Von Dreieich in die Provinz Thailands

Jedes Lächeln lässt Raum für Deutungen

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Vanessa Hillabrand aus Dreieichenhain berichtet von ihren Erfahrungen in der thailändischen Provinz. Hier ist sie vor einer Buddha-Statue in Sukhotai.

Dreieich - Das Abi in der Tasche, hat Vanessa Hillabrand (19) die Koffer gepackt und sich von Dreieich aus ins Abenteuer Thailand gestürzt. In der Provinzstadt Kamphaeng Phet, 360 Kilometer nordwestlich von Bangkok gelegen, engagiert sie sich ein Jahr lang im Internationalen Freiwilligendienst.

Wie es sich anfühlt, zwei Mal täglich die Nationalhymne zu hören und immer von lächelnden Menschen umgeben zu sein, schildert sie uns heute:

Manchmal sind kleine Begegnungen sehr repräsentativ: Jeden Morgen kommt die Putzfrau der Schule ins Lehrerzimmer und fragt mich lächelnd, ob ich schon gegessen habe. Und jeden Morgen antworte ich: „Gin laeo kha“ (Ja, ich habe schon gegessen). Das ist sehr exemplarisch für Thailand – wichtig ist Freundlichkeit ... und Essen. Lächelnde Menschen sind allgegenwärtig. Wenn sie besonders breit lächeln, weiß ich inzwischen, dass sie mich nicht verstanden haben.

Seit sechs Monaten arbeite ich als Lehrer-Assistentin in Kamphaeng Phet – ein beschauliches Städtchen in Zentralthailand. Hier gibt’s zwar keine Burgruinen wie zu Hause, dafür aber Tempelruinen. Abgesehen davon ist hier einiges anders als in Dreieich. An jeder Ecke stehen Straßenverkäufer, die Obst, gebratene Bananen, Nudelsuppe, Klebreis oder Thaidesserts verkaufen. Am Straßenrand wachsen Bananen und Mangobäume, der Straßenverkehr hat keine erkennbaren Regeln und an der Kamphaeng Phet Pittayakom School werden 3000 Schüler unterrichtet. In jeder Klasse tummeln sich bis zu 50 Schüler, was ein effizientes Unterrichten oft erschwert.

Ausgeprägte Freundlichkeit

Alle Schüler tragen Uniformen; der Vaterlandsstolz spielt hier eine wichtige Rolle. Jeden Morgen versammeln sich Schüler und Lehrer auf dem Apellplatz, wo die Flagge gehisst und die Nationalhymne gespielt wird. Auch in jedem andern öffentlichen Gebäude und im Radio erklingt die Hymne. Außerdem gibt’s für die jüngeren Schüler eine Art vormilitärischen Unterricht. Die Älteren können sich zum Wehrdienst melden, der dann auch in der Schule gehalten wird. Für mich ist es etwas befremdlich, meine Schüler mit Stechschritt um das Schulgebäude marschieren zu sehen – angetrieben von einem Soldaten, der ihnen laufend Befehle zubrüllt. Zudem salutieren sie mir, wenn sie mich begrüßen. Als das erste Mal ein Schüler vor mir salutiert hat, habe ich hinter mir nach einem Soldaten Ausschau gehalten. Im Endeffekt mussten wir beide darüber lachen.

Die 19-Jährige bei einer Parade zum Sporttag.

Immer wieder interessant ist, wenn die Nationalhymne auf öffentlichen Plätzen ertönt: Ich bin abends auf dem Markt, belebtes Wirrwarr, es ist laut – und dann, plötzlich um 6 Uhr, schallt aus irgendeinem Lautsprecher die Hymne, alle bleiben wie angewurzelt stehen und schweigen. Verklingt der letzte Ton geht es weiter als wäre nichts gewesen. Die ausgeprägte Freundlichkeit wird durch den Nationalstolz gegenüber Ausländern noch verstärkt. So erfahre ich hier Gastfreundschaft in einem Maße, wie ich es noch nirgendwo erlebt habe. Schon einen Monat nachdem ich hier war, hat mich eine Lehrerin, die inzwischen so etwas wie meine zweite Mama ist, mit ihrer Gebetsgruppe auf eine Tour in den Norden mitgenommen. Sie kannte mich noch nicht gut und obwohl auch ich außer ihr dort niemanden kannte, habe ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt. Auch meine Gasteltern sind beispielhaft für die Großzügigkeit der Thais. Sie bemühen sich redlich darum, dass es mir an nichts mangelt.

Keine offenen Aussprachen

Generell tritt das Prinzip des Teilens besonders beim Essen hervor. Für die meisten Thais ist Essen eines der wichtigsten Tagesthemen. Man kann sich stundenlang darüber unterhalten, was man zu abend gegessen hat und wo man das beste „Somtam“ kaufen kann, welches Restaurant am besten ist und wie viel man für den Fisch auf welchem Markt bezahlt. Die Essenszeiten werden penibel eingehalten. Das jemand genug zu essen hat, gehört zum guten Ton. Man bekommt ständig etwas angeboten, das man dann auch annehmen sollte.

Im „Land des Lächelns“ sagt auf der anderen Seite kaum einer, was er denkt. Offene Aussprachen finden nicht statt aus Angst davor, das Gesicht zu verlieren. So enden vermeidbare Konflikte in persönlichen kalten Kriegen und in der Regel auch in der Gerüchteküche. Negative Emotionen werden oft mit sich selbst ausgetragen und mit einem Lächeln überspielt. Diese Form der indirekten Kommunikation wirkt auf mich sehr fremd, hat aber auch so seine Vorteile: Das Leben ist sehr viel entspannter, wenn die Leute lächeln, obwohl sie einen schlechten Tag haben, ihre Konflikte nicht direkt vor Unbeteiligten austragen und man gegenseitige Animositäten nur unterschwellig oder gar nicht wahrnimmt.

Thailand: Straßenschlacht in Bangkok (2013)

Proteste in Thailand - Straßenschlacht in Bangkok

Alles in allem empfinde ich die thailändische Kultur, von der ich bislang nur einen Ausschnitt kennengelernt habe und von dem ich jetzt nur einen Bruchteil wiedergeben kann, als extrem spannend und sehr schön.

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