Rebell, Einzelkämpfer und Zweifler

Theaterstück über Martin Luther zeichnet differenziertes Bild des Reformators

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Gerd Schaffert (links) als erwachsener Martin Luther und Frank Binder als Wielandt vom Hünfeld gehen in ihren Rollen auf. Das gesamte Ensemble legte einen starken Auftritt hin. - Foto: Sauda

Dreieich - Die besten Geschichten schreibt das Leben, heißt es. In manchem Fall ist die beste Geschichte sogar die eines einzelnen Menschen, der die Leben vieler bewegt und verändert hat. Von Sina Gebhardt

Zum Reformationsjubiläum hat Sonnhild Grevel eigens ein Stück über Martin Luther geschrieben, das den bezeichnenden Titel „Querschläger“ trägt. Das ehrenamtliche Theaterprojekt wird in den Dekanatsgemeinden aufgeführt, der Startschuss fiel am Sonntag in der evangelischen Kirche Götzenhain. 500 Jahre Reformation verdienen einen Rückblick auf den Mann, der sie möglich machte. Das sehen auch die Besucher so, die das gemütliche Sofa freiwillig gegen die harte Kirchenbank eintauschen – und das an einem Sonntagabend. Doch tatsächlich wird es in der kleinen Kirche kuschelig, wenn mit dem Glockengeläut zur Vorstellung gerufen wird. 24 ehrenamtliche Darsteller machen Luthers Wirken greifbar, die meisten von ihnen haben bereits Erfahrung als Laienschauspieler, wie ihr souveränes Agieren auf der ungewöhnlichen Bühne zeigt.

Gerd Schaffert mimt Luther, der viel mehr als nur ein Reformator war: Ein Rebell, der sich schon als Student dem Willen seiner Eltern widersetzt und sich für ein Leben als Mönch im Augustinerkloster entscheidet. Ein Einzelkämpfer, der es wagt, den Papst anzuzweifeln („Der Papst und die Kardinäle sind nur Menschen, die sich irren können.“) und den Ablasshandel zu kritisieren („Die Errettung eines Christen erfolgt nicht durch den Ablasshandel.“). Aber er war auch ein Zweifler, wie Grevel bei ihrer Recherche für das Stück besonders ins Auge sprang: „Das hat mich am meisten an Luthers Geschichte bewegt, wie er von einem unsicheren Menschen zu einem so streitbaren Kämpfer wurde“, sagt die Autorin, die auch für die Inszenierung verantwortlich zeichnet.

Historische Fakten und künstlerische Freiheit treffen bei dem Stück aufeinander. Grevel, deren Feder bis dato Komödien entsprangen, hat sich aber auch hier ihre Leichtigkeit nicht nehmen lassen. In einer Szene springt die Handlung etwas willkürlich in die Gegenwart, wo Luther auf eine Reporterin trifft. Der Kontrast der 500 Jahre auseinander liegenden Zeiten lockert das ernste Stück auf, wenn Luther – konfrontiert mit den heutigen Informationsquellen – voller Bewunderung bemerkt: „Dieser Wikipedia muss ein großer Gelehrter sein.“ Tatsächlich dient die Szene der leichtfüßigen Faktenvermittlung, von seiner Exkommunikation und Reichsächtung über die Zeit als Junker Jörg auf der Wartburg bis hin zur Vernunftehe mit Katharina von Bora.

Auf den Spuren Luthers quer durch Deutschland

Mit dem Ausbruch der Bauernaufstände neigt sich das Stück dem Ende zu. Vergeblich versucht Luther zu verhindern, dass der grausame Fürstabt Hartmann – Holger Schmidt hat sichtlich Gefallen an seiner bösartigen Rolle – den Aufständischen zum Opfer fällt. „Mein Gott, das habe ich nicht gewollt“, sind die letzten Worte, als der imaginäre Vorhang fällt. Damit kommt abschließend die Bedeutung des Titels zum Tragen, denn nicht nur Luther selbst war ein „Querschläger“, wie Grevel erläutert: „Er wollte nie eine Spaltung der Kirche oder die Bauernkriege. Diese Schüsse gingen eben nicht ins Ziel, sondern sind quer geschlagen.“

Die Mitwirkenden an dem Theaterprojekt werden von den Besuchern gefeiert und mit viel Applaus belohnt. So kann das Ensemble hochmotiviert in die nächsten Aufführungen starten: Am 5. Februar gastiert die Truppe in der Neu-Isenburger Johanneskirche, am 12. Februar in der Stadtkirche Langen und am 5. März ist in der Egelsbacher Kirche die Abschlussvorstellung. Alle Aufführungen beginnen um 17 Uhr.

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