Zurück bis ins 16. Jahrhundert

Stammbaum eines Orts

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Seit gestern gibt’s das Familienbuch Sprendlingen von Heinrich Knöß und Ute Sehring zu kaufen. Darin sind knapp 22.000 Namen von Einwohnern zwischen dem 16. und 21. Jahrhundert erfasst und untereinander in Beziehung gebracht. Wichtigste Quelle waren Kirchenbücher. Der Auszug oben zeigt, mit welchen Handschriften die Familienforscher bei ihrer zehn Jahre währenden Arbeit konfrontiert waren. 

Sprendlingen - Zurück bis ins 16. Jahrhundert haben die Familienforscher Heinrich Knöß und Ute Sehring die Verwandtschaftsverhältnisse der Sprendlinger erforscht. Daran saßen sie zehn Jahre. Viele der Ahnenlinien enden bei ein und demselben Mann. Von Cora Werwitzke

Die Mehrzahl der Sprendlinger dürfte den Namen Wendelin Kieffert noch nie gehört haben. Dabei stehen die Chancen nicht schlecht, mit dem Mann verwandt zu sein. Lange wurde vermutet, dass viele alteingesessene Familien von dem Sprendlinger Oberschultheiß und Vogt abstammen, der sich nach dem Dreißigjährigen Krieg im vom Not heimgesuchten Dorf niederließ und zehn Kinder zeugte. Jetzt gibt’s den Beweis schwarz auf weiß: In schier unvorstellbar kleinteiliger Arbeit haben zwei Familienforscher zehn Jahre lang Daten aus Kirchenbüchern und standesamtlichen Unterlagen erforscht, recherchiert, entziffert, systematisiert, verglichen und ausgewertet. Gestern präsentierten die gebürtigen Sprendlinger Ute Sehring (70) und Heinrich Knöß (84) das Ergebnis: das Familienbuch Sprendlingen in zwei Bänden.

Darin dokumentieren sie die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Sprendlinger vom 16. bis teils ins 21. Jahrhundert. Knapp 22 000 Personen in 6 424 Familien haben die Autoren erfasst – und dabei nach dem Grundsatz gehandelt, neben den sogenannten Friedhofsdaten (Geburts- und Sterbedatum) alles Auffindbare zu sammeln und aufzubereiten, um den Menschen und Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten Leben einzuhauchen.

Vor vollen Stuhlreihen zogen Bürgermeister Dieter Zimmer, Pfarrer Winfried Gerlitz und Wilhelm Ott von den Freunden Sprendlingens gestern im Gemeindehaus der Erasmus-Alberus-Gemeinde ihren Hut vor den beiden Familienforschern. Die bewegte es sichtlich, ihr knapp 2000 Seiten umfassendes Werk erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Ort war mit Bedacht gewählt – „hier, wo alles einst begann“, merkte Ute Sehring an. Avancierten doch die Kirchenbücher der Sprendinger Gemeinde zur wertvollsten Quelle der beiden Familienforscher.

Dauergast im Pfarrbüro

Begonnen hatte alles, als Heinrich Knöß’ Enkelin Désirée für die Schule einen Stammbaum brauchte. Der Opa half und tauchte unvermittelt immer tiefer in die eigene Familienforschung ein. Damals, im Jahr 2000, entstand der Kontakt zur bereits erfahrenen Ahnenforscherin Ute Sehring. Zusammen beherzigten sie die Idee, die Sprendlinger Kirchenbücher abzuschreiben, um allen Hobbyforschern und solchen, die es noch werden wollen, die Möglichkeit zu verschaffen, die eigene Abstammung nachzuvollziehen. Ein Ziel, dass sie all die Jahre nicht aus den Augen verloren.

Schultheiß Wendelin Kieffert (1650 - 1681) zeugte im seinerzeit durch den Krieg niedergerafften Dorf Sprendlingen zehn Kinder.

Heinrich Knöß wurde zum Dauergast im Sprendlinger Pfarrbüro, wälzte alte Bestände im Stadtarchiv und erkundete umliegende Pfarramtsarchive. „Meine Frau meint, ich habe die letzten 15 Jahre mehr mit den Ahnen gesprochen als mit ihr“, bemerkt der Sprendlinger augenzwinkernd. Während er Daten sammelte, verwaltete Ute Sehring diese in einer genalogischen Datenbank und ordnete die Personen in die Historie der Familien- und Ortsgeschichte ein. Beide wurden über die Jahre Experten im Entziffern altdeutscher Schrift. „Vor allem der Pfarrer im ersten Kirchenbuch von 1657 hatte eine unmögliche Handschrift“, erzählt Ute Sehring, die seit Langem im Alzenau wohnt, sich aber noch immer eng mit Sprenlingen verbunden fühlt. Was sie und Heinrich Knöß entzifferten, war mal heiter, mal erschütternd. So heißt’s Anno 1697: „Es wird sehr über die Schul geklaget, die Eltern klagen, der Schulmeister halte keine Schule, sonst wollten sie ihre Kinder gerne hineinschicken, der Schulmeister klagt, er wolle gerne Schul halten, wenn man ihm nur Kinder schicke.“ Aus dem Jahr 1712 beschreibt der damalige Pfarrer: „Marie Elisabeth Werner hat ihr in unehren erzeugtes Kind sogleich nach der Geburt jämmerlich und auf eine grausame Weise ermordet, ist in Darmstadt auf dem Zimmerplatz, (...) nachdem sie sich ihre Augen selbst mit Herzhafftigkeit verbunden, mit dem Schwerdt hingerichtet und neben dem Kirchhoff durch ehrliche Leute beerdigt.“

Oft braucht es viele Puzzleteile, um Menschen in solchen Geschichten zuzuordnen. Beide Autoren tüfteln für ihr Leben gern daran. Ihre eigenen Stammbäume haben sie freilich längst rekonstruiert. Hier kommt Stammvater Wendelin Kieffert wieder zurück ins Spiel: „Ich stamme von ihm ab, gleich mehrfach“, sagt Ute Sehring. Heinrich Knöß nicht, dafür aber wiederum Wilhelm Ott, der mit den Freunden Sprendlingens die Aufgabe übernommen hat, die zwei Bände herauszugeben. „Dank zahlreicher Sponsoren und privater Spender ist es gelungen, den Preis für das Familienbuch auf 31,80 zu reduzieren.“

Erhältlich ist das zweiteilige Buch beim Stand der Freunde Sprendlingens auf dem Stadtfest am 3. Oktober.

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