Mann reißt Fußgängerin aus dem Leben

Tödlicher Unfall in Sprendlingen: BMW-Fahrer vor Gericht

Dreieich - Auf knapp 80 Sachen beschleunigt ein junger Mann seinen BMW in der Sprendlinger Innenstadt, als nachts vor ihm eine Frau in Scheinwerferlicht auftaucht. Von Cora Werwitzke 

Es kommt zur folgenschweren Kollision: Die Fußgängerin erliegt einige Tage später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Der Unfallfahrer muss sich gestern wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Knapp eineinhalb Jahre liegt der fatale Unfall zurück. Doch als die Staatsanwältin vorliest, was ihm zur Last gelegt wird, ringt der Angeklagte sichtlich um Fassung. Inzwischen ist der Dreieicher 23 Jahre alt, sein Opfer war zum Unfallzeitpunkt nicht wesentlich älter: Die Frau wurde nur 30 Jahre alt. Zum Verhängnis wird ihr, dass sie in einer Dezembernacht 2014 kurz vor Mitternacht die Frankfurter Straße überqueren will. Doch ehe sie den Bürgersteig in Höhe der Hausnummer 33 erreicht, erfasst sie der BMW und schleudert sie durch die Luft. Die Ärzte im Krankenhaus können der schwerst Verletzten nicht mehr helfen.

Der Mann auf der Anklagebank kennt das Gericht von Innen. Drei Mal musste er als Jugendlicher wegen kleinerer Delikte vorstellig werden, letztmals 2010. Im aktuellen Fall macht er keine Anstalten, sich zu verteidigen: Er sei auf dem Weg zu seiner Freundin gewesen, als er einen Bekannten an der Bushaltestelle stehen sah. Er bot dem Kumpel an, ihn nach Hause zu fahren, deshalb machte er mit seinem BMW kehrt und fuhr die Frankfurter Straße in Richtung Norden entlang. Der Angeklagte bestreitet nicht, dass er zu schnell unterwegs war. Als die Frau im Lichtkegel des Autos auftauchte, „habe ich alles getan, um sie nicht zu treffen“, sagt er.

Am Asphalt ist sein vergeblicher Brems- und Ausweichversuch ablesbar. „Hätte er sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit von Tempo 50 gehalten, wäre er zwei, drei Meter vor der Fußgängerin zum Stehen gekommen“, schildert ein Sachverständiger. So aber muss der Experte in allen Details ausführen, wie der Aufprall anhand von Spuren abgelaufen ist. Demnach trug die Frau eine schwarze Jacke und querte die Straße an einer Fußgängerampel, die zu diesem Zeitpunkt allerdings ausgeschaltet war. Offen bleibt, ob sie in der Schrecksekunde einige Schritte rückwärts tat, genau in die Richtung, in die der Fahrer auszuweichen versuchte.

Auf Nachfrage von Amtsrichter Volker Horn schildert der Angeklagte, dass er sich vor Kurzem in psychologische Behandlung begeben habe. Ohne Schulabschluss arbeitete er zum Unfallzeitpunkt in einem Schnellimbiss, hörte dort aber auf, weil er ständig auf den Unfall angesprochen wurde. An seiner neuen Arbeitsstelle droht ihm nun die Kündigung, sollte er im Zuge des Urteils den Führerschein verlieren. „Ich fahre nur noch, wenn’s sein muss – für die Arbeit. Ich habe kein eigenes Auto mehr“, gibt er zu Protokoll.

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Emotional wird es, als der Ehemann des Unfallopfers zitiert wird: „Mein Mandant wünscht sich nur eines: Dass Sie das, was passiert ist, nie vergessen“, so der Anwalt des Nebenklägers. „Er kann durchaus zwischen ,fahrlässig‘ und ,absichtlich‘ unterscheiden – aber das bringt ihm seine Frau nicht zurück.“ Sein Mandant erscheine nicht selbst vor Gericht, weil er schwer erkrankt sei und sich nicht in der Lage sehe, dem Angeklagten gegenüberzutreten.

Diese Worte sitzen. „Mein Beileid, es tut mir alles wirklich leid“, äußert der 23-Jährige, ehe sich Richter Horn zur Urteilsfindung zurückzieht. Die Schuld des Angeklagten steht dabei außer Frage, zumal er der Polizei schon 2013 als Temposünder in eine Radarfalle getappt war. Beim Strafmaß hält sich der Richter an die von der Staatsanwältin geforderten sechs Monate Haft auf Bewährung und 150 Arbeitsstunden für einen gemeinnützigen Zweck. Die größte Strafe bleibt ohnehin, ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. „Es liegt fahrlässige Tötung vor“, bestätigt Horn – und ergänzt: „Der Angeklagte trägt erhebliche Schuld, am Ende des Tages ist aber auch das Unfallopfer mitschuldig, da es den Verkehr offenbar nicht beachtete.“

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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