Beobachter der Sonnenfinsternis

Stephan Heinsius, der glückliche Schattenjäger

Das ist er, der multiple Diamantring: Zahlreiche ineinander übergehende Lichtperlen entstehen durch Sonnenlicht, das durch Täler und Ebenen auf den Mond scheint. Rechts ist das langgezogene rosarote Band der Sonnenchromosphäre zu sehen.
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Das ist er, der multiple Diamantring: Zahlreiche ineinander übergehende Lichtperlen entstehen durch Sonnenlicht, das durch Täler und Ebenen auf den Mond scheint. Rechts ist das langgezogene rosarote Band der Sonnenchromosphäre zu sehen.

Götzenhain - Nach ein paar Sekunden ist alles schon wieder vorbei. Der Moment, dem Stephan Heinsius so lange entgegen gefiebert hatte, für den er um die halbe Welt geflogen ist – im Nachhinein nur ein kurzer Augenblick. Von Manuel Schubert

Enttäuscht? Ganz im Gegenteil: „Das war ein unglaubliches Ereignis“, sagt der 49-Jährige. Drei Wochen später sitzt Heinsius in seinem Wohnzimmer und lässt den 3. November Revue passieren – den Tag, an dem er und 14 andere Augenzeugen eines Naturphänomens wurden, das vor ihnen noch niemand gesehen hatte. Auf dem Tisch steht ein Laptop, Heinsius spielt ein Video ab. Die Nahaufnahme einer schwarzen Sonne ist darauf zu sehen. Der Mond schiebt sich an ihr vorbei, verdeckt sie vollständig. „Ja! Ja!“, ruft eine Stimme euphorisch aus dem Hintergrund. „Lights out!“, eine andere. Es knipst und klickt aus Dutzenden Kamera-Objektiven.

Eine Szene wie auf dem roten Teppich der Oscar-Verleihung. Dabei ist der Moment eigentlich ein ganz intimer. Zehn Hobby-Astronomen aus der ganzen Welt, drei Crewmitglieder und zwei Reporter des ZDF haben in 13 500 Metern Höhe ein Date mit dem Mondschatten. In einem kleinen Jet fliegen sie über dem Rand des Bermuda-Dreieicks durch die Spitze des dunklen Kegels, den der Mond auf die Erde wirft. Mitten unter ihnen: der Götzenhainer Heinsius. Er hat die außergewöhnliche Reise angeleiert.

Die Sonnenfinsternis an sich war natürlich nicht das Besondere, das noch niemand zuvor gesehen hatte – zumal es sich nicht um eine totale, sondern – streng genommen – „nur“ um eine tief partielle handelte. Allerdings zu über 99,99 Prozent partiell, wie Heinsius erklärt. Er und seine Mitstreiter hatten sich vorgenommen, drei bislang ungesehene Ereignisse zu dokumentieren. Immerhin: Den multiplen Diamantring konnten sie sehen und fotografieren. Den was? Wenn man Stephan Heinsius zuhört, muss man aufpassen, dass man hinterherkommt. Von Sonne, Mond und Sternen kann er viel erzählen. Und lange. Doch bei Bedarf erklärt er die komplexen Phänomene mit der Ruhe eines 65-jährigen Physiklehrers, malt mit den Fingern auf den Tisch, greift zu einem umgedrehten Wasserglas, das kurzerhand als Modell der Erde herhalten muss.

Schwierig zu erfassende Phänomene

„Der multiple Diamantring“, setzt Heinsius an und stoppt das Video an einer Stelle, an der das Natur-Spektakel besonders gut zu sehen ist, „entsteht, wenn der Mond die Sonne so verdeckt, dass das Sonnenlicht nur noch durch die Krater scheint“. Dabei entstünden viele kleine schimmernde „Perlen“, fährt er fort, die zusammen wie ein Ring aus Diamanten aussähen. Über 90 Grad des Mondrandes waren durchgehend von solchen Lichtperlen bedeckt, alles im Kasten, erstes Etappenziel erreicht.

Bei den zwei anderen Phänomenen gestaltete sich das Ganze etwas schwieriger. Die Chromosphäre, ein Teil der Sonnenatmosphäre, die – wenn der Mond die Sonne verdeckt – als rosafarbener Ring um den Mond zu sehen ist, hat noch nie ein Mensch als vollständigen Kreis zu Gesicht bekommen. Auf Heinsius’ Video ist der farbige Ring deutlich zu sehen, doch auf einer Seite des Mondes weist er kleine Lücken auf. So klein, dass der Laie sie kaum erkennt. „Wir hatten eine kleine Abweichung durch starken Wind“, berichtet der Götzenhainer, „und haben den Ring um eine Sekunde verpasst“. Auch wenn die 360-Grad-Chromosphäre ungesehen blieb, sei es „trotzdem unglaublich schön“ gewesen.

