Über „Kamerun“ in die Rosenau

Ausstellung zeigt Entwicklung des Reitsports in Sprendlingen und Buchschlag

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Wilhelm Ott (rechts), Vorsitzender der Freunde Sprendlingens, eröffnete gemeinsam mit Vorstandsmitgliedern des Geschichtsvereins Buchschlag die Schau im edlen Ambiente des Hofguts Rosenau.  

Dreieich - Das Zeug zum Bürgermeister hätte er nach heutigen Maßstäben eher nicht. Stationen des Pferdeliebhabers und Schriftstellers Rudolf Georg Binding zeichnet eine Ausstellung nach, die der Geschichtsverein Buchschlag gemeinsam mit den Freunden Sprendlingens konzipiert hat. Die Schau im Hofgut Rosenau beleuchtet zudem die Entwicklung des Reitsports in Sprendlingen und Buchschlag. Von Frank Mahn 

Buchschlags erster Bürgermeister führte ein unstetes Leben. Rudolf G. Binding, 1867 als Sohn einer traditionsreichen Anwaltsfamilie in Basel geboren und 1938 in Starnberg an Tuberkulose gestorben, brach sowohl Jura- als auch Medizinstudium ab. Allein als Pferdekenner wurden ihm in jungen Jahren Ruhm und Anerkennung zuteil. Binding versuchte sich als Züchter, bei Rennen und Turnieren und war auch dem Wetten nicht abgeneigt. Als Rittmeister bei den Grimmaer Husaren genoss Binding das Ansehen der Kavalleristen, finanziell allerdings steckte er meistens in der Klemme. Auch privat lief es nicht rund, die 1907 geschlossene Ehe mit Helene Wirsing machte Binding auf Dauer nicht glücklich. Mehr und mehr widmete er sich der Literatur, verfasste Gedichte und Prosatexte. 1913 übernahm Binding das Bürgermeisteramt der neuen Gemeinde Buchschlag, es sollte ein Neubeginn hin zu einem bürgerlichen Leben sein.

Doch am Schreibtisch hielt es Binding nicht lange. Wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete er sich als Freiwilliger. „Bindings Beteiligung am Krieg und seine Entscheidung, sich freiwillig zu melden, gaben seinem bisherigen Leben nachträglich Bestätigung, Richtung und Sinn – nachdem er vorher vieles begonnen und wenig erfolgreich realisiert hatte“, erfährt der Ausstellungsbesucher auf einer der Stellwände. Allerdings bestieg Binding nach seiner Rückkehr aus dem Krieg 1918 und nach der Genesung von einer schweren Ruhr nie mehr ein Pferd.

Während auch seine zweite Ehe mit der Schweizerin Agnes Hedwig Blaser mit der Scheidung endete, ging es in literarischer Hinsicht steil bergauf. Viele seiner Bücher wurden in den zwanziger Jahren zu Bestsellern. Dazu zählt die Erzählung „Reitvorschrift für eine Geliebte“. Damit gewann Binding 1928 gar eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Amsterdam – von 1912 bis 1948 wurden bei Olympia nicht nur sportliche Höchstleistungen belohnt, sondern auch künstlerische.

Während der Geschichtsverein Buchschlag Bindings Nachlass sichtete, konzentrierten sich die Freunde Sprendlingens auf die Historie des Hofguts Mariahall in Sprendlingen und die Entwicklung des Reitsports bis hin zum neuen Hofgut Rosenau. Das hat der Unternehmer Hans Nolte gebaut und mit der „wohl modernsten Dressursportanlage Deutschlands ein Aushängeschild für Dreieich geschaffen“, wie Erster Stadtrat Martin Burlon sagte.

Keine Reiterhof-Romantik: Pferdewirt ist ein Knochenjob

Eine Leidenschaft für Pferde hatte auch Wilhelm Moessinger. Der Unternehmer aus Frankfurt begeisterte sich für Trabrennen und machte das Hofgut Mariahall Ende des 19. Jahrhunderts zum führenden Trabergestüt Deutschlands. Zwischen Hengstbach und Hainer Chaussee – auf dem Gelände des heutigen Parkschwimmbads – ließ Moessinger eine Trainingsbahn anlegen, mit Deckhengsten aus Amerika begann auf Mariahall eine erfolgreiche Traberzucht.

Weil der Bestand stetig anwuchs, kaufte Moessinger weitere 15 Hektar Grund in Breitensee. Dort ließ er einen Stall mit 40 Boxen und eine 1 200 Meter lange Bahn bauen. Im Volksmund wurde das Gelände „Kamerun“ genannt, weil es – wie die deutsche Kolonie – weit ab vom Schuss lag. Bereits 1902 wurde die Dependance wieder stillgelegt, Mariahall hingegen wurde weiter ausgebaut und bot vielen Sprendlingern einen Arbeitsplatz. Vom Glanz des 1965 abgerissenen Herrenhauses zeugen nur noch zwei Löwen, die den Treppenaufgang zierten und heute am Haupteingang des Sprendlinger Friedhofs zu sehen sind.

Die Ausstellung im Hofgut Rosenau kann an den sechs Samstagen 23. und 30. April, 7., 21. und 28. Mai sowie 4. Juni kostenlos besichtigt werden. Allerdings ist eine Anmeldung beim Ticket-Service des Sprendlinger Bürgerhauses, 06103/60000, erforderlich. Beginn ist jeweils um 10 Uhr. Ergänzend zur Ausstellung gibt es ein Booklet, das für acht Euro erworben werden kann.

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