und hat seine Ansprüche: „Ich repariere nur Schuhe, die ich selbst gemacht habe - ich kenne das Material und die Verarbeitung.“

Vielfältig ist sein Betätigungsfeld: „Ich habe ein kreatives Bedürfnis und ich möchte auch unterschiedlich arbeiten.“ Zu langweilig wäre es ihm, nur Herrenschuhe herzustellen. Bei ihm bekommen Kunden die klassischen Herren- und Damenschuhe genauso wie exklusivere Varianten in ausgefallen Formen und Materialen wie schimmerndem Gold oder Silber. Auch ein geflochtenes Gummiband kann dabei für die individuelle Note sorgen. Und auch im Bereich „Couture“ betätigt sich Jürgen Ernst.

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