Zu guter Letzt hatte die Gruppe gehofft, den Schattenkegel des Mondes über das Meer wandern zu sehen. Doch die vielen Wolken verbargen den Blick auf das Wasser. Also, eineinhalb von drei. Eine ordentliche Quote, wie Heinsius findet. Denn: Das Flugzeug hatte eine Geschwindigkeit von 800 Stundenkilometern, der Mond gar von 13 500. „Das ist, als würde man versuchen, eine fliegende Gewehrkugel mit einer anderen abzuschießen“, findet der 49-Jährige.

Feuerring am Himmel: Sonnenfinsternis in Asien

Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken

Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken

Die Flugroute hatte ein französischer Teilnehmer der Reisegruppe ausgerechnet, mithilfe eines selbst geschriebenen Computerprogramms sagte er dem Autopiloten des Flugzeugs, was zu tun war. Als zwei Tage vor dem Abflug der Laptop des Franzosen einen Festplatten-Crash erlitt, drohte das gesamte Vorhaben zu scheitern. Doch ein anderer Finsternis-Fan konnte mit Ersatzteilen aushelfen. „Das war so eine alte Gurke, die lief mit Ach und Krach“, berichtet Heinsius und lacht. „Aber sie lief.“ Dass der Autopilot den Jet nur auf die Minute genau manövrieren konnte und nicht auf die Sekunde, war für die erfinderische Truppe dann auch kein Problem mehr. „Mit einem mathematischen Trick haben wir das angepasst“, erzählt Heinsius. Als gäbe es nichts Leichteres.

Wie er so in seinem Wohnzimmer sitzt und mit ruhiger Stimme erzählt, wirkt Stephan Heinsius gar nicht wie einer, der um die Welt reist, um das Weltall zu entdecken. Eher wie der unauffällige Informatiker, der er früher war. Bis in ihm vor 15 Jahren eine Leidenschaft für die unbegrenzten Weiten des Alls und für die Phänomene, die sich Millionen von Kilometern über den Köpfen der Menschen abspielen, aufflammte. 1998 schloss sich Heinsius im Karibik-Urlaub einer Reisegruppe deutscher Hobby-Astronomen an, die sich aufmachte, um eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten. Doch nach drei Minuten war alles vorbei. „Da wusste ich sofort: Das muss ich nochmal sehen!“, erzählt Heinsius.

So hielt er ein Jahr später auf einem Hügel bei Stuttgart einen Vortrag, um dort anschließend mit einer großen Gruppe eine Sonnenfinsternis zu beobachten, was jedoch aufgrund vieler Wolken nicht wirklich gelang. 2001 flog er nach Afrika und hatte dort freie Sicht auf eine totale Sonnenfinsternis („ich war tief fasziniert“). 2010 übertrug er eine Sonnenfinsternis von den Malediven live ins Internet.

Sonnenfinsternis und Gesteinsbrocken

Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken

Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken

Mittlerweile arbeitet Heinsius als Projektmanager. Beim Organisieren der Bermuda-Reise habe ihm das durchaus geholfen, sagt er schmunzelnd. Denn das Projekt nahm schnell eine Größenordnung an, die er nicht auf dem Schirm gehabt hatte. Mit einem Freund aus Hofgeismar wollte Heinsius zunächst alleine fliegen. Als beide merkten, dass ein Flugzeug für zwei Personen etwas teuer wird, schrieb Heinsius eine Rundmail an „die Gemeinde der Sonnenfinsternis-Freunde“, wie er sie liebevoll nennt. Drei Wochen später war der Jet ausgebucht. „Wir hatten mehr Anfragen als freie Plätze“, sagt Heinsius ungläubig.

Mit drei Video- und zwei Fotokameras fing der Götzenhainer alles ein. Die Videos hat er sich schon oft angeschaut, seit er wieder in Deutschland ist. Er wird sich noch eine Weile an den Bildern, die er Anfang des Monats gemacht hat, erfreuen müssen. Denn die nächste Sonnenfinsternis dieser Art gibt es erst wieder 2023 zu sehen. Immerhin: 2015 steht eine totale Sonnenfinsternis an. Dann werden in Düsseldorf zwei Flugzeuge in Richtung Island abheben, die einen guten Blick auf das Spektakel versprechen. Stephan Heinsius hat sich schon ein Ticket gesichert.

Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken

Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken

Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken
Partielle Sonnenfinsternis hinter Wolken

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