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Ex Zigarette ins Gesicht geschnippt: Sprendlinger muss in den Knast

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Wegen  bandenmäßigen Drogenhandels von Neu-Isenburg aus stehen sechs Angeklagte vor Gericht.
Das Amtsgericht Langen verhängte eine Haftstrafe gegen einen Sprendlinger wegen verschiedener Taten. © Pixelio

16 Monate Haft ohne Bewährung. Das ist das Ergebnis einer mehr als dreistündigen, zähen Verhandlung vor dem Amtsgericht Langen. Der 35-jährige Sprendlinger ist ein alter Bekannter der Justiz und sechsfach vorbestraft, zum Teil einschlägig. Diesmal hat er gleich fünf Tatbestände unter laufender Bewährung zu verantworten: Gefährliche Körperverletzung mit Sachbeschädigung am 14. Juni 2020, zwei Tage später eine Trunkenheitsfahrt ohne Führerschein. Eine weitere einfache Körperverletzung am 27. Juli 2020 wurde nach Paragraf 154 der Strafprozessordnung eingestellt. Sie fiel im Hinblick auf die anderen Vergehen kaum noch ins Gewicht.

Dreieich/Langen - Regelmäßiger Alkoholkonsum über den Durst hinaus spielt(e) im Leben des Angeklagten eine tragende Rolle. Trotzdem kommt eine verminderte Schuldfähigkeit nicht in Betracht. „Sie sind ein geübter Trinker, sie stecken den Alkohol problemlos weg“, konstatiert Richter Volker Horn in seiner Urteilsbegründung. Tatsächlich machen die Promillezahlen jeden „Untrainierten“ stutzig: Zwei Promille am 14. Juni, eineinhalb am 16. Juni, am 27. Juli sogar über drei. Die Trinkmengen variieren zwischen sieben Bier und eineinhalb Flaschen Wodka. So auch bei der ersten Tat.

Der Maler und Verputzer hat wieder einmal Streit mit der Ex-Freundin in der ehemals gemeinsamen Wohnung. Trotz Trennung ihrerseits während seines JVA-Aufenthalts 2018 hält er sich dort häufiger auf. Schon der Kinder wegen. Allgegenwärtige Themen sind das Sorgerecht für die drei Minderjährigen und – wen wundert’s – der Alkohol. Beide sind nicht mehr nüchtern. Irgendwann packt ihn die Wut und der Flachbildfernseher muss dran glauben. „Ich hab’ ihn nur aus der Wandhalterung genommen, wollte ihn mitnehmen. Er ist dabei nicht kaputt gegangen!“, behauptet der Angeklagte. „Er hat sich aufgeregt und gegen den Fernseher geschlagen! Danach war nur noch ein weißes Bild mit Streifen zu sehen“, beteuert die 39-Jährige. Der Wert des guten Stücks ist vor Gericht kein Thema. Dafür umso mehr die anschließende Emotionsentladung: Der Sprendlinger schnippt eine brennende Zigarette ins Gesicht der Verkäuferin. Auch hier divergieren die Aussagen. Die Länge der Flugbahn reicht von 50 Zentimetern bis ein 1,50 Meter, der Landepunkt von der Lippe bis zur Stirn des Opfers. Tatsächlich sieht man auf den Polizeifotos eine Wunde am Mund. Dass der Gesetzgeber eine Kippe als gefährliches Werkzeug einstuft, mag zunächst verwundern. Im Sinne des Strafgesetzbuchparagrafen 224 ist dies jedoch jeder Gegenstand, der nach seiner objektiven Beschaffenheit und nach der Art seiner Benutzung im Einzelfall dazu geeignet ist, erhebliche Verletzungen herbeizuführen. Das Ding hätte ja auch ins Auge gehen können.

Zwei Tage später. Der Angeklagte hat die Nacht durchgezecht und ist nach zwei Stunden Schlaf spät dran, will zur Arbeit. Er greift sich den Autoschlüssel und startet den Mazda seiner Ex. Auf der Eisenbahnstraße muss er wegen eines plötzlich vor ihm bremsenden Transporters nach links ausweichen, überholt und knallt frontal mit dem Gegenverkehr zusammen. Ob mit oder ohne Unfall – ab 1,1 Promille ist man laut Gesetz fahruntüchtig und gilt als verkehrsgefährdend. Der fehlende Lappen kommt noch obendrauf.

Fehlt noch der 27. Juni. Wieder ist die Wohnung der Ex Schauplatz für den Familienstreit. Diesmal sind Bruder und Schwester der 39-Jährigen anwesend. „Ich erinnere mich nur, dass meine Schwester geweint hat und sich aus lauter Panik übergeben musste. Sonst weiß ich nichts mehr“, erklärt die Hauptzeugin. Horn versucht, ihr mit Vorhaltungen aus dem Polizeibericht auf die Sprünge zu helfen: „Sie hatten damals zu Protokoll gegeben, dass der Angeklagte Ihnen einen Kopfstoß auf die Nase und einen Faustschlag auf die rechte Schläfe gab.“ Schweigen. Dazu der Beschuldigte: „Ihr Bruder wollte vermitteln, da hab’ ich ihn weggeschubst und er ist auf ihre Nase geknallt.“ Vom Faustschlag weiß er nichts.

Verteidiger Michael Gensert wirft der Verkäuferin vor, ihre Aussagen seien taktisch motiviert gewesen: „Die Wahrheit stand hier nicht im Mittelpunkt!“ Man könne bei den Taten nicht von bedingtem Vorsatz ausgehen. Er erinnert nochmal an die alkoholisierte Atmosphäre, plädiert für eine „milde Strafe“.

„Wenn er ,normal’ ist, ist er der beste Mensch“, so der Tenor seiner Ex. Nach einer einjährigen Alkoholtherapie in der JVA Preungesheim blieb leider der gewünschte Erfolg aus. Doch der Verurteilte schwört: „Ich trinke heute nicht mehr. Nur noch Bier.“

Von Silke Gelhausen

